Editorial_Christkind und Weihnachtsmann

Der Dicke im Pyjama

Gnadenlos marschiert er voran, jener US-Import mit dem lächerlichen Aufzug: So weihnachtlich wie Coca-Cola, und so besinnlich wie Elektrokabel auf einer Plastiktanne. (Denken Sie an meine Worte: Dereinst wird uns die EU echte Kerzen "aus Sicherheitsgründen" verbieten.)
In Österreich bringt natürlich das Christkind die Geschenke. Aber wer ist diese Gestalt eigentlich? Hier der Versuch einer Zuordnung ...    15.12.2010

In dem großartigen Roman "Hogfather" (dt.: "Schweinsgalopp" - der Schlag soll die vertrottelten bundesdeutschen Verleger treffen) nimmt sich Terry Pratchett des Mythos’ auf seine Art an. Ich jedenfalls wollte mir nach der Lektüre endlich Klarheit verschaffen über den Weihnachtsmann; nicht zuletzt zur Ehrenrettung des Christkinds.

Ich hätte es mir denken können: So einfach ist das nicht. Nach tagelangen Recherchen war nur eines sicher - Legenden dingfest zu machen ist ungefähr so lustig, wie mit Stäbchen Ingredienzien eines brodelnden Eintopfes zu fangen.

Mit einem Stäbchen.

Da taucht im Laufe der Zeit Alles auf, geht wieder unter, vermischt sich .... ich glaube, Heisenberg ist die Idee zu seiner Unschärferelation beim Suppenessen gekommen: Entweder man weiß, was es ist, oder wo es ist - aber nie beides gleichzeitig.

 

Schön, also: Weihnachtsmann, Kurzfassung.

Erstens: Natürlich ist es ein verrutschter Nikolo. Zweitens: In seiner heutigen Form verdanken wir ihn Marx und Coca-Cola, und Luther ist schuld.

Sie glauben, das sei ein Witz? Bitte, hier die längere Version.

 

Einst kamen drei vornehme Feldherren ....

Nein, das dauert zu lang. Es handelt sich um die sogenannte Stratelatenlegende, bei der die Genannten von Kaiser Konstantin (4. Jhd. n. Chr.) ungerecht zum Tode verurteilt und am Ende begnadigt werden, weil ihm im Traum jemand die Leviten liest.

Sechs Jahrhunderte später schrieb ein gewisser Simeon Metaphrastes die Geschichte (wieder einmal) auf, nannte aber als Fürsprecher der drei einen "Nikolaos". Dummerweise vermischte er dabei zwei Figuren: Einerseits Nikolaus von Pinora / Abt von Sion, gestorben angeblich 564 in Lykien, und andererseits Nikolaus von Myra.

 

Letzterer wird heute als offizieller Nikolaus geführt, obwohl sämtliche Daten über ihn unbewiesen sind. Er soll um 270 als Kind wohlhabender Eltern in Patras (in Lykien, nicht das in Griechenland - wurde auch öfter verwechselt) geboren worden sein, Wunder gewirkt haben und am 6.12. (!) 342 als Bischof von Myra gestorben sein. (Die Stadt heißt heute Demre, ca. 150km westlich von Antalya gelegen.)

Was ihm im Laufe der Jahrhunderte so alles angedichtet wurde, geht auf keine Rentierhaut. Jedenfalls wurde er die längste Zeit hauptsächlich in der Ostkirche verehrt. Eine seiner ursprünglichen "Funktionen" dürfte die Christianisierung des Artemis-Kultes gewesen sein; eine der Geschichten dreht sich um eine dämonische Frau und Öl, das in einem Tempel verbrannt werden soll - na, egal. Als Geburtstag von Artemis (bzw. Diana) wurde bis dahin der 6.12. gefeiert.

 

In der heute von kirchlicher Seite am häufigsten tradierten Erzählung werden nicht drei Feldherren begnadigt, sondern drei Töchter gerettet: Damit sie von ihrem Vater nicht zwecks Geldbeschaffung auf den Strich geschickt werden, wirft ihnen Nikolaus drei Goldkugeln ins Haus (das mit der Prostitution wird meist dezent umschrieben).

Eine andere zentrale Geschichte ist interessanter: Drei Schüler, welche in einem Gasthof übernachten, werden vom Wirt zerstückelt und eingepökelt. Nikolaus kommt und erweckt sie wieder zum Leben.

