Kino_Hancock

Anti-Held

Wo Will Smith draufsteht, ist Blockbuster-Kino drin. Diese einfache Gleichung scheint anfangs auch auf den neuen Superheldenstreifen von Regisseur Peter Berg zuzutreffen. Doch dann vollzieht der Film eine 180-Grad-Wendung, die ihm nicht zum Vorteil gereicht.    01.07.2008

Sieht so ein Superheld aus? John Hancock (Will Smith) legt nicht gerade viel Wert auf sein Äußeres. Statt eines maßgeschneiderten Superheldenanzugs trägt er ranzige Gammelklamotten; statt auf seine Gesundheit zu achten, ruiniert er sie lieber mit seiner Alkoholsucht; statt "Danke" und "Bitte" kennt er nur ein unmißverständliches "Fuck You!" All das, was man sich gemeinhin unter einem volksnahen Schurkenschreck vorstellt, erfüllt Hancock mit beeindruckender Konsequenz - nicht. Allenfalls sein Sinn für Gerechtigkeit scheint noch nicht gänzlich verlorengegangen zu sein. Dumm ist nur, daß er sich bei seinen gutgemeinten Auftritten als Retter in der Not regelmäßig wie ein Elefant im Porzellanladen aufführt.

In dieser ausweglosen Lage, in der die Öffentlichkeit Hancock für seine Verfehlungen am liebsten hinter dicken Gefängnismauern sehen will, ist guter Rat verdammt teuer. Da hilt es, wenn man jemanden kennt, dessen Job es ist, ein ramponiertes Image wieder aufzupolieren. Der Zufall will es, daß Hancock ausgerechnet PR-Berater Ray (Jason Bateman) zu Hilfe eilt und ihm in letzter Sekunde das Leben rettet. Ray revanchiert sich mit einer ausgeklügelten Image-Kampagne, von deren Sinn der delinquente Superheld aber erst noch mühsam überzeugt werden muß. Daß Rays Frau Mary (Charlize Theron) auf das neue Familienmitglied nicht wirklich gut zu sprechen ist, macht das Unterfangen keineswegs leichter. Erst später zeigt sich, daß sie und Hancock mehr verbindet, als es zunächst den Anschein hat.

 

Das Konzept des Superhelden wider Willen mit Hollywood-Superstar Will Smith umsetzen zu wollen, ist eigentlich bereits ein Widerspruch in sich. Nachdem Tom Cruise durch seine jüngsten Eskapaden immer stärker als Witzfigur wahrgenommen wird und Brad Pitt sich einbildet, nur noch Kunstkino machen zu müssen, war Smith bis zuletzt einer der ganz wenigen Box-Office-Garanten der Traumfabrik - und das vor allem, weil er in jeder Rolle erkennbar Will Smith blieb. Ob als Alien-Jäger, Date-Doktor oder einziger Überlebender einer biologischen Katastrophe, der rappende Schauspieler erledigte jeden Job stets zur größten Zufriedenheit des Publikums und seiner Auftraggeber.

Auch als abgewrackter Übermensch macht er seine Sache insgesamt recht ordentlich, wobei Smiths Stärken ganz eindeutig während der ersten Filmhälfte zum Tragen kommen. Wenn er lässig und cool einen flapsigen One-liner nach dem anderen zitiert, ist der einstige Bad Boy in seinem Element. Der Grund, weshalb "Hancock" nach gut der Hälfte merklich abbaut und an Schwung verliert, liegt jedoch nicht allein bei Smith. Regisseur Peter Berg und seine beiden Autoren Vincent Ngo und Vince Gilligan wollten augenscheinlich mehr als nur sommerliches Popcorn-Kino erschaffen. Anders ist es nicht zu erklären, warum ihr Film zum Ende hin mit solcher Brachialgewalt in ein mystisches, pseudodramatisches Korsett gepreßt werden soll, das mit dem locker-flapsigen Ton der ersten 50 Minuten kaum mehr etwas gemein hat.

Plötzlich soll man Empathie für den tragischen Helden aufbringen und sich ernsthaft für sein Schicksal interessieren, obwohl er zuvor nur als komische Gestalt in Erscheinung trat. Die wenigen Impressionen, die ihn nicht als wandelnde Karikatur auf den Superheldenmythos zeigen, wirken in ihrer plakativen Zurschaustellung einer arg überstrapazierten "Lonesome Cowboy"-Phantasie - Hancocks Zuhause ist ein ausrangierter Wohnwagen - reichlich fade und kopiert. Die zugegeben ambitionierte Prämisse, sozusagen über die Hintertür eine tiefsinnige Charakterstudie in den zweifellos sehr überschaubaren Plot einzubauen, bleibt unvollkommen. Schlußendlich zerfällt der Film in zwei Teile, denen es an Stringenz und einer schlüssigen Verbindung zueinander mangelt.

Nicht nur, daß Hancock mit akuten Stimmungsschwankungen zu kämpfen hat, der Genre-Zwitter quält sich darüber hinaus mit einem nur leidlich interessanten Figurenarsenal, das die narrativen Unebenheiten nur sehr eingeschränkt kaschieren kann. Ein respektabler Gegenspieler fehlt ebenso wie ein echter partner in crime. Jason Batemans PR-Fuzzi ist nicht mehr als ein sympathischer Stichwortgeber. Immerhin gibt es für die Männer mit Oscar-Preisträgerin Charlize Theron echtes eye-candy. Das muß genügen.

Daß Peter Berg mehr wollte, als das Format und die Geschichte eigentlich hergeben, ist vielleicht die größte Crux und erklärt, wieso das Ergebnis nicht zu überzeugen vermag. Sein bereits aus "Operation: Kingdom" bekannter düsterer Inszenierungsstil scheint mit gängigem Popkorn-Kino nicht wirklich kompatibel zu sein. Zudem konnte er sich augenscheinlich nicht entscheiden, ob er eine unverfängliche Superheldensause mit Schenkelklopfer-Garantie oder doch lieber ein mystisches Fantasy-Drama erzählen wollte. Der denkbar einfachste Kompromiß - von beidem etwas - ist ein fauler und macht niemanden wirklich glücklich. Weder Hancock und schon gar nicht den Zuschauer.

Marcus Wessel

Hancock

ØØ 1/2

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USA 2008

92 Min.

Regie: Peter Berg

Darsteller: Will Smith, Charlize Theron, Jason Bateman u. a.

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