Games_Classic Games: Homeworld

Back to the Roots

Das Genre der Weltraumspiele galt lange Zeit als tot. Die Community verlagerte ihr Interesse und ihre Kaufkraft auf realistischere Szenarien, und große Serien wie "Wing Commander" oder "Masters of Orion" gerieten in Vergessenheit. Doch in letzter Zeit gibt es durch "X: Rebirth", "EVE Online" sowie das Megaprojekt "Star Citizen" Anzeichen für eine Renaissance des Genres. Ein guter Zeitpunkt, um sich eines SF-Schwergewichts aus dem Jahre 1999 zu erinnern.    17.01.2014

Jeder fühlt sich irgendwo zu Hause - sei es in einem Land, einem Gebäude oder auch nur in der Gesellschaft bestimmter Mitmenschen. Für dieses Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit gibt es einen Begriff: "Heimat". Doch was, wenn sich auf einen Schlag die eigene Herkunft als Lüge und dieses Heimatgefühl als Konstrukt herausstellt? Mit genau diesem Szenario sieht sich das außerirdische Volk der Taiidan konfrontiert - und hier beginnt die epochale Geschichte des Spiels "Homeworld".

Auf Kharak, dem vermeintlichen Ursprungsplaneten der Taiidan, wird ein uraltes Wrack gefunden, in dem sich zwei Gegenstände von höchster Bedeutung verbergen: einerseits eine Bauanleitung für den Hyperraumantrieb und andererseits ein sogenannter "Führungsstein", auf dem eine Sternenkarte eingraviert ist. Auf der Karte ist ein Planet markiert und mit einem Wort aus der alten Sprache der Taiidan benannt. "Hiigara" - "Heimat". Rasch konstruieren die neugierigen Noch-Bewohner Kharaks mittels der Baupläne ein Mutterschiff. Doch nach dem ersten Testflug erwartet sie eine böse Überraschung: Kharak liegt in Trümmern, die gesamte Zivilisation der Taiidan wurde von unbekannten Kräften ausgerottet - bis auf die 600.000 Kolonisten auf dem Mutterschiff. Damit gibt es nur noch einen einzigen Kurs, um das Fortbestehen des Volkes zu sichern. Zurück zu den Wurzeln, um das Geheimnis ihres Ursprungs zu lüften: Hiigara, die Heimatwelt.

 

"Homeworld" erzählt eine Geschichte epischen Ausmaßes. Sie dreht sich nicht um das Schicksal einer Einzelperson, sondern gleich um das eines ganzen Volkes. Und die Reise ist sowohl lang als auch gefährlich. Das vom Aussterben bedrohte Volk muß sich gegen Piraten, religiöse Fanatiker und schlußendlich gegen ein gesamtes Imperium behaupten. Beim Spieler macht sich rasch ein Gefühl der Unterlegenheit breit; man fühlt sich wie David mit seiner kleinen Steinschleuder gegen einen übermächtigen Goliath. Die Steinschleuder repräsentiert in diesem Fall die Flotte des Spielers - da es sich bei "Homeworld" um ein Echtzeit-Strategiespiel handelt. In der Werft des Mutterschiffs werden Schiffe produziert, vom flinken Jäger bis hin zum Schweren Kreuzer. Die Rohstoffe dafür liefern Gesteinsbrocken, die pro Level begrenzt verfügbar sind.

Auch der Umgang mit den Schiffen selbst will gelernt sein, immerhin wartet die Steuerung von "Homeworld" mit einigen Besonderheiten auf. Die Einheiten werden im dreidimensionalen Raum frei bewegt. So ist es möglich, einen Gegner von oben und unten in die Zange zu nehmen oder gewiefte Hinterhalte zu legen. In der  Praxis braucht das einiges an Einarbeitungszeit, danach geht es aber recht angenehm von der Hand. Apropos Zeit: "Homeworld" ist ein langsames Spiel. Die Kämpfe laufen zwar in Echtzeit ab, doch viele Einheiten bewegen sich sehr behäbig. Dadurch hat man meistens genug Zeit, um auf neue Situationen zu reagieren.