Beim "Säuglingswunder" wiederum vergißt eine Mutter ihr Kind in der Badewanne mit untergezündetem Feuer, weil sie der Inthronisation des Bischofs beiwohnt; als sie zurückkommt, ist das Kind wundersamerweise nicht gargekocht.

Was aber hat der Nikolo, abgesehen vom kulinarischen Aspekt, mit Kindern zu tun?

 

Schon 867/870 versuchte man auf dem Konzil von Konstantinopel per Verbot gegen einen anscheinend sehr alten Brauch vorzugehen: das Kinderbischofspiel. Am "Tag der unschuldigen Kinder", dem 28.12., wurde nämlich eine Art Narrenfest gefeiert; die Waisen spielten "verkehrte Welt", wählten einen "Bischof" und veranstalteten Umzüge, etc. Mit zunehmender Popularität des Nikolaus wanderte das Fest auf den 6.12., wobei die "Auferweckung der Schüler" irgendwie als Grund herangezogen wurde.

Daß Nikolausbrauchtum und Narrenbrauchtum eng verknüpft sind, ist typisch für dieses unentwirrbare Durcheinander von Aktivitäten, welche in der finsteren Jahreszeit immer schon stattfanden - Wintersonnenwende und die Austreibung der Dunkelheit eben, vor allem, je weiter sich das Christentum nach Norden ausbreitete.

Was vielleicht seine Wurzeln auch in Saturnalien oder Bacchanalien hat, wird nun zunehmend mit nordischen Ingredienzien untergerührt.

 

Wotan z.B. hatte am 6.12. seinen Festtag; er (bzw. Odin) besuchten zur Julzeit die Menschen. Man stellte Schuhe vor die Tür, gefüllt mit Hafer u.ä. für seine Pferd (ein Schimmel übrigens, wie ihn auch Nikolaus zeitweise reiten sollte), was mit Nüssen und Äpfeln gedankt wurde.

Perchta, die germanische Naturgöttin, pflegte mancherorts als "schiache Perchta" Kinder zu erschrecken. Sie wurde zügig mit der heiligen Lucia gemixt: diese (ca. 286-304) war zwar eigentlich Märtyrerin und kinderfreundlich, kollidierte aber terminlich, zumal ihr Festtag (13.12.) nach der Kalenderumstellung durch Papst Gregor plötzlich auf den 25. rutschte - und schon mutierte sie zur bösartigen "Lutzelfrau" u.ä.

Zum Zeichen - wieder einmal - der Überlegenheit des Christentumes wurde dem Nikolaus also ein finsterer Begleiter zugesellt: Der Heilige hat die Zottelviecher an der Kette.

Ähnlich erging es dem Knecht Ruprecht. War er zuvor ein zwar (aus pädagogischen Gründen) gestrenger, doch freundlicher Gabenbringer, wie ihn Theodor Storm noch um 1860 bedichtete, verkam er zum sinistren Adlatus des Nikolaus; obendrein soll "Ruprecht" eine Verballhornung von Hruodhpercht, einem Beinamen Wotans sein.

Um die Verwirrung komplett zu machen, nehmen wir noch dazu, daß nicht nur Martini ein Schlachtfest war, sondern auch Nikolo (da hätten wir Pratchetts Schweine); da das Nikolausschlachten aber unmittelbar am Beginn einer Fastenzeit stand, wurden die Haxen nicht gegessen, sondern - ? Genau: Eingepökelt !

 

Zeit, ein wenig Ordnung in die Daten zu bringen. Also: Luther.

Im 14. Jhd. hatte sich weitgehend der 6.12. als Kindergeschenkstag etabliert, parallel dazu hielt sich mancherorts stattdessen der 13.12. (Santa Lucia eben); am 24. wurde kaum geschenkt. Dem Reformator waren die Spektakel ein Dorn im Auge, also schaffte er mit all den anderen Heiligen auch Sankt Nikolaus ab und propagierte als weihnachtlichen Gabenbringer die bis dahin kaum bekannte Figur des Christkindls - eine durch keinerlei Quellen näher faßbare, tendenziell weibliche Engelsgestalt, die eigentlich nur eines ist: Nicht das Christuskind, obwohl sie am angeblichen Geburtstag Jesu daherkommt.

Soweit, so logisch. Er hatte die Rechnung aber ohne seine Glaubensbrüder gemacht. Die Katholiken übernahmen zwar das Christkind, ließen den Nikolo samt Krampus aber, wo er war. Ausgerechnet einige protestantische Länder hingegen - wie z.B. Holland - wollten sich ihren heiligen Klaus nicht demontieren lassen (lediglich der Schenkungstermin verlagerte sich teilweise).

