Video_Slogan

Die zuckersüßen Sixties

Als die beiden Turteltäubchen seinerzeit die Worte "Je t´aime (moi non plus)" in die Mikrophone hauchten, landeten sie nicht nur schnurstracks auf diversen Titelseiten, sondern verdrehten halb Frankreich den Kopf: Serge Gainsbourg und Jane Birkin. In diesem Film lernten sie einander kennen.    19.05.2008

Mit ihren 61 Jahren ist Jane Birkin immer noch verdammt schön - natürlich nicht so flachbrüstig-lolitahaft wie in den Swinging Sixties, aber diese Ära ist sowieso vorbei. Und sie ging nicht erst mit dem Tod ihres Ex-Partners Serge Gainsbourg im Jahre 1991 zu Ende. Wie das Traumpaar zusammenkam, läßt sich nun mit der von Cult Epics wiederveröffentlichten Filmromanze "Slogan" nachvollziehen. Daß es zwischen den beiden Hauptdarstellern richtig gefunkt hat und Serge dem Lächeln von Jane (ach ja, diese kokette Zahnlücke!) erlegen ist, sieht man besonders in den Naheinstellungen, die Regisseur Pierre Grimblat ("Kommissar Navarro") 1968/69 konsequent als Stilmittel wählte, sehr deutlich.

Jane Birkin, die in Antonionis "Blow Up" als "The Blonde" die Teenagersehnsucht nach dem Model-Beruf sehr freizügig interpretierte, avancierte dadurch zum Sexsymbol und optischen Kontrapunkt von Brigitte Bardot. Gut zwei Jahre später - als sie zarte 21 war - verpflichtete Grimblat sie für die Rolle der Evelyne Nicholson. Während die im abgefilmten Venedig auf den Werbefilmer Serge Fabérge traf, kam es "in echt" zur Initialzündung zwischen Birkin und Gainsbourg. Der Altersunterschied von knapp 18 Jahren wird auch im Film thematisiert: Serges Alter ego ist 40, erfolgreich und im heimatlichen Paris von Ehe und Familienleben angeödet. Venedig, wo er einen hochdotierten Preis für einen After-Shave-Spot entgegen nimmt, wird für das ungleiche Paar zur Liebeslagune. Bezaubernd, flirrend ist diese Phase, doch sie geht rasch vorbei: Bis über beide Ohren verknallt, folgt Evelyne ihrem Lover nach Frankreich - und dort entfernt man sich zusehends voneinander. Das liegt natürlich auch daran, daß Serge gar nicht dran denkt, den sicheren Ehehafen zu verlassen. Vom Doppelleben angeödet, wird Evelyne zur hinreißenden Zicke, während Serge zum kalten Zyniker zurückmutiert.

 

Daß dieser Film kein Meisterwerk ist, macht überhaupt nichts. Er transportiert den Geist eines Jahrzehnts trotzdem auf die charmanteste Art und Weise.

Für die Dialoge zeichnete übrigens Melvin van Peebles ("Sweet Sweetback´s Baadasssss Song") mitverantwortlich, doch die turtelnden Sätze spielen eine vergleichsweise kleine Rolle und gleiten oft ins belanglose Gezirpe ab. Viel wichtiger - und gelungener - sind die opulenten Sixties-Bilder. Vor allem, wenn Serge den Lebemann und Jetsetter heraushängen läßt (was der schon damals alte Angeber besonders in Venedig reichlich tut), ist das mindestens so stilvoll und stilecht wie das Setting eines frühen Bond. Und mit einem zusätzlichen Schuß Liebe versehen, versteht sich ...

Ein Wort noch zur Musik: Serge Gainsbourgs Soundtrack ist ein atmosphärisch dichter, poppiger Mix aus Beat und Chanson, der trotz des offen hörbaren Sixties-Bezugs zeitlos wirkt - sogar im Vergleich zur Version der Kills, die auf dem Sampler "Monsieur Gainsbourg Revisited" das Titelstück "I Call It Art (La Chanson de Slogan)" covern. Und irgendwie meint man die knapp 90 Minuten, die "Slogan" dauert, immer wieder "Je t´aime (moi non plus)" zu hören. Den Song gab es damals aber "nur" in einer mit Brigitte Bardot eingespielten Version. Direkt nach dem Dreh ging Gainsbourg mit Jane Birkin ins Studio - und nahm die wesentlich schärfere Variante auf. Diese Story ist hinlänglich bekannt ...

