Platten_Fettes Brot - Am Wasser gebaut

Geh bitte!

Kann das denn sein, find ich den Reim nicht? Was ist bloß los, ich bin doch famos, nicht? Denn ich mach HipHop und bin immer top. Oder?    23.03.2005

Geh bitte! Ausgerechnet so wie sich selbstverherrlichende HipHop-Tracks immer anhören, so startet "Am Wasser gebaut". Denn nichts anderes als langweilige Selbstbeweihräucherung ist die Eröffnung "Wie immer". Dafür ist die Musik nicht schlecht, im Gegenteil, sie weiß auch im Folgenden immer wieder zu begeistern. So wetzt die Single-Auskoppelung "Emanuela" die anfängliche Peinlichkeit nicht nur aus, nein, die vertonte poppige Latino-Schönheit versöhnt uns mit ihren Karibikanleihen gepaart mit norddeutschem Sprechgesang. Doch danach wieder ein Absturz. Heiß-Kalt bekommen es die Hörer von Fettes Brot serviert, denn zumeist sind entweder nur die Texte gut oder nur die Musik, selten beides. Meist aber verschießen sie ihre guten Ideen und viel zu oft sind die Lyrics platt und zeichnen sich durch Phantasielosigkeit aus. Vor allem bei den Reimen. "Soll das alles sein", fragen sich die drei Jungs auf Track drei im Namen einer krisengebeutelten alleinerziehenden Mutter, die zwei Jobs hat und der beim Nachwuchs einmal die Hand ausrutscht. "Es tut ihr leid", rappen Fettes Brot und fügen in literarisch-poetischem Unvermögen dazu: "Sie weiß Bescheid". Da wird auf Biegen und Brechen gereimt. Geh bitte!

Fettes Brot erzählen auch gerne Geschichten über die Mode bei C & A und spielen sich als Weltverbesserer auf. In dem musikalisch wunderbar gelungenen "Kuba" (wieder einmal mit Latino-Sounds) geht es natürlich um das böse System. Und natürlich stolpern die Brote wieder einmal über ihre schlimmen Reime, die so fürchterlich unlogisch sind, daß sich jeder Hörer mit Verstand ziemlich verarscht vorkommt. So hört es sich etwa an, wenn die eigenen Wahrheiten am Berliner Kuhdamm verbreitet werden: "Das sagte ich Passanten/da entstanden gleich/erste Sympathisanten/im Bekanntenkreis." Wie bitte? Die ersten Sympathisanten im Bekanntenkreis? Waren das nicht eben noch Passanten? Nur, weil es sich unbedingt so cool reimen muß?

Außerdem wünschte man sich mehr Metaphern, denn knallharte Fakten in Songs zu verpacken, ist künstlerisch nicht unbedingt wertvoll. Sicher sind Themen wie der Hunger in der Welt wichtig und sollten uns alle angehen. Doch wenn man sie nicht richtig präsentiert, wird wohl eher das Gegenteil, sprich Desinteresse, erreicht.

Was bleibt? Vielleicht einfach nicht auf die Texte hören? Kann nicht sein, daß man ausgerechnet beim deutschen Sprechgesang bei den Lyrics weghört. Wenigstens bleiben musikalisch anspruchslosere Tracks, die immerhin von unverfänglichem Teenie-Liebesgesülze handeln. Und das ist eigentlich schade, denn wenn es nach der Instrumentierung und der Frische geht, sind Fettes Brot im deutschen HipHop durch die Einbindung von Pop-Elementen immer noch vorn dabei.

Milan Knezevic

Fettes Brot - Am Wasser gebaut

ØØØ


Fettes Brot Schallplatten/Indigo/Hoanzl

(D/21. 3. 2005)

 

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