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Lakonie und Leidenschaft

Mit dem Zeitlupenkleinod "Paterson" gelingt Jim Jarmusch ein cineastischer Gegenentwurf zu all der Schnellebigkeit und Selbstinszenierungsgier unserer Zeit. Zentrum und Ruhepol des Films ist Adam Driver als eigenbrötlerischer Freigeist.    22.05.2017

Busfahrer Paterson (Adam Driver) chauffiert Fahrgäste durch seine Geburtsstadt, die allen Ernstes denselben Namen trägt wie er: Paterson. In seiner Freizeit, abseits des Fahrplans durch vertraute Gefilde, gibt sich Paterson der Poesie hin und verfaßt Gedichte. Tagesrituale bestimmen und definieren sein Leben: Paterson erwacht ohne Wecker und stets vor seiner Frau Laura (Golshifteh Farahani), ißt stumm seine Frühstücksflocken, macht sich auf den Weg zur Arbeit, dichtet vor Dienstbeginn in sein Notizbuch und beginnt nach einem belanglosen Plausch mit Busfahrerkollegen Donny (Rizwan Manji) seine Tour. Nach dem gemeinsamen Abendessen mit Laura, einer Hobbykünstlerin mit breitgefächerten Interessen und konsequentem visuellen Stil, geht er mit seinem Hund Marvin spazieren und läßt den Tag bei einem Bier in seiner Lieblingsbar ausklingen.

Das alles klingt unspektakulär und ist es auch. Trotzdem oder gerade deswegen begleitet Independent-Großmeister Jim Jarmusch ("Stranger Than Paradise", "Night On Earth", "Ghost Dog") seinen dichtenden Busfahrer eine Woche lang. Genauer gesagt, besucht er Paterson regelmäßig an den Knotenpunkten seines Alltags. Durch diesen uhrwerkmäßigen Erzählrhythmus wird die Hintergrundgeschichte der unscheinbaren Hauptfigur ausgespart. So bleibt im Verborgenen, wie Paterson seine Laura, eine orientalische Schönheit mit kleinkünstlerischen Ambitionen, kennengelernt und eine gänzlich ereignisarme Berufslaufbahn eingeschlagen hat. Auch erfahren wir nicht, wie und wann seine Liebe zur Dichtkunst entflammt sein mag. Regisseur Jim Jarmusch widmet sich lieber den kleinen, kostbaren Augenblicken, die das oberflächliche, vermeintlich große Ganze nicht nur ergänzen, sondern sublimieren - und zelebriert diese feinsinnigen Momente kreativer Entfaltung. Das zumindest stille Ausleben eines innewohnenden schöpferischen Impulses in einem eng umfaßten täglichen Zeitfenster wird hier voller Bedachtsamkeit und Hingabe beschworen, dezent garniert mit charmanten Skurrilitäten. Daß er dabei auf einen apathischen Außenseiter wie Paterson zurückgreift, einen wortkargen, höchst passiven Individualisten, ist nicht nur typisch für Jarmusch, den Schutzheiligen lakonischer Filmsonderlinge, sondern wirkt letzten Endes schlüssig und fast schon alternativlos.

 

In die Rolle Patersons schlüpft Adam Driver, jener Mann, der innerhalb weniger Jahre in Filmen der Allzeitgiganten Steven Spielberg und Martin Scorsese in Erscheinung trat und zudem unter führenden Independent-Regisseuren wie den Coen-Brüdern und Noah Baumbach zum Einsatz kam. Drivers Spiel ist pures Understatement und fügt sich als solches nahtlos in Jim Jarmuschs Werk ein, das vor Personifizierungen des schrulligen Einzelgängertums nur so strotzt. An Drivers Seite agiert Golshifteh Farahani, deren sinnlich-naive Laura nicht nur Patersons Introvertiertheit unterstreicht, sondern ihrerseits eine dezent anstrengende Authentizität einbringt.

Jarmusch integriert Patersons stilles Ringen um den feinen Fluß seiner Dichtkunst in ein scheinbar belangloses Alltagskorsett der banalen, festgefahrenen Aktionen. Daß daraus ein gewisses Maß an filmischer Magie erwächst, überrascht positiv, frönte der Regisseur in der Vergangenheit seinem Hang zum Absonderlichen doch mehr, als seinen Werken letztendlich gut tat. Tatsächlich umhüllt der wohltuend entschleunigende Charakter von "Paterson" sein Publikum wie eine wärmende Decke.

 

Dietmar Wohlfart

Paterson

ØØØØ

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Universum Film (USA 2016)

DVD Region 2
113 Min. + Zusatzmaterial dt. Fassung oder engl. OF

Features: Trailer, Wendecover

Regie: Jim Jarmusch

Darsteller: Adam Driver, Golshifteh Farahani u. a.

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