So nahm die Geschichte denn ihren Lauf:

Schutzpatron einer gewissen niederländischen Siedlung namens Neu Amsterdam wurde Sinterklaas .... und zum Santa Claus degeneriert bekommen wir ihn jetzt zurück.

 

Das hätten wir. Aber wo spielen da Kapitalismus und Kommunismus mit?

Ein paar Fakten zum 19. Jahrhundert:

1821 schreibt der Amerikaner Clement Clarke Moore "Account of a Visit from St. Nicholas"; in diesem seither dort als "one of the most widely read poems in the world" gefeierten Gedicht wird der bislang hagere und ernste Bischof zum gemütlichen kleinen Dicken, samt Schlitten und Rentieren mit Eigennamen. Angeblich hat der Autor die Verse von dem Holländer Henry Livingston geklaut.

1845 verfaßt der Arzt Heinrich Hoffmann den pädagogischen Totschläger "Struwwelpeter", wo ein "Niklas, bös und wild" Kinder in einem Tintenfaß (siehe: Pökelfaß!) versenkt, weil sie sich über die Hautfarbe eines "Mohren" lustig gemacht hatten (dieses geistige Eigentor ist seither als "Nikolausfalle" bekannt).

1847 fertigt Moritz von Schwindt den Holzschnitt "Herr Winter".

1862: Der als Kind mit seinen Eltern aus Deutschland eingewanderte Thomas Nast (er wurde zum bedeutendsten amerikanischen Karikaturisten jenes Jahrhunderts) zeichnet für die Zeitschrift "Harper’s Weekley" einen Santa Claus, der im Pelzrock vom Schlitten herab Geschenke an die tapferen Soldaten der Union verteilt.

 

Anfang der 30er Jahre (20. Jhd.) passieren zwei Dinge.

In Rußland geht es nach der Oktoberrevolution religiösen Mythen an den Kragen; der in der orthodoxen Kirche hochverehrte Nikolaos wird durch - man erinnere sich an "Herrn Winter" - die sozialistisch genehmigte Figur eines Väterchen Frost substituiert.

Auf der anderen Seite der Welt entwirft ein Cartoonist namens Haddon Sundblom eine Werbekampagne für ein ursprünglich kokainhaltiges Getränk .... der pausbäckig Grinsende ist da, samt weißem Pelzbesatz am roten Wams (bis heute die Farben des Schriftzuges) und Bommel an der Zipfelmütze.

 

Immerhin, es hätte noch schlimmer kommen können.

Noch bei der Niklas-Figur des Struwwelpeter - des bischöflichen Ornates bereits weitgehend verlustig gegangen - fällt die seltsame Kopfbedeckung auf.

Es handelt sich um die phrygische Mütze, eine unfreiwillige Erinnerung an die kleinasiatische Herkunft des Heiligen. Kennzeichnete sie im Altertum die Zugehörigkeit zur Priesterkaste der Meder, wurde sie später in vielfach abgewandelter Form zum Symbol niederer Gesellschaftsschichten (im Gegensatz zum Hut) und - siehe das berühmteste Gemälde zur französischen Revolution - Kopfbedeckung der Jakobiner.

Das wäre ja soweit noch alles in Ordnung, hätte nicht im Jahre 1883 ein Deutscher namens Philipp Griebel die Attribute bürgerlicher Gemütlichkeit zu einem Mützenträger der besonderen Art destilliert: pausbäckig und weißbärtig ziert die Figur heute millionenfach Kleingärten in aller Welt.

So gesehen haben wir Glück, daß uns heute nicht ein "Heiliger Gartenzwerg" die Geschenke bringt.

 

Das wär’s, in groben Zügen.

Nikolo ist ein Türke, der Weihnachtsmann ist ein Deutscher - und was das Christkindl ist, weiß kein Mensch. Wie gesagt: Eigentlich wollte ich mir Klarheit verschaffen, aber Legenden sind eine ziemlich undurchsichtige Angelegenheit. Wahrscheinlich existiert irgendwo ein Paralleluniversum, wo Schneewittchen und die sieben Schlümpfe auf Besen reiten .... und Artemis die Schutzpatronin aller Würstelstände ist.

 

(P.S.: Unserer kleinen Tochter bringt trotzdem das Christkind die Geschenke. Den Pyjama-Bladen überlassen wir all jenen, die auch den Duft und das Schimmern brennender Bienenwachskerzen gegen elektrische Birndeln getauscht haben.)

Marcus Stöger

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