Games_Far Cry 3 - Blood Dragon

"Half man, half machine, all Cyber-Commando!"

Etwa ein halbes Jahr nach dem Release von "Far Cry 3" bringt Ubisoft ein Add-on heraus, das allerdings, von der Spielmechanik abgesehen, absolut nichts mit dem Hauptspiel zu tun hat. In dieser Hommage an eine längst vergangene Ära der Popkultur kämpft ein Cyber-Soldat auf einer Insel, die unter anderem von Roboterhaien und neonleuchtenden Drachen bewohnt wird, gegen seinen ehemaligen Vorgesetzten. Klingt trashig - und ist es auch.    01.07.2013

Ach ja, die 80er Jahre - als Helden wie Michael Biehn und Arnold Schwarzenegger die Kinoleinwände beherrschten, indem sie sich mit großen Knarren und lässigen Sprüchen durch Horden von Feinden und allerlei Gefahren kämpften, nur um am Ende das Mädchen zu bekommen und so ganz nebenbei die Welt zu retten. Die Hintergrundgeschichte wurde dabei eher zur Nebensache; Hauptsache, es flogen ordentlich die Fetzen. Das war schon was. Der Entwickler Ubisoft Montreal hat nun mit "Far Cry 3 - Blood Dragon" dieser Ära der popkulturellen Ausschweifungen ein Denkmal gesetzt. Es handelt sich dabei um puren, ungeschminkten und mit sehr viel Liebe inszenierten Trash.

Die Hintergrundgeschichte des Spiels wird jedem Freund abstruser Story-Elemente Freudentränen in die Augen treiben. Nach dem zweiten Vietnamkrieg, in dem die Supermächte mit Nuklearwaffen aufeinander losgingen, hat sich die Welt teilweise in ein atomares Ödland verwandelt. Dieser Krieg brachte eine neue Gattung Soldat hervor: den Cyber-Kommando, der entsteht, wenn man einen toten Körper mit modernster Technologie und diversen künstlichen Körperteilen wieder zum Leben erweckt. Einer dieser Cyber-Commmandos ist auch der Held von "Blood Dragon": Sergeant Rex "Power" Colt (was für ein Name!). Er wird auf eine Mission geschickt, um auf einer von einer fremden Macht okkupierten Insel nach dem Rechten zu sehen. Als er dort ankommt, stellt sich heraus, daß die fremde Macht von seinem ehemaligen Vorgesetzten Colonel Sloan angeführt wird. Der ist dem Größenwahn verfallen und hat vor, der gesamten Welt mittels einer Schar von Superraketen den Krieg zu erklären. Mit Dr. Elizabeth Darling an seiner Seite macht sich Rex nun auf, dem Schurken das Handwerk zu legen.

 

Das tut der Spieler in ganz klassischer Ego-Shooter-Manier: Es wird geschossen, was der Triggerfinger hergibt. Die Insel ist frei erkundbar, der Spieler kann selbst entscheiden, ob und wann er die Hauptmissionen ansteuert oder ob er lieber vorher noch ein paar der Garnisonen befreit, die überall auf der Insel stehen und vor Feinden nur so wimmeln. Zu diesem Zweck kann er einerseits selbst hineinschleichen und einfach alles umnieten. Dazu stehen dem Helden einige Waffen mit extravaganten Namen wie "Fazertron" oder "Terror 4000" zur Verfügung, die sich allerdings nur als optisch modifizierte Versionen der Standard-Bleispritzen herausstellen, die man auch in jedem anderen Actionspiel finden kann. Nachdem man aber einige Nebenmissionen absolviert hat, bekommt man die Möglichkeit, die Schußwaffen auf verschiedene Art und Weise aufzurüsten. Das motiviert. Und so eine vierläufige Schrotflinte kann dann doch schon einiges mehr als das Standardmodell.

