Kino_Before Sunset

Sonnenwende

Alles oder nichts: In Paris laufen sich Ethan Hawke und Julie Delpy neun Jahre nach "Before Sunrise" noch einmal über den Weg. Ob sie sich und einander diesmal finden?    18.06.2004

Letztendlich läuft ohnehin alles auf die eine Frage hinaus: Hat man sich - eingedenk des Wesens der Welt - endgültig zum unverbesserlichen Zyniker des Alltags gewandelt oder ist man (wenn auch bloß im tiefsten Herzen) doch noch irgendwie Romantiker geblieben?

Dies meint zumindest der amerikanische Neo-Schriftsteller Jesse (Ethan Hawke) im Rahmen einer Lesung in einer kleinen Pariser Buchhandlung. Und der (und wir mit ihm) sollte(n) schließlich wissen, wovon da die Rede ist. Neun Jahre zuvor durften wir nämlich ihn, einen damals ziellosen amerikanischen Weltenbummler, und seine überaus bezaubernde französische Zufallszugbekanntschaft Celine (Julie Delpy) in "Before Sunrise" bei einer unvergeßlichen Odyssee durch eine Wiener Sommernacht begleiten, bei der vor allem eines wurde: geredet, geredet, geredet. Über Liebe, Leben, Träume und Unsicherheiten, Gott, die Welt und sonst noch was. Bis sich die beiden nach durchwanderter Nacht im Morgengrauen am Wiener Westbahnhof trennen mußten, doch nicht ohne das gegenseitige Versprechen, ein halbes Jahr später an selbigem Ort wieder zusammenzutreffen. Daß daraus offensichtlich nix wurde und die beiden einander nie wieder sehen würden, war dem Zyniker von vornherein klar. Doch auf den will und wollte ja ohnehin noch nie jemand hören.

Denn der Romantiker wußte: there is more than this. Und so steht eben an obenerwähntem Pariser Nachmittag plötzlich auch Celine in dieser Buchhandlung, in der Jesse illustrerweise die in Buchform gebrachten Erlebnisse jener Nacht präsentiert. Ein verstohlener Blickkontakt, ein schüchternes gegenseitiges Abtasten - und schon geht die alte Geschichte von vorne los, diesmal tatsächlich in der Stadt der Liebe. Doch die Seine ist nicht der Donaukanal. Während die zwei in Cafes, Taxis und Parkanlagen jeder für sich die vergangene Lebensdekade aufrollen und wieder viel reden, reden, reden, merkt man: Es ist nichts besser geworden. Sie befindet sich nach zahllosen Beziehungsdilemmata auf dem besten Weg zur verbiesterten Ökozicke, er ist unglücklich verheiratet, hat ein Kind und verwandelt sich in einen kleinbürgerlichen Spießer. Aus den traumtänzelnden Twentysomethings der Generation X wurden leicht angeknackste und desillusionierte Thirtysomethings, die wohl älter, deswegen aber noch lange nicht glücklicher oder gar weiser geworden sind. Doch die Magie ihrer Wiener Begegnung wirkte all die Jahre immer noch nach, hielt sie wohl unbewußt am Suchen und Hoffen. Und nun wissen beide: Wenn das noch was werden soll, dann hier und jetzt (denn er muß mal wieder ein Flugzeug kriegen) oder eben nie mehr. Das (Film-)Ende läßt diese Entscheidung wieder einmal mehr oder weniger offen; die Zeichen und Gesten dürfen je nach Gläubigkeitsgrad des Sehers unterschiedlich interpretiert werden.

Regisseur Richard Linklater mußte sich für "Before Sunrise" einiges an Kritik gefallen lassen. Der Film drehe sich lediglich um sich selbst, sei eine platte Anbiederung an das französische Erzählkino, täusche Handlung bloß vor und sei im großen und ganzen ein aufgeblasenes Nichts. Wer so denkt, wird natürlich auch "Before Sunset" verabscheuen, denn hier gibt es noch weniger Handlung im engeren Sinn, noch mehr Dialoge und noch mehr vermeintliches "Nichts". Was man vor dem Rohmer-Altar kniend aber auch gar nicht verstehen kann: In jedem vorsichtigen Herantasten, in jeder verhaltenen Annäherung steckt mehr Wahrheit, als es die Gefühlsuntoten dieser Welt wohl verkraften könnten. Deswegen, lieber Mr. Linklater, danke, daß Sie alle paar Jahre die Liebeskomödie aus den kitschverseuchten Armen der kulleräugigen Meg Ryans und Hugh Grants dieser Welt reißen und uns Menschen aus dem wirklichen Leben auf deren Suche nach wirklicher Liebe zeigen. Weil man die Welt noch nicht den Zynikern und Liebespragmatikern überlassen sollte.

Christoph Prenner

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Before Sunset

ØØØØ 1/2


USA 2004

85 Min.

dt. Fassung und engl. OF

Regie: Richard Linklater

Darsteller: Ethan Hawke, Julie Delpy, Vernon Dobtcheff u. a.

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