Kino_Julie & Julia

Bon appétit!

Meryl Streep übertrifft sich wieder einmal selbst - diesmal als exzentrische Köchin aus den 50er Jahren. Sie und ihre Weblog-Nachfolgerin Amy Adams sind in einer amüsanten Romanadaption von Nora Ephron über Leben, Liebe und Kochkunst zu sehen.    19.10.2009

Ein junges Paar zieht nach Brooklyn. Ein etwas älteres Ehepaar beginnt ein Leben in Paris. Die fast 30jährige Julie (Amy Adams) allerdings ist mit ihrem neuen Apartment nicht gerade zufrieden, während die etwas ältere Julia (Meryl Streep) restlos begeistert ist von der charmanten Stadt und ihren Einwohnern. Die beiden Frauen beginnen den neuen Lebensabschnitt völlig unabhängig voneinander. Sie kennen einander nicht und leben nicht einmal im selben Jahrzehnt. Trotzdem verbindet sie etwas: beide haben eine Leidenschaft fürs Essen und Kochen. Julia Child macht daraus ihren Beruf und bringt in den 50er Jahren ein Kochbuch heraus, das die amerikanische Cuisine revolutioniert.

Im Jahr 2002 ist es Julie Powell, die - nach Sinn in ihrem Leben suchend - selbiges Buch aufschlägt und beschließt, alle darin enthaltenen 524 Rezepte in 365 Tagen nachzukochen und einen Blog darüber zu verfassen. Die junge Frau ist eigentlich Schriftstellerin, hat aber nur ein halbes Buch geschrieben und versauert nun in einem Job, dessen Sinnhaftigkeit sie hinterfragt, mit Freundinnen, die sie nicht leiden kann, in einem Leben, das sie nicht erfüllt - und zu allem Überdruß steht der 30. Geburtstag bevor. Der beste Zeitpunkt also, um eine Lebenskrise mit einem erfüllenden Projekt zu bewältigen.

Nach all den unterschiedlichen Rollen, die Meryl Streep im Laufe ihrer Filmkarriere übernommen hat, ist sie immer noch für Überraschungen gut. Diesmal begeistert sie in einer Romanadaption von Nora Ephron, in der sie die berühmte Köchin Julia Child verkörpert, die nicht nur auf ihrem Gebiet herausragend, sondern zudem noch eine außergewöhnliche Persönlichkeit war. Schon in den ersten Minuten macht die Schauspielerin klar, daß sie auch als exzentrische Dame Anfang der 50er Jahre in Paris, die sich zuerst dem Essen und dann dem Kochen widmet, brillieren wird. Eigentlich ist schwer auszudrücken, wie Streep ihre Rolle meistert. Nicht nur einmal sorgt sie für schallendes Gelächter - oft, weil nicht mehr klar ist, ob sie es mit ihrer Darstellung ernst meint oder nicht. Sie siedelt ihre Figur irgendwo zwischen Charlie Chaplin und Laurel & Hardy an, erinnert manchmal in ihrer Körperlichkeit sogar an eine alte Zeichentrickfigur und läßt immer offen, ob sie parodiert, es ernst meint oder nur lustig findet.

 

So erzählt der Film vom Leben der beiden Frauen, die zu ganz unterschiedlichen Zeiten ihre Begeisterung fürs Kochen entdecken. Julia möchte keine tatenlose Ehefrau sein, also beschließt sie ehrgeizig einen Beruf zu erlernen, der zur damaligen Zeit eher Männern vorbehalten war. Doch ihre Liebe zu Paris, dem guten Wein und dem köstlichen Essen ist größer, und sie wird eine herausragende Köchin, die sogar ein Buch für Amerikaner über die französische Küche verfaßt. Julie hingegen sucht nach Erfüllung und findet diese vor allem im Nachkochen von Julia Childs Rezepten.

