Kino_Elle

Rape & Revenge with a Twist

Paul Verhoeven weiß immer noch, wie man das Publikum gekonnt gegen den Strich streichelt. Mit einer über 60jährigen Isabelle Huppert in der Hauptrolle ist die Djian-Verfilmung "Elle" ein längst überfälliges und höchst willkommenes filmisches Lebenszeichen des holländischen Maestros.    23.06.2016

Zum Auftakt seines neuen Films macht Paul Verhoeven das, was er am besten kann: sein Publikum irritieren. Während wir nur eine schwarze Leinwand sehen, hören wir das heftige Keuchen einer Frau; ohne zu erfahren, ob sie gerade Lust oder Schmerz empfindet. Gewißheit gibt es erst nach einer Aufblende, wenn wir sehen, wie die alleinstehende Michèle (Isabelle Huppert) von einem maskierten Einbrecher vergewaltigt wird.

Die Fronten scheinen damit klar zu sein: Wir haben einen Täter, ein Opfer und somit auch ein Erzählschema, das vermutlich seinen Lauf nehmen wird. Doch "Elle" beginnt zwar wie ein klassischer Rape-and-Revenge-Film, offenbart aber schon bald, daß die üblichen Schablonen hier nicht passen. Das geht schon damit los, daß Michéle alles andere als ein klassisches Opfer ist. Die recht kühle und toughe Chefin eines Spieleentwickler-Unternehmens zwinkert bereits einen Tag nach dem Vorfall schon wieder ihren deutlich jüngeren Angestellten zu und fordert im Rahmen eines Meetings über eine ziemlich brutale Videospiel-Szene (in der sich ein Ork unsanft an einer Prinzessin vergeht), daß diese lebensechter und leidenschaftlicher sein müsse. Und wenn sie dann beim Abendessen mit ihrem Bekannten endlich von dem schrecklichen Erlebnis erzählt und sich betretenes Schweigen breitmacht, reagiert sie darauf mit einem genervten Augenrollen, wie es nur Isabelle Huppert beherrscht.

 

 

Seit sich Verhoeven zur Jahrtausendwende von Hollywood verabschiedet hat, ist es eher still um den niederländischen Regisseur geworden. Inszeniert hat er seitdem immerhin zwei Filme - das Nazi-Drama "Black Book" sowie die Fernsehproduktion "Tricked". Als triumphales Comeback kann man "Elle" deshalb schon einmal nicht bezeichnen; dafür aber als Rückkehr auf das vertraute Terrain des düsteren Erotik-Thrillers. Blickt man auf Verhoevens Filmographie, so findet man mit "Der vierte Mann" und "Basic Instinct" zwei enge Verwandte des neuen Streifens. Jeder dieser Filme handelt von einem Protagonisten, der sich auf eine ebenso gefährliche wie sexuell stimulierende Beziehung mit einer Femme fatale - beziehungsweise einem Homme fatale - einläßt.

Michèle wird immer wieder von ihrem Vergewaltiger heimgesucht, bekommt schmierige SMS von ihm oder während ihrer Abwesenheit eine Ladung Sperma ins Bett. Und als sie ihren Widersacher schließlich entlarvt, geht sie nicht etwa zur Polizei, sondern läßt sich mit ihm auf ein riskantes Rollenspiel ein. Und da wären wir auch wieder bei der Irritation der Anfangsszene. Denn wirklich kategorisieren kann man dieses Verhältnis nicht. Wenn ein traumatisches Erlebnis für den Lustgewinn ständig wiederholt wird, lassen sich auch Angst und Begierde nicht mehr so leicht trennen.

 

Es macht großen Spaß, mitanzusehen, wie ein fast achtzigjähriger Regisseur hier dem Nachwuchs eine Lehrstunde in der hohen Kunst der unaufgeregten Subversion erteilt. "Elle" steckt voller kleiner Provokationen, ohne daß Verhoeven sie marktschreierisch als Grenzüberschreitung anpreisen müßte. Stattdessen erzählt er in einer Zeit emotional geführter Grabenkämpfe um die Emanzipation der Frau fast beiläufig von einer Protagonistin, für die Selbstbestimmung und sexuelle Unterwerfung einander nicht ausschließen. Daß diese Frau auch noch über 60 ist und der Film überwiegend wie eine bissige Gesellschaftskomödie über das Pariser Bürgertum daherkommt, verleiht "Elle" noch zusätzlich an Biß. Man kann nur hoffen, daß nach diesem großartigen Film wieder mehr von Verhoeven zu sehen sein wird. So darf man etwa weiterhin gespannt darauf warten, daß er seinen schon seit mehreren Jahren geplanten, skandalträchtigen Jesus-Film endlich verwirklicht.

 

Michael Kienzl

Elle

ØØØØ

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FR/D/Belgien 2016

130 Min.

 

Regie: Paul Verhoeven

Darsteller: Isabelle Huppert, Virginie Efira, Laurent Lafitte u. a.

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Unser Festival-Korrespondent Michael Kienzl hat sich trotz Terror-Alarm (der europaweit eh schon zur Routine wird) auch heuer nach Cannes gewagt - und präsentiert exklusiv im EVOLVER die wichtigsten Filme, die diesmal an der Cote d´Azur zu sehen sind.

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