Manfred Prescher

social bookmarks: Artikel in del.icio.us speichern Artikel in digg! speichern

Slogan

ØØØØ

Leserbewertung: (bewerten)

Cult Epics (F 1968/1969)

DVD Region 1

ca. 90 Min. + Zusatzmaterial., franz. OF mit einblendbaren UT

Features: Kino-Trailer u. a.

Regie: Pierre Grimblat

Darsteller: Serge Gainsbourg, Jane Birkin, Andréa Parisy u. a.

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Kolumnen
Miststück der Woche II, Pt. 100

Madness: "One Step Beyond" - Bob Dylan: "Love Minus Zero/No Limit"

Ein großer Schritt für den Schreiber, ein kleiner für den Leser: Das "Miststück" wird 200 Kolumnen alt und feiert mit euch einen hoffentlich unterhaltsamen Abschied von EVOLVER. Die "alten" Texte findet ihr auf ewig hier im Archiv – oder im Gesichtsbuch. Dort werden jede Woche fünf Klassiker für euch aufbereitet. Manfred Prescher bedankt sich damit beim geneigten Leser und bei Herrn Felix Austria für die Gastfreundschaft. Und für sechs tolle Jahre.  

Kolumnen
Miststück der Woche II, Pt. 99

Elvis Costello And The Attractions: "Two Little Hitlers"

Es steht geschrieben, daß man keinen anderen GRÖFAZ neben ihm haben kann. Trotzdem holte der Mann mit der dicken Hornbrille den Diktator auf die Stufe mit uns Otto Normalunholden herunter oder - je nach Sichtweise - herauf. Was folgerichtig und sehr unterhaltsam ist, findet Manfred Prescher.  

Kolumnen
Miststück der Woche II, Pt. 98

Commodores: "Three Times A Lady"

"Yes, you’re once, twice, three times a Miststück, but I lo-o-o-ve you ..." Gäbe es die letzte große Motown-Band heute noch, sänge sie dann das Hohelied auf die drei noch ausstehenden Kolumnen? Manfred Prescher würde sich auf jeden Fall sehr darüber freuen.  

Kolumnen
Miststück der Woche II, Pt. 97

The Gossip: "Four Letter Word"

Kurz vor der magischen Nummer 200 ist es mal wieder nötig, ein bißchen auf den Putz zu hauen. Bekanntermaßen stinkt Eigenlob zwar, aber das macht nichts, denn Apple wird das iSmell erst im Jahr 2014 im Hype Park vorstellen. Also ist noch genug Zeit für ein Miststück in eigener Sache - meint Manfred Prescher.  

Kolumnen
Miststück der Woche II, Pt. 96

Louis Jordan: "Five Guys Named Moe"

Da sage einer, daß das Zeug aus den 40er Jahren nicht nach wie vor cool ist. Schließlich wird Jordans "Ain’t Just Like A Woman" gerade im Spiel "Mafia II" spektakulär verwendet. Und auch wenn - oder weil - es keiner der Konsolen-Paten registriert, der Song paßt zum Game wie das Gesäß auf die Brille. Grund genug, den Mann dahinter im "Miststück"-Countdown zu würdigen, findet Manfred Prescher.  

Kolumnen
Miststück der Woche II, Pt. 95

Nick Cave & The Bad Seeds: "The Six Strings That Drew Blood"

Wie sagte schon meine Oma? "Die Uhr läßt sich zurückdrehen, man muß nur aufpassen, daß man die Zeiger nicht abbricht." Grinderman ist so ein Rückdreh-Projekt - damit will Nick Cave die wilden Zeiten wieder aufleben lassen. Manfred Prescher findet den Jugendwahn des Australiers durchaus gut, die Originale aber besser.