Gleichzeitig werden im Hintergrund auch Themen wie Liebe, Ehe und Freundschaft behandelt, die den amüsanten Film mit tiefergehenden Gedanken zum Leben abrunden. So sinniert Julie immer wieder über Julia und ihr Leben und ist beim Kochen in Gedanken immer bei ihrem Vorbild. In ihren Augen hat Julia alles richtig gemacht, während sie selbst weit davon entfernt ist, ihr Leben in Ordnung zu bringen. Streitereien mit ihrem Mann, Haß auf den Job und Pannen beim Kochen - nicht nur einmal steht sie kurz davor, das ganze Projekt hinzuwerfen. Doch letztlich hilft ihr Julia Child über alle Probleme hinweg, nicht nur durch ihr Kochbuch, sondern auch durch ihre überaus amüsanten Kochsendungen.

Nora Ephrons Adaption zweier Romanvorlagen ("Julie & Julia" von Julie Powell und "My Life in France" von Julia Child) ist eine gelungene und vor allem appetitanregende Komödie über das Leben und gutes Essen - zwei Dinge, die sich scheinbar nur schwer voneinander trennen lassen. Nicht mit demselben Fingerspitzengefühl, aber ähnlich wie in "Chocolat" zeigt der Film, wie zwei Menschen ihr Leben verändern, wobei Essen eine große und sehr wichtige Rolle spielt. "Julie & Julia" macht aber schlußendlich nicht nur Lust auf Schokolade, sondern auch auf viele andere Köstlichkeiten der französischen Küche, deren Zubereitung wichtiger Bestandteil des Films ist. Die Moral von der Geschicht´ scheint folgende zu sein: Alles ist möglich, solange genug Butter da ist. Was die filmische Seite betrifft, ist die Moral eine andere. Man nehme Meryl Streep, und schon hat man einen sehenswerten Film. Doch auch abgesehen vom Star-Talent hat Regisseurin Nora Ephron eine durchaus schöne Komödie mit hohem Unterhaltungswert geschaffen.

Christa Minkin

Julie & Julia

ØØØ 1/2

Leserbewertung: (bewerten)

USA 2009

123 Min.

Regie: Nora Ephron

Darsteller: Meryl Streep, Amy Adams, Chris Messina u. a.

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Kino
Only Lovers Left Alive

Jims coole Blutsauger

Tilda Swinton und Tom Hiddleston geben in Jim Jarmuschs Genrebeitrag ein außergewöhnliches Vampir-Duo mit Hang zu Coolness, Schwermut und Musik.  

Kino
Wer weiß, wohin?

Von Haschkeksen und Krieg

In ihrem zweiten Spielfilm erzählt die libanesische Regisseurin Nadine Labaki humorvoll und feinsinnig von einem Dorf, in dem eine Gruppe entschlossener Frauen mit kreativen Mitteln die religiöse Feindschaft zu beenden versucht.  

Kino
The Iron Lady

And the Oscar goes to ...

Es ist kein Wunder, daß Meryl Streep mit ihrer Rolle der englischen Premierministerin Margaret Thatcher den dritten Oscar ihrer Karriere gewann. Streep beweist einmal mehr, daß sie zu den fähigsten Schauspielerinnen der Gegenwart gehört.  

Kino
R.E.D. - Älter, härter, besser

We Need A Pig

Bruce Willis, Helen Mirren, Morgan Freeman, John Malkovich ... Nicht nur das Darsteller-Team begeistert in dieser Comic-Adaption. Die Action-Komödie amüsiert mit viel Ironie und Augenzwinkern.
 

Kino
Salt

Humorlose Kampfmaschine

Ihr EVOLVER macht's gründlich: Gleich zwei unserer Kritiker haben sich den aktuellen Film angesehen.
"Ein spannender Spionage-Thriller mit schwieriger Hauptfigur", meint Christa Minkin.  

Kino
An Education

Paris oder Oxford?

Der neue Streifen der "Dogma"-Regisseurin Lone Scherfig überzeugt mit einem pointierten Drehbuch von Nick Hornby und interessanten Figuren. So richtig gelungen ist er trotzdem nicht.