Video_John Wick

A Man and his Dog

Daß man mit des Menschen besten Freund keine Späße treibt, wissen kluge Köpfe nicht erst seit Jack Ketchum oder "Rover". Auch der ewige Bube Keanu Reeves versteht es in Chad Stahelskis durchgestyltem Hochgeschwindigkeits-Actioner gekonnt, Faustwatschen auszuteilen und Faustfeuerwaffen einzusetzen.    05.06.2015

Zufall oder Fügung? Als der russische Gangsterbaron Viggo Tarasov (Michael Nyqvist) erfahren muß, wen sich sein Sohn Josef (Alfie Allen) gerade zum Todfeind gemacht hat, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag. Josef, der fiese Schwachkopf und verwöhnte Möchtegern, wird dagegen erst mit erheblicher Zeitverzögerung begreifen, mit wem er es ab jetzt zu tun tat. Zuvor war der Grünschnabel mit seinem Offert für einen alten Mustang in Bestzustand beim wortkargen Besitzer abgeblitzt. Daraufhin hatte Tarasov jun. den ihm Unbekannten mit seiner Gang überfallen, den Hausherrn niederschlagen und dessen Anwesen verwüsten lassen. Den Edel-Oldtimer raubte der unwissende Josef, aber erst nachdem er den jungen Haushund erschlagen hatte. Der attackierte "Niemand" entpuppt sich jedoch als John Wick (Keanu Reeves), ein gefürchteter Hitman, der einst in Viggo Tarasovs Diensten stand. Der einsilbige Superkiller hatte sich - seiner jungen Gattin zuliebe - von Tarasov und seinen blutigen Machenschaften losgeeist. Doch das Eheglück stand unter keinem guten Stern: Wicks Frau verstarb früh, der Witwer blieb gebrochen zurück. Hund "Daisy" war ein letztes Geschenk seiner geliebten Frau. Verletzt, alleine und wütend meldet sich John Wick aus dem Ruhestand zurück.

 

Er ist die hochmoderne Version des eiskalten Loners, der auf Genugtuung aus ist: Kopfgeldjäger John Wick steht für die menschgewordene Heimsuchung. Dem ahnungslosen Tarasov-Sohn auf den Fersen, hinterläßt der Todesengel eine Schneise der Verwüstung und häuft am Ende einen beachtlichen Bodycount an.

Vor einem halben Jahrhundert wäre ein Filmcharakter vom Schlage eines John Wick noch auf einem Gaul in die zur Zerstörung vorgesehene, staubige Ortschaft eingeritten, um sein blutiges Tagwerk zu verrichten. Doch die Zeiten haben sich geändert: Rein stilistisch orientiert sich "John Wick" deutlich und sicher nicht zufällig an der "Matrix"-Trilogie (an der das Regie-Duo Chad Stahelski und David Leitch bereits mitarbeitete). Schnell geschnitten, farbreduziert und mit treibenden Synthie-Beats unterlegt, spielt sich die Zerstörungsorgie in einer eng umfaßten, stets schattigen Parallelwelt ab. In der gelten eigene Gesetze - zumeist von Tarasov erlassen. Eine Ausnahme bildet das Luxushotel "Continental", in dem die elitäre Killerzunft Zuflucht sucht, um Kräfte zu sammeln. Dort leben die Gäste auf dem neutralen Boden des exklusiven Hauses einen Nichtangriffspakt. Zumindest solange, bis Viggo Tarasov die Regeln bricht ...

 

Die Noir-Elemente in "John Wick" sind deutlich präsent, wenngleich die adaptierten Versatzstücke eine monochrome Oberflächenpolitur verpaßt bekommen haben. Der zivile Alltag wird dabei konsequent ausgeblendet. Vielmehr wird dieses Gangster-Pandämonium von Gestalten wie der todbringenden Amazone Ms. Perkins (schön lasziv: Adrianne Palicki) oder dem einflußreichen Hotelbesitzer Winston (Ian McShane) bevölkert. Perkins, Winston und Konsorten definieren sich in erster Linie durch ihren unzweideutig halbseidenen Habitus; erklärende Biographien erübrigen sich gänzlich.

Keanu Reeves ist sein Lebensalter von einem halben Jahrhundert nicht anzumerken: Mit forcierter Coolness bewältigt er seinen Rachefeldzug im Grunde wie ein wesentlich jüngerer Mann. Dessen ungeachtet gerät die Maschine "John Wick" im Finish aus dem Takt: Wenn die Motive der Simpelstory von den Protagonisten verbal ausformuliert werden, büßt der Sensenmann schlagartig sein übermenschliches Antlitz ein. Die Beibehaltung der zuvor etablierten Dialogarmut wäre dem Gesamteindruck eher dienlich gewesen. Denn viele Worte hat ein Mann wie John Wick sowieso nicht nötig.

 

Dietmar Wohlfart

John Wick

ØØØ 1/2

Leserbewertung: (bewerten)

Studiocanal (USA 2014)

101 Min. + Zusatzmaterial dt. Fassung oder engl. OF

Regie: Chad Stahelski

Darsteller: Keanu Reeves, Michael Nyqvist, Willem Dafoe u. a.

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Video
Aftermath

Schicksalsgefährten ohne Zukunft

Ein Flugzeugunglück gebiert zwei tragische Figuren und verbindet sie auf unheilvolle Weise. In Elliot Lesters "Aftermath" - einer schlicht formulierten, überraschungsarmen Meditation über Trauer und Wut - übt sich Arnold Schwarzenegger in vehementer Zurückhaltung.  

Video
I Am A Hero

Held des Tages

Ein gescheiterter Comic-Zeichner behauptet sich unbeholfen, aber tapfer in den Wirren einer Zombie-Epidemie. Shinsuke Satos Adaption des gleichnamigen Manga-Erfolgs "I Am A Hero" bietet Kurzweil und satte Splatter-Action auf japanischem Boden.  

Video
The Eyes Of My Mother

Augenauswischerei

Nicolas Pesces karges Horror-Kleinod "The Eyes Of My Mother" widmet sich voll und ganz den verstörenden Anwandlungen seiner traumatisierten Hauptfigur, hat dabei aber außer stilvoller Schwarzweißoptik wenig zu bieten.  

Video
The Autopsy Of Jane Doe

Ain´t no grave

Ein Leichnam als Machtzentrum des Bösen: Brian Cox und Filmsohn Emile Hirsch setzen bei der Ergründung eines mysteriösen Leichenfunds dunkelste Mächte frei. "The Autopsy Of Jane Doe" macht vieles richtig und ist ein Schocker im besten Sinne.  

Video
Paterson

Lakonie und Leidenschaft

Mit dem Zeitlupenkleinod "Paterson" gelingt Jim Jarmusch ein cineastischer Gegenentwurf zu all der Schnellebigkeit und Selbstinszenierungsgier unserer Zeit. Zentrum und Ruhepol des Films ist Adam Driver als eigenbrötlerischer Freigeist.  

Video
Train To Busan

Todeszug nach Busan

Ein junger Manager besteigt gemeinsam mit seiner entfremdeten Tochter den Expreßzug nach Busan. Im Fahrtpreis inbegriffen: rasende Zombies mit hohem Infektionspotential. Die südkoreanische Untoten-Hatz orientiert sich an westlichen Vorbildern, ohne dabei deren Qualitätsstandards zu erreichen.