Eine andere Möglichkeit, die Garnisonen von Feinden zu säubern, stellen die namensgebenden Blood Dragons dar. Das sind gigantische Echsen, die aussehen wie eine Kreuzung zwischen einer Neonröhre und einem T-Rex. Außerdem können sie Laserstrahlen aus den Augen schießen. Mittels Cyber-Herzen, die man den gefallenen Feinden entnimmt, kann man die Drachen in ein feindliches Lager locken. Ist das gelungen, lehnt man sich zurück und sieht zu, wie das Tier Chaos und Verwüstung im feindlichen Lager anrichtet und einen Cyber-Kollegen nach dem anderen über den Jordan schickt. Man sollte dabei nur aufpassen, nicht selbst in das Blickfeld eines wütenden Blood Dragons zu kommen. Die Steuerung funktioniert bei alldem sehr gut; nach kurzer Eingewöhnungszeit (vor allem bei den lautlosen "Stealth-Kills", die ein wenig Fingerspitzengefühl erfordern) hat man den guten Sergeant hervorragend im Griff.

Das  ist ja alles schön und gut, gab es aber so bereits in anderen Spielen zur Genüge. Was macht "Far Cry 3 - Blood Dragon" also zu etwas Besonderem? Es ist die immense Liebe zum Detail, die die Entwicker von Ubisoft Montreal in die Hommage an die 80er Jahre gesteckt haben. Schon das Intro präsentiert sich in altertümlicher 2D-Optik, die direkt einem Spiel aus der Super-Nintendo-Ära entsprungen sein könnnte. Die übertriebenen Explosionen, die blinkenden Lichter sowie das überall präsente Neon in der Farbpalette sorgen für eine Trash-Optik, die jedem Fan billiger Science Fiction das Herz höher schlagen läßt. Sogar die feindlichen Soldaten tragen einen Motorradhelm, wie man es nur aus Filmen mit geringem Budget kennt. "Power" Colt liefert am laufenden Band markige One-liner ab, wie zum Beispiel "I hope he doesn´t ... mind" nach einem erfolgreichen Kopfschuß, oder aber "Sleeping on the job, eh, dipshit?", nachdem er einen Wachmann k. o. geschlagen hat. Auch die Dialoge strotzen vor Witz und Anspielungen. Dabei spielt auch die Vertonung eine wichtige Rolle, da niemand Geringerer als Michael Biehn, der Held aus "Terminator" und "Aliens", dem Protagonisten seine Stimme leiht.

 

Kaum ein Aspekt von "Blood Dragon" ist wirklich ernst zu nehmen. Die Story sowie die Charaktere könnten flacher kaum sein. Doch das Spiel versucht auch gar nicht, mehr zu sein als eine leidenschaftliche Liebeserklärung an all das, was das Action-Kino der Achtziger so außergewöhnlich gemacht hat, im guten wie im schlechten. Das macht es auch so hervorragend. Die Liebe zum Detail ist bemerkenswert, und immer wieder stößt man beim Spielen auf kleine Anspielungen, Querverweise und Seitenhiebe auf die Popkultur, bei denen man einfach schmunzeln muß. Dabei kommt das Gameplay selbst nicht zu kurz. Der Mix aus Garnisonen erobern, Waffen sowie Hauptcharakter hochleveln sowie Storymissionen absolvieren macht Spaß und motiviert; es ist stets ein angenehmer Spielfluß gegeben, den der Spieler aufgrund der offenen Struktur der Insel selbst bestimmen kann. Die Spielzeit geht dabei mit etwa zehn Stunden für ein Add-on, dessen Preis bei Verkaufsstart 15 Euro betrug, mehr als in Ordnung. Die Schießereien sind dank der ungewöhnlich aufgemotzten Waffen und der verwinkelten, wenn auch etwas eintönigen Architektur der einzelnen Levels ebenfalls unterhaltsam geraten. Und bis zum Ende hin verliert das Spiel keineswegs seinen trashigen Charme.

Wer mit Spielen, die sich selbst nicht ganz ernst nehmen, wenig anfangen kann, für den ist "Far Cry 3 - Blood Dragon" definitiv nicht empfehlenswert. Alle anderen, die einmall eine kleine Zeitreise wagen wollen, sollten hier zugreifen. Das Game versetzt den Spieler in eine Ära, als wahre Helden noch keinen Tiefgang brauchten, sondern nur ausreichend Feuerkraft - und nur zu schießen aufhörten, um einen lockeren Spruch abzulassen. Go hard or go home, baby!

Philipp Grüll

Far Cry 3 - Blood Dragon

ØØØØ

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(Ubisoft Montreal)

 

Erhältlich für: PS3, Xbox 360, PC

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