Video_Blood on Méliès Moon

All you need is Love

Beim Festival des Phantastischen Films 2016 im katalanischen Sitges sorgte er für Standing Ovations: "Blood on Méliès Moon" von Luigi Cozzi gehört zum Eigenwilligsten und möglicherweise Schönsten, was einem Filmnerd, der im klassischen Genrekino zu Hause ist, derzeit passieren kann. Österreichs Kino- und Festivalbetreiber haben dieses Kleinod (bis auf eine einzige Ausnahme) völlig verschlafen. Gott sei Dank gibt´s seit kurzem die DVD.    13.07.2017

Luigi Cozzi gilt als Veteran des italienischen Genrefilms, auch wenn sich sein Bekanntheitsgrad in unseren Breiten in überschaubarem Rahmen hält. Er war bzw. ist im Giallo ebenso zu Hause wie im SF/Fantasy-Bereich, im Erotikthriller wie im Horrorfilm. Auch wenn er in einem aktuellen Interview behauptet, er habe eigentlich nie einen reinen Horrorfilm gedreht, ist seine Affinität zum Grusel nicht zuletzt durch seine Geschäftsführerschaft beim römischen Kultgeschäft Profondo Rosso gegeben, das ja wiederum Horrormaestro Dario Argento gehört. Zudem hat sich der stark in der Popkultur verankerte Cozzi, dessen 1980er-Streifen "Astaron" in Österreich sogar zur Gründung einer New-Wave-Band gleichen Namens führte, in den vergangenen Jahrzehnten als Sachbuchautor im Bereich Horror- wie auch Genrefilme im allgemeinen einen hervorragenden Namen gemacht. Lesen Sie dazu mehr in unserer EVOLVER-Story Rot in Rom.

Nach 27 Jahren hat Cozzi, der "Chronist des Italo-Horrors", wieder einen Film vollendet: ein quietschbuntes, von mitreißend-skurrilen Ideen überbordendes Low-Budget-Spektakel, das die Geschichte des Films von den Gebrüdern Lumière an gleichsam neu erzählt, versehen mit Tonnen an überraschenden Twists und herzerfrischenden Filmzitaten. Im St. Pöltner Cinema Paradiso (als einzigem Lichtspieltheater Österreichs) stellte Cozzi am 25. März 2017 persönlich seine Liebeserklärung ans Kino auf der großen Leinwand vor, die 2016 schon beim größten Phantastikfilm-Festival Europas in Sitges für Standing Ovations sorgte: "Blood on Méliès Moon".

Jetzt gibt es selbige auch auf DVD. Und eines gleich vorweg: sie ist schlichtweg großartig.

 

Zur Story: Frankreich, 1890. Der Erfinder Louis Le Prince verschwindet unter ungeklärten Umständen spurlos in einem Zug nach Paris, nachdem er ein Gerät geschaffen hat, das - fünf Jahre später - in ähnlicher Form von den Gebrüdern Lumière als Cinematograph angepriesen wird. Ein übler Verdacht steht seitdem im Raum: Kann es sein, daß die Brüder Le Princes Idee gestohlen hatten und diesen danach einfach um die Ecke bringen ließen? Dieses Geheimnis währt nun schon länger als ein Jahrhundert, als eines Tages Luigi Cozzi (Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion) im Profondo Rosso ein ihm unbekanntes Buch mit dem kryptischen Titel "The Roaming Universe" vorfindet - ein Buch, das, so erfährt er, bei einer vor kurzem stattgefundenen spiritistischen Sitzung in Rom in grünem, ektoplasmatisch anmutendem Schleim materialisiert zu sein scheint.

Die Teilnehmerinnen jener Sitzung, ein Zirkel recht apart-sinistrer Hexen, fühlen sich seitdem von grauenerregenden Visionen sowie einer (eh kloa!) dunklen Gestalt verfolgt, die auch vor blutigen Attacken nicht haltmacht. Somit erlangt ein namenloses Grauen ins Profondo Rosso Einlaß. Für Luigi sowie dessen Gattin Letizia ist´s fürs erste aus mit der charmanten Grusel-Gemütlichkeit zwischen Verkaufsgesprächen, dem Schreiben von Büchern und Träumen von verspätetem Weltruhm. Nicht nur, daß auf Spiegeln plötzlich mit Blut geschriebene Worte zu lesen sind wie "The Images are looking at you!", taucht auch noch - wie aus dem Nichts - ein mysteriöser Fremder auf, der sich auf der Suche nach besagtem Buch befindet. Dieser berichtet von einer geheimnisvollen Kamera aus dem Besitz der Gebrüder Lumière, mit der der Filmpionier Georges Méliès einen seiner Stummfilme gedreht und somit offenbar einen dräuenden Weltuntergang heraufbeschworen hat, da der verschwundene Erfinder Le Prince, so sagt man, mit "der anderen Seite" im Bunde war und diese Kamera dabei eine zentrale Rolle gespielt haben könnte.

Buch, Kamera, Film - einiges weist darauf hin, daß unsere Welt, wie wir sie kennen, offenbar nicht die einzige ist, wir es also mit Paralleluniversen zu tun haben, zwischen denen es auch Durchgänge gibt. Und einer davon befindet sich nun, nicht unbedingt zu Cozzis Gaudium, direkt im Keller des Profondo Rosso.

