Kino_10.000 BC

In einem Land vor unserer Zeit

Hilfe, die Mammuts sind los! Und nicht nur die: Roland Emmerichs Steinzeit-Epos schickt einen jungen Krieger auf eine beschwerliche Odyssee. Der schwäbische Regisseur war ja noch nie ein großer Erzähler - aber hiermit unterbietet er seine letzten Arbeiten mit Leichtigkeit.    06.03.2008

Was soll denn das, Herr Emmerich? Vom deutschen "Spielbergle" ist man ja so einiges gewöhnt. Üppig bebilderte Nonsens-Action ("Independence Day"), patriotische Geschichtsstunden ("Der Patriot") und leidenschaftslose Zerstörungsorgien ("Godzilla", "The Day After Tomorrow") hat der gebürtige Schwabe während seiner Zeit in Hollywood bislang abgedreht. Sein neuer Coup "10.000 BC", augenscheinlich als epische Heldensaga konstruiert, entpuppt sich als 140 Millionen Dollar teure Lachnummer, mit der sich Emmerich als Kreativer selbst diskreditiert. Stünde nicht ein derart großzügiges Budget hinter der gesamten Produktion, so ließe sich trefflich darüber streiten, ob dem Film zumindest unter dem Trash-Aspekt nicht doch ein gewisser Unterhaltungswert zu entlocken sei.

Das, was rudimentär als Plot identifiziert werden kann, klingt wie ein Mix aus "Conan - Der Barbar", "Der Herr der Ringe" und Gibsons Dschungel-Fiebertraum "Apocalypto". Ein junger Jäger namens D´Leh (Steven Strait) heftet sich im Emmerich-Machwerk mit einigen Getreuen an die Fersen brutaler Sklavenhändler. Diese hatten zuvor D´Lehs Dorf überfallen und Mitglieder seines Stamms - darunter die schöne Evolet (Camilla Belle) - verschleppt. Während der Verfolgung haben D´Leh und seine Begleiter eine Vielzahl von Gefahren zu überstehen. Neben hungrigen Säbelzahntigern und gefräßigen Riesenvögeln müssen sie noch einigen anderen Widrigkeiten der Natur trotzen. Auf ihrem Weg durch lebensfeindliche Wüsten und karge Steppen machen sie aber auch immer wieder die Bekanntschaft anderer Kulturen und Stämme. Die teilen alle das gleiche Schicksal, da auch ihre Angehörigen von den Sklavenjägern entführt wurden. D´Leh gelingt es, das Vertrauen der Fremden zu gewinnen und immer mehr zu allem entschlossene Kämpfer um sich zu versammeln. Gemeinsam wollen sie ihre Familien aus der Gefangenschaft befreien.

 

Besonders der Vergleich zu "Apocalypto" drängt sich aufgrund der ähnlichen Dramaturgie und Story förmlich auf. Doch während Gibson atemberaubende, hochauflösende Bilder halsbrecherischer Dschungeljagden lieferte und dabei den moralischen Niedergang einer Hochkultur gewissermaßen im Vorbeigehen schilderte, hängt Emmerichs Möchtegern-Epos im luftleeren Raum. Die Malaise fängt bereits beim ausgedachten Urzeit-Szenario an, für das sich der Regisseur und sein Koautor Harald Kloser (letzterer steuerte übrigens in seiner Funktion als Komponist auch die einfallslose Ethno-Bombast-Untermalung bei) bei ganz unterschiedlichen Epochen, bei historisch Verbrieftem und frei Erfundenem bedienten. Es mag noch zu verschmerzen sein, daß D´Leh englisch bzw. in der Synchronisation deutsch spricht; schließlich handelt es sich bei "10.000 BC" um Popcorn-Kino und keine Doku. Daß der Film aber gleich jeden Ansatz von Glaubwürdigkeit über Bord wirft, indem er seinen Helden auf Phantasiegeschöpfe wie jene blutgeilen Killerstrauße treffen läßt, gereicht ihm wahrlich nicht zum Vorteil.

Dabei beschreibt der unfreiwillig komische Kampf Mensch gegen Vogel - wahlweise auch gegen Tiger oder Mammut - nur eines von vielen Symptomen, die sich alle auf dasselbe Grundproblem reduzieren lassen: Emmerich besitzt zumindest in seiner Funktion als Regisseur kein Gespür für echte Charaktere und echte Emotionen. Alles wirkt hölzern, viel zu dick aufgesetzt und trieft dabei nur so vor Klischees. So ergehen sich die Figuren andauernd in großen Posen, die in ihrer Exaltiertheit nur noch peinlich sind. Der letzte Kniefall des Helden, die anschließend reichlich plumpe Parallelmontage zwischen der scheinbar todgeweihten Evolet und der alten Stammesmutter (Mona Hammond) - all das erscheint wie eine vorweggenommene Parodie auf sich selbst. Hinzu kommen Dialoge auf Soap-Niveau, die nur noch vom Geschwafel des väterlichen Off-Erzählers Armin Müller-Stahl (im Original Omar Sharif) unterboten werden.

Selbst die Spezialeffekte qualifizieren sich in ihren besten Momenten allenfalls für einen Platz im Mittelfeld. Sieht man einmal von der Tatsache ab, daß Spielberg und das Team von ILM Vergleichbares bereits Anfang der Neunziger in "Jurassic Park" vollbrachten, kann die einleitende Mammutjagd zumindest unter dem technischen Aspekt halbwegs überzeugen. Ansonsten zerstören zähe CGI-Animationen nur allzuoft auch die letzte Illusion. Gerade der eigentlich furchterregende Säbelzahntiger erscheint hier wie ein Fremdkörper aus einer lieblos animierten Klingeltonwerbung. Angesichts des gewaltigen Budgets muß man sich die Frage stellen, wohin das ganze Geld geflossen ist, wenn selbst die Schauwerte - in der Vergangenheit Emmerichs einziges Steckenpferd - derart enttäuschen.

Der kunterbunte, in sich unausgegorene Mix aus ägyptischer Mythologie, steinzeitlicher Romantik und schwarzafrikanischer Mystik kann zu keiner Zeit seinen bedauernswert pathetischen Charakter abstreifen. Die Künstlichkeit der zahlreichen Bluebox-Aufnahmen verursacht Augenkrebs und akute Schlafattacken. Eindrucksvoll bestätigt "10.000 BC" damit Emmerichs Ruf, in seinen Arbeiten jeglichen Ansatz von Atmosphäre bereits im Keim zu ersticken. Zurück bleiben Ratlosigkeit und die Frage, wie man so viel Geld so gnadenlos in den reichlich vorhandenen Sand setzen kann.

Marcus Wessel

10.000 BC

Ø

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USA 2008

109 Min.

Regie: Roland Emmerich
Darsteller: Steven Strait, Camilla Belle, Cliff Curtis u. a.

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IALperI - 08.03.2008 : 23.51
Hab den Film mit meinem Vater; der ein leidenschaftlicher Historiengucker ala Ben hure ist, angeguckt!
HALLO? Was ist das den? Der Typ hat Godzilla gedreht?
Etwa 10min vom Anfang sind vor einer Landschaftleinwand gedreht worden.
Die Mamuts waren lauter Klone, vom Mamut aus Ice Age.
Und bitte, dieses Ende...wer hat diesem Skript das OK zum dreh gegeben? Trump sagt: " U are fired! "
Glatte 6!?

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