Das Abenteuer der Taiidan ist in mehrere Levels gegliedert. Zu Beginn stehen dem Kommandanten alle noch intakten Schiffe aus dem vorherigen Abschnitt zur Verfügung. Das gibt dem Spieler die Möglichkeit, über den Spielverlauf hinweg eine gigantische Flotte aufzubauen - und das ist auch Pflicht, denn je näher die Taiidan ihrer Heimat kommen, desto zahlreicher werden ihre Feinde. Sollte der Kommandant es versäumt haben, fleißig Level für Level eine schlagkräftige Armada um sich zu scharen, so kann es passieren, daß er am Ende einfach zu wenige Schiffe hat, um sich gegen die zahlenmäßig überlegenen Gegner zu behaupten. Der Verlust eines Zerstörers beim Finalkampf eines Levels kann dann schon einmal zu einem frustrierten Neustart führen, weil genau dieser Zerstörer zu Beginn des nächsten Abschnitts eventuell fehlt. Zeit zum Aufbauen ist nicht immer vorhanden, und Rohstoffe sind begrenzt. Man kann das Spiel jedoch jederzeit speichern bzw. laden, dadurch lassen sich viele Fehler ausbügeln.

Das System ist also Segen und Fluch zugleich, je nach Spielweise. Doch eines ist klar: Es ist ein äußerst befriedigendes Gefühl, mit der liebgewonnenen und altgedienten Flotte eine Schlacht nach der anderen zu schlagen. Wer hätte gedacht, daß man einen Haufen Pixel so ins Herz schließen könnte?

 

Diese Pixelhaufen sind es dann aber auch, die das Alter des Titels deutlich machen. Die Modelle der Schiffe sehen nach heutigen Maßstäben klobig aus, die Texturen bei näherer Betrachtung äußerst unscharf und grobkörnig. Teilweise wird dies durch gutes Design wettgemacht, doch auch die Effekte wirken veraltet. Im Hintergrund aber erstreckt sich stets die Unendlichkeit des Alls, deren Schönheit sowieso zeitlos ist. Das malerische Kollektiv aus Sternen, Planeten und Nebeln sieht auch nach heutigen Maßstäben noch wundervoll aus.

Besondere Erwähnung verdient die Sound-Landschaft des Spiels. Die englische Vertonung ist sehr gelungen. Sowohl die mechanisch-emotionslose Stimme des Mutterschiffs als auch die zahlreichen Funksprüche der Piloten tragen zur dichten Atmosphäre von "Homeworld" bei. Wer bei einer schwierigen Mission versuchen muß, an mehreren Fronten gleichzeitig zu kämpfen, und plötzlich die unpassend gelassen ausgesprochene Hiobsbotschaft "The mothership is under fire" hört, kann schon einmal Herzrasen bekommen.

Der Soundtrack selbst ist schließlich hauptverantwortlich für die Stimmung von "Homeworld". Chorgesänge unterstreichen in ruhigen Spielphasen die schiere Verzweiflung des Überlebenskampfs der Taiidan; treibende Rhythmen lassen in den Kämpfen eine intensive Schlachtatmosphäre aufkommen. Die Klänge fügen sich optimal in das Geschehen ein und spielen eine Hauptrolle, ohne sich dabei aufzudrängen. Ohne zuviel verratenzu wollen: Besonders zu Beginn und im Finale des Spiels sorgt die musikalische Untermalung in Kombination mit den gezeigten Bildern gelegentlich auch für Gänsehaut.

 

Auf "Homeworld" muß man sich einlassen. Die einzelnen Missionen können je nach Aufgabenstellung und  Ehrgeiz des Spielers (wie viele Schiffe nehme ich mit?) zwei bis drei Stunden dauern. Es erfordert vorausschauendes Denken, aber auch cleveres Mikromanagement, da der Kommanant oft recht rasch auf neue Bedrohungen reagieren und seine verschiedenen Einheiten gegen die jeweilige Bedrohung klug einsetzen muß. Dafür ist das Gefühl des Erfolgs nach getaner Arbeit umso erfüllender. Und bald fühlt man sich als Teil des verlorenen Volkes, das um sein Überleben kämpft und das Geheimnis seiner Herkunft lüften will. Wer sich an einer veralteten Optik sowie der komplexen Steuerung nicht stört, sollte diesem Titel eine Chance geben - vor allem, wenn er wieder einmal richtig in einem Spiel versinken möchte. "Homeworld" läßt nämlich keine halben Sachen zu - den langen Pfad nach Hause kann man nur zur Gänze gehen.

 

Philipp Grüll

Homeworld

ØØØØ 1/2

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(Relic Entertainment)

Erhältlich für: PC

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