Kino_Herr Lehmann

Liebling Kreuzberg

Der alte Affe Alltagstrott oder: Lebensweisheiten zwischen zwei Glas Kristallweizen. Vom Glücksfall der Filmadaptierung eines ohnehin schon meisterlichen Wenderomans.    30.09.2003

Berlin Kreuzberg, der letzte Sommer vor dem Mauerfall. Von den bevorstehenden Veränderungen ist allerdings wenig zu spüren im recht übersichtlichen Mikrokosmos der hier versammelten Unikate: Kneipiers, die eigentlich Künstler sein wollen, illustre Stammgäste, notorische Barflies, charmant-kauzige Gestalten allesamt, die sich Nacht für Nacht zu ausgedehnten Kneipen-Sit-ins und Zechtouren zusammenfinden. Typen, die um sechs Uhr morgens aus dem Beisl ins fahle Morgengrauen gekehrt werden. Typen, denen das letzte Bier nur das vor dem allerletzten sein kann, weil in der eigenen Bude ja doch nichts und niemand wartet. Die gscheite Reden schwingen oder sich fragen, ob die Zeit schneller oder langsamer vergeht, wenn man betrunken ist. Und sich zuweilen auch die Frage stellen müssen, was sie denn nun anfangen sollen mit dem eigenen Leben. Typen, bei denen Sätze viel zu häufig mit "Man sollte mal..." beginnen.

Einer von ihnen: Lehmann (Christian Ulmen), der eigentlich Frank heißt, aber von allen nur noch "Herr Lehmann" genannt wird, da er bald dreißig wird. In seiner eigenen Ambitionslosigkeit mit sich selbst und seiner Welt im reinen, muß er sich unvermutet doch einigen Änderungen stellen: Zuerst stiftet ein kläffender Hund, später ein bis dato fremder Kristallweizentrinker Verwirrung, dann kündigen sich seine Eltern zu Besuch an, sein bester Freund Karl (Detlev Buck) beginnt sich immer merkwürdiger zu verhalten, und schließlich verliebt er sich auch noch in die "schöne Köchin" Katrin (Katja Danowski).

Leise und unaufdringlich wie ihre Hauptfigur ist sie, diese Adaption des gleichnamigen Romans des Element-Of-Crime-Sängers Sven Regener (der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet), und weiß doch vieles zu verheißen. Der Übergang, der Regisseur Haußmann ("Sonnenallee") von luftig-lakonischer Komödienleichtigkeit zu melancholischer Liebesgeschichte und sanft wehmütiger Milieustudie gelingt, ist ein zwischen Lachen, Mitfühlen und Weinen fließender - und zum Glück meilenweit entfernt vom bundesdeutschen Pop-Geschwätz ("Verschwende deine Jugend", "Liegen lernen") dieser Tage. Hinreißend unspektakulär zieht Lehmann seine Bahnen durch die Welt. Es ist eigentlich nicht viel, was passiert (im larmoyant-nostalgischen Blick auf die Umwelt Alison Macleans "Jesus´ Son" nicht unähnlich), und doch braucht es nicht lange, um den Film lieb zu gewinnen. Was zu einem erheblichen Teil auch an der wirklich erstaunlichen Leinwandpräsenz des former MTV-Dodels vom Dienst Christian Ulmen liegt, die dem designierten Antihelden eine bedeutende Ration Sympathie und Identifikationspotential verleiht. Würde mich doch sehr wundern, wenn "Herr Lehmann" am Ende des Jahres nicht in sehr vielen Jahres-Top-10-Listen auftauchen würde. Color me impressed.

Christoph Prenner

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Herr Lehmann

ØØØØ 1/2


D 2003

105 Min.

dt. OF

Regie: Leander Haußmann

Darsteller: Christian Ulmen, Detlev Buck, Katja Danowski u. a.

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