Games_Alien: Isolation

Nervenkrieg der Welten

1979 kam Ridley Scotts "Alien" in die Kinos und zeigte uns Erdenbewohnern die kleinen grünen Männchen von ihrer düsteren Seite. Bislang konnte keine Videospielumsetzung das Flair dieses Meisterwerks adäquat herüberbringen. Doch jetzt haben Creative Assembly mit "Alien: Isolation" ihr eigenes Monster auf uns losgelassen.    11.11.2014

Einatmen. Ausatmen. Langsam, aber leise. Jetzt bloß keine Fehler. Wo kam das Vieh überhaupt her? Aus heiterem Himmel schlug der Bewegungssensor Alarm. Amanda konnte sich gerade noch in einen Spind retten, bevor sie ins Blickfeld der Kreatur geriet. Jede Faser ihres Körpers schrie nach einem Sprint, doch sie kennt diese sensiblen Ohren nur allzu gut. Bloß. Keine. Fehler. Gut, die Luft scheint wieder rein zu sein. Langsam hinaus, Bewegungsmelder gibt ebenfalls Ruhe, wunderbar. Mal sehen, hier muß doch irgendwo dieser Speicherpunkt sein ... Plötzlich das Geräusch fallenden Metalls, schnelle Schritte, ein Fauchen. Ungläubig blickt Amanda an sich hinab, sieht diesen Stachel aus ihrem Bauch ragen, so absolut unnatürlich und fremd. Dann wird es dunkel. Game over.

Das war eine klassische Szene aus "Alien: Isolation", wie sie unvorsichtige Spieler im Zehnminutentakt erleben könnten. Und selbst aufmerksame Schleichspezialisten stehen schon einmal mit perforiertem Bauch da. "Isolation" ist knallhart und ein klassisches Survival-Horror-Game. Wenig Munition, kaum Lebensenergie und ein konstantes Gefühl der Bedrohung. Zwei Faktoren lassen den Titel jedoch herausstechen: erstens sein Frustfaktor und zweitens die liebevolle und detailgetreue Umsetzung der Film-Originale. Sowas sieht man ja auch nicht alle Tage.

 

Den ersten Glücksmoment gibt´s für Fans gleich in der ersten Sequenz. Der Hauptcharakter ist diesmal kein namen- und seelenloser Marine, sondern eine Frau. Wie sich das bei "Alien" eben gehört. Und die heißt dann auch noch Amanda Ripley und ist die Tochter der knallharten Filmheldin. Sie begibt sich zu Beginn der Story auf die Mission, den Flugschreiber des Raumschiffs Nostromo zu bergen, weil sie hofft, dadurch endlich etwas über das das Verschwinden ihrer Frau Mama zu finden. Das Gerät befindet sich auf der Raumstation Sevastopol - nur ist dort unpraktischerweise die Hölle ausgebrochen. Die riesige Station ist beinahe leer, nur ein paar Androiden und kleine Menschengrüppchen streifen durch die Gänge. So scheint es zumindest ... Doch in den Lüftungsschächten treibt ein Jäger sein Unwesen, der jederzeit zum Zuschlagen bereit ist.

Nach und nach erfährt Amanda durch Audiologs und Texteinträge, was auf dem Schiff vorgefallen ist. Die Erzählmethode ist nicht neu, macht aber Laune und läßt den Spieler selbst entscheiden, wieviel Fokus er auf die Geschichte des Spiels legt. Entscheidend sind in einem Survival-Game aber sowieso die Katz-und-Maus-Momente, und die haben es hier in sich. Das Alien ist eine raffinierte Bestie. Die KI ist ungescriptet - das bedeutet, das Mistvieh kann von überallher kommen und scheint überall gleichzeitig zu sein. Die Androiden und menschlichen Widersacher sind ebenfalls gefährlich, doch zumindest ist bei denen Gegenwehr eine Option. Das Alien hingegen ist schnell, tötet stets beim ersten Zusammenstoß und ist unzerstörbar. Höchstens Feuer hält es temporär auf. Das bedeutet Schleichen, Ablenken und aufs Piepsen des Bewegungsmelders hören. Der ist das nützlichste Gadget im Repertoire, das außerdem noch Leuchtfackeln, Krachmacher, Medkits und ähnliches beinhaltet. Das Zeug kann über ein umständliches Menü selbst gebastelt werden. Schußwaffen existieren, Munition ist allerdings knapp. Und Schußwechsel enden normalerweise tödlich für Amanda, die nach drei bis vier Treffern das Zeitliche segnet.

 

Stealth ist tatsächlich die einzig vernünftige Option. Dank unberechenbarer KI bleibt der Spannungsbogen dabei auch konstant hoch. Die Speicherpunkte liegen allerdings recht weit auseinander, das kann in Kombination mit der hohen Todesrate gelegentlich frustrierend werden. Besonders, weil die schwarze Kreatur tatsächlich überraschend aus dem Nichts auftauchen kann und dem Spieler in Sachen Geschwindigkeit weit überlegen ist. Aber eine Auseinandersetzung mit dem "perfekten Organismus" soll ja auch nicht einfach sein.

Optisch leistet das Game einiges, vor allem in Sachen Design. Das Raumschiff liefert brav das obligatorische Gefühl der Klaustrophobie. Die kurzen Weltallsequenzen sind hübsch anzusehen. Wenn man so mit seinem Hammer durch die verlassene Station schleicht, fühlt man sich fast wie damals in "System Shock 2", und das ist beileibe keine Beleidigung. Das visuelle Design greift schon ineinander, alles wirkt wie aus einem Guß. Und auch der Sound ist angemessen. Professionelle Sprecher und widerwärtiges Alien-Gezische, wie es sein soll.

Ein wichtiger Faktor ist Zeit. Die braucht das Spiel nämlich massenweise. Einmal eine kurze Runde Reinspielen gibt es da nicht. Bei "Alien: Isolation" muß man sich hin- und hineinversetzen und Geduld mitbringen. Wer schnell frustriert ist, neigt zur Hast, und das wiederum führt meist zu Körperkontakt mit einer gewissen übelgelaunten Killerkreatur. Tod. Restart. Schleichen. Hoffen. Einatmen. Ausatmen. Langsam. Leise.

 

Philipp Grüll

Alien: Isolation

ØØØØ

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(Creative Assembly)

Erhältlich für: PC, PS4, Xbox One

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