 

Luigi versucht, etwas Licht in die dunkle Sache zu bringen, wobei ihm seine Kenntnis der Filmgeschichte, seine ansteckende Zuneigung zum Kino sowie sein großer Freundeskreis aus Filmemachern, Privatgelehrten und sympathischen Sonderlingen, die ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen, recht hilfreich sind. Dann ist da auch noch der Fremde, der über ziemlich eigenwillige Fortbewegungsmittel verfügt, die wie aus der (Stummfilm-)Zeit gefallen zu sein scheinen. Aber die Pforten zwischen hüben und drüben drohen immer löchriger zu werden, und eine kosmische Katastrophe ungeahnten Ausmaßes bahnt sich unaufhaltsam an. Rettung scheint unmöglich zu sein ... doch gibt´s da ja auch noch etwas, das sich Liebe nennt.

"It´s a work of love", meint Cozzi am Tag der Österreich-Premiere, als wir trotz der etwas kühlen Temperaturen im Schanigarten des Cinema Paradiso sitzen. Einige Jahre hat´s gedauert, den Film, eine Profondo-Rosso-Eigenproduktion, fertigzustellen: einen selbstfinanzierten Low-Budget-Film, gedreht mit ein paar Profischauspielern wie Philippe Beun-Garbe, vielen Spezis aus Cozzis künstlerischem Umfeld wie Lamberto Bava oder Dario Argento und - nicht zu vergessen - mit seiner auch im realen Leben umwerfend charmanten Ehegattin Maria Letizia, die zusätzlich als Produzentin in Erscheinung tritt. Der Film selbst ist ein herrlicher Mix aus Home-Movie-Ästhetik, erlesenem Trash-Appeal und zum Teil ehrlich beeindruckend animierten Effekten, wobei Cozzi von letzteren meint, sie seien innerhalb von 48 Stunden am Computer entstanden.

Wie es denn generell mit Italiens Filmschaffen aussehe, frage ich ihn, da sein Film ja gleichsam in Selbstausbeutung zustande kam?

 

"Schrecklich."  Italiens Filmindustrie, die noch in den 50er und frühen 60er Jahren nach den USA die zweitgrößte der Welt war, liege völlig danieder. Bis etwa 1977 habe es 12.000 Kinos in Italien gegeben, jetzt seien es gerade einmal 1000. Das Aufkommen des Privatfernsehens habe dem Kino durch den verstärkten Einsatz von aktuellen Spielfilmen den Todesstoß versetzt. Früher mußte man halt ins Kino gehen, um Neues zu sehen, die staatlichen Fernsehanstalten spielten Älteres, Filmklassiker etwa. Nun würde in erster Linie fürs Fernsehen produziert; Filmförderung gebe es fast nur für Kunstfilmprojekte.

Zwar könne man heute mit sehr kostengünstiger technischer Ausstattung Filme drehen, nur gehe den jungen Filmemachern oft das Basiswissen zum Thema Film ab. Kaum einer kenne mehr die Filme von Hitchcock, Ford oder de Sica, geschweige denn Stummfilme, wenn man nicht das Glück habe, gleich neben einer Cinemathek oder einem Filmmuseum zu wohnen. "Talent alleine ist zu wenig - du brauchst Erfahrung. Und filmisches Wissen." Auch der von ihm vor einigen Jahren noch sehr gelobte Federico Zampaglione, der mit "Shadow" so etwas wie eine kleine Renaissance gediegenen Italohorrors zu ermöglichen schien, habe sich leider als "eine Illusion" herausgestellt.

"Als ich in den 1960ern anfing, Filme zu drehen, fragte ich Dario Argento, was ich tun sollte. Er meinte nur: 'Sieh dir Filmklassiker an, lies gute Bücher und lern was draus.' " Cinecittà sei ja pikanterweise von Mussolini gegründet worden, um dem amerikanischen Film Konkurrenz zu machen - was dann nach dem Zweiten Weltkrieg auch hervorragend funktioniert habe. "Heute ist Cinecittà tot."

Cozzi selbst lebt und atmet Film. Er ist ein wandelndes Lexikon, gleichgültig, ob es sich um die frühen Stummfilme von Georges Méliès, italienischen Neoverismo, Italohorror oder die Western des von ihm überaus geschätzten John Ford handelt. Diese Liebe zum Film, vor allem zum phantastischen Kino, durchzieht jeden Kader von "Blood on Méliès Moon". Und Cozzi sieht sein bisheriges eigenes Filmschaffen auch recht entspannt - böse Zungen behaupten ja, "Blood on Méliès Moon" wäre sein erster wirklich guter Film, so man sich auf eine inhaltlich und formal irrwitzige Achterbahnfahrt einzulassen bereit sei.

In einer der komischsten und zugleich schönsten Szenen erzählt Luigi seiner Gattin Letizia im gemeinsamen Ehebett von einem Filmkritiker, der ihn hämisch als italienischen Ed Wood bezeichnet habe. "Ist doch nicht schlecht", meint er, "dann macht Tim Burton einen Film über mich, und ich komme endlich nach Hollywood." "Schlaf endlich weiter", antwortet Letizia und dreht sich zur Seite.

Unser Tip: Tun Sie sich einen Gefallen und lernen Sie (alternative) Filmgeschichte mit Luigi Cozzi!

Und buchen Sie danach einen Rom-Urlaub. Destinazione: Profondo Rosso.

 

Thomas Fröhlich

Blood on Méliès Moon

ØØØØØ

(La Porta sui Mondi)

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Profondo Rosso (I 2017)

ca. 125 Min., ital. Fassung, engl., französ. u. span. UT
Regie: Luigi Cozzi
Darsteller: Luigi Cozzi, Philippe Beun-Garbe, Alessia Patregnani, Dario Argento, Lamberto Bava u. a.

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