Kino_Rachels Hochzeit

Himmel und Hölle

Jonathan Demme zeichnet das realistische Porträt einer Familie, die einiges an Trauer und Schuld aufzuarbeiten hat. Als Antrieb dient dabei die (selbst-)zerstörerische, alles dramatisierende Schwester der titelgebenden Braut, brillant gespielt von Anne Hathaway.    20.05.2009

Eigentlich sollte es ein schönes Wochenende werden. Rachel (Rosemarie DeWitt) will heiraten, die gesamte Familie des zukünftigen Ehepaars inklusive Freunde und anderer geliebter Menschen ist versammelt, und alle freuen sich auf einige Tage voller Liebe und Musik. Doch wie so oft währt das Glück nicht lange. Schuld daran ist, wie es scheint, Rachels Schwester Kym (Anne Hathaway), die extra für die Hochzeit aus der Reha-Klinik nach Hause kommt. Statt eines Geschenks bringt sie ein Suchtproblem und viele unverarbeitete Gefühle mit. Davon lassen sich zwar nicht alle Gäste stören, doch die engste Familie hat es sichtlich schwer, mit der egozentrischen und alles dramatisierenden Kym fertig zu werden.

So verweilt die Kamera gern bei friedlichen Momenten, nur um kurz darauf zu zeigen, wie die Idylle durch eine von Kyms zynischen Bemerkungen zerstört wird. Schnell wird klar, daß das Wochenende nicht ganz so laufen wird, wie die Familie es sich erhofft hat. Gleichzeitig erscheint der Wunsch nach Harmonie naiv, angesichts der Probleme und Konflikte, die zwischen den Familienmitgliedern herrschen. Daß Kym dabei nur als Katalysator fungiert, scheint eher dem unbeteiligten Beobachter klar zu sein. Ihre Angehörigen sehen in ihr eher einen nervigen Störenfried, der nur an sich denkt und keine Sekunde aus dem Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wegrücken möchte.

Obwohl Vater, Schwester und die restlichen Beteiligten nicht ganz unrecht mit dieser Einschätzung haben, sind die von Kym dominierten Szenen immer die glaubwürdigeren. Wenn die Kamera den Blick auf die Hochzeitsgesellschaft richtet, die beisammensitzt und den Verlobten Glück für die Zukunft wünscht