Video_Good Kill

Death from Above

Fernab der nahöstlichen Schlachtfelder schaltet ein ehemaliger Kampfflieger vermeintliche Terroristen per Knopfdruck aus. Andrew Niccols klinisch bebilderte Kritik am amerikanischen Drohnenkrieg trägt Züge eines kühlen SF-Dramas.    20.05.2015

Einst bekämpfte Major Tom Egan (Ethan Hawke) die terroristische Bedrohung vom Himmel aus. Auch nach seiner Versetzung zum Bodenpersonal auf einem geheimen Stützpunkt im sonnigen Las Vegas klammert sich der Familienvater an die Hoffnung, dem islamistischen Feind künftig wieder als waghalsiger Flieger begegnen zu dürfen. Von seiner neuen Dienststelle aus - tausende Kilometer von den umkämpften Wüstenstädten entfernt -, wird der Krieg nämlich nur noch in klimatisierten Containern mittels Headset und Joystick geführt. Den Finger am Abzug hat Tom, der Drohneneinsätze auf Kommando mit gezielten Raketenabschüssen (und im Optimalfall einem "Good Kill") erfolgreich vollendet. Es ist ein militärischer Einsatz mit Videospielcharakter, chirurgisches Töten auf Tastendruck. Das persönliche Risiko für Leib und Leben ist von vornherein ausgeschaltet - ein Umstand, der Major Egan zusetzt und ihn aus dem psychologischen Gleichgewicht wirft.

 

 

Es ist eine mentale Abwärtsbewegung, deren Ausgangspunkt sich in der umfassend abgeschotteten Lebenswelt des versetzten Soldaten findet. So grenzt der auf sterile Harmlosigkeit und Abgeschiedenheit getrimmte Alltag des Expiloten, der den lebensgefährlichen Rausch früherer Kampfeinsätze vermißt, ans Surreale. Der Wodkatrinker und Mustangfahrer Egan residiert in einer geisterhaft entvölkert wirkenden Vorstadtsiedlung mit Puppenhausflair. Seinem Hochsicherheitsarbeitsplatz nähert er sich - lautstark beschallt von radiotauglicher Rockmusik - auf einem menschenleeren Highway. Kontrollierte Ruhe umfängt denn auch die angesteuerte Militärbasis.

Drehbuchschreiber und Regisseur Andrew Niccols wird in erster Linie mit pessimistisch gefärbten Zukunftsszenarien in Verbindung gebracht. In seinem Erstling "Gattaca" (1997) versuchte Ethan Hawke in einer genmanipulierten Oberklassengesellschaft zu überleben; die von Niccol verfaßte "Truman Show" (1998) überzeichnete den einsetzenden Reality-Show-Wahnsinn bravourös. Und obwohl in der Jetztzeit angesiedelt, wirkt "Good Kill" derart abgekoppelt vom vorherrschendem Bild dreckig-brutaler Kriegstreiberei, daß der Film zumindest in die Nähe des Science-Fiction-Sujets rückt.

Tom Egan hadert insbesondere mit der eingebüßten Gefahr, die seine Lufteinsätze zuvor noch bargen. Durch das bislang eingegangene Risiko hatte er seiner Familie - und nicht zuletzt sich selbst - die Mitwirkung am Anti-Terrorkrieg auch moralisch begründen können. Doch in der stationären Containerwelt gelten andere Regeln. Dort werden die fragwürdigen Befehle einer gesichtslosen Obrigkeit per Knopfdruck ausgeführt und Kollateralschäden an der Zivilbevölkerung skrupellos und schmerzlich unmittelbar in Kauf genommen. Es ist dieses fundamental veränderte, geheimniskrämerische Antlitz eines hochmodernen Krieges, das Egans mentale Stabilität und in weiterer Folge auch sein Familienleben gefährdet.

Der Mittvierziger Ethan Hawke ist nach wie vor in der Lage, innerlich zerrüttete Charaktere, die überfordert unter einer übergroßen Last zusammenzubrechen drohen, glaubhaft zu interpretieren. Im flackernden Mienenspiel Hawkes sind Überbleibsel früherer Darstellungen, die bis in seine Kinderstar-Tage zurückreichen, zu finden.

In Niccols absurd makelloser, merkwürdig entleerter Welt scheint der Übergang in eine Art moralisches Endzeitalter fließend vonstatten gegangen zu sein. Sein kritischer Blick auf den amerikanischen Nahostfeldzug wirkt zwar phasenweise plakativ, insbesondere wenn die CIA als düstere, unheilbringende Macht ins Spiel gebracht wird. Dennoch funktioniert sein reduziert-kühler Ansatz, nicht zuletzt dank einer adäquat besetzten Hauptrolle.

Dietmar Wohlfart

Good Kill

ØØØ 1/2

Leserbewertung: (bewerten)

Ascot Elite Home Entertainment (Irland/GB 2014)

99 Min. + Zusatzmaterial dt. Fassung oder engl. OF

Features: Trailershow, Originaltrailer

Regie: Andrew Niccol

Darsteller: Ethan Hawke, Zoë Kravitz, January Jones u. a.

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