Video_The Secret Man

Überzeugungstäter

Vom mächtigen FBI-Mann zum sagenumwobenen Whistleblower: Liam Neeson begibt sich als historisch bedeutsames Informationsleck "Deep Throat" in einen unlösbaren Konflikt. Regisseur Peter Landesman porträtiert einen kühlen Loyalisten, der bewußt zwischen die Fronten gerät.    19.04.2018

Als J. Edgar Hoover 1972 stirbt, bleibt im FBI kein Stein auf dem anderen. Einer der führenden Köpfe des mächtigen Geheimdiensts ist Mark Felt (Liam Neeson), der sich als Nachlaßverwalter und Bewahrer der alten Ordnung in Stellung bringt. Felt ist ein Perfektionist und besonnener, hochprofessionell agierender Stratege, der die Organisation kennt wie kein anderer. Doch der Tod des allmächtigen Gründervaters fällt auch in die Ära des umstrittenen Richard Nixon, der keine Zeit verliert, um Einfluß auf den nun führerlosen Geheimdienstapparat zu nehmen. Unter dieser Prämisse erfolgt die Nominierung des unerfahrenen und manipulierbaren L. Patrick Gray (Marton Csokas) zum neuen FBI-Direktor. Der logische Hoover-Nachfolger Felt wird übergangen und sieht die Autonomie und Integrität der Organisation, der er sein Leben gewidmet hat, in Gefahr. Als die Untersuchung des Watergate-Einbruchs durch die Politiker und deren Handlanger Gray untergraben wird, beschließt Mark Felt zu handeln.

Das FBI als Ordnungsmacht, moralische Instanz, völlig unabhängige Machtzentrale und Hüter brisanter Geheimnisse steht in Nixons Amerika zur Disposition. Um gemäß seiner unverrückbaren Prinzipien und als Korrektiv in Aktion treten zu können, muß Mark Felt zum Verräter werden. So sind es weniger die von oberster Stelle lancierten Vertuschungsaktionen rund um den Wellen schlagenden Watergate-Skandal, die im Mittelpunkt von "The Secret Man" stehen, sondern Mark Felts Ringen mit seinen ureigenen Überzeugungen. Der verehrte und gleichsam gefürchtete Vollblut-Geheimdienstler stellt sich mit seiner Entscheidung, die angesehenen Printmedien mit Informationen zu versorgen, einem aussichtslosen Gewissenkampf, in dem er das oberste Prinzip der unbedingten Verschwiegenheit verletzt und einer amtierenden Regierung in den Rücken fällt. Zugleich eröffnet Felts Nichtberücksichtigung bei der Ernennung des neuen FBI-Chefs eine Front auf privater Ebene: Gattin Audrey (Diane Lane) hatte ihren Mann bereits als Hoover-Nachfolger eingeplant. Durch die ständige Sorge um Tochter Joan (Maika Monroe), die ihr Elternhaus für ein Leben im linken Untergrund verlassen hat und seither unauffindbar ist, ohnehin geschwächt, gerät die Ehe der Felts zusätzlich unter Druck.

 

 

Liam Neeson, der nach dem Unfalltod seiner Frau in einer Reihe eher oberflächlich gestrickter Rachethriller aufgetreten ist, drückt dem Film als unnahbarer, melancholischer "Secret Man" seinen Stempel auf. Flankiert von einem namhaften Nebendarsteller-Ensemble (Tom Sizemore, Bruce Greenwood, Eddie Marsan) kultiviert er praktisch jede Szene mit Würde und natürlicher Autorität. Neeson ist nach wie vor ein Meister des leisen Spiels. Seine Figuren schöpfen ihre Kraft aus der Ruhe und Konzentration.

Das sumpfartige Geflecht der Nixon-Regierung, das die Vereinigten Staaten in den 70er Jahren zu überwuchern drohte, wird in "The Secret Man" audiovisuell unmißverständlich abgebildet: Eine kühle Farbgestaltung und Daniel Pembertons konstant bedrohliche Musikkulisse lassen keinen Zweifel an der umfassenden gesellschaftspolitischen Dunkelheit dieser Jahre aufkommen.

Das Niveau des starken Eröffnungsakts kann der Film allerdings nicht durchhalten; die Erzählung büßt zusehends ihren Fokus ein. Der Nebenhandlungsstrang um die verschollene Tochter wirkt bestenfalls dekorativ. Zudem neigt Autor und Regisseur Landesman dazu, sein Publikum zu unterfordern, wenn er historische Kontexte unnötigerweise ausformuliert. Dessen ungeachtet bleibt "The Secret Man" ein potenter Beitrag zur ewig spannenden Watergate-Thematik und Liam Neeson einer der fähigsten Charakterdarsteller unserer Zeit.

Dietmar Wohlfart

The Secret Man

ØØØ

(Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House)

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Wild Bunch Germany (USA 2017)

DVD Region 2
99 Min. dt. Fassung oder engl. OF

Features: Interviews

Regie: Peter Landesman

Darsteller: Liam Neeson, Diane Lane, Marton Csokas, Tony Goldwyn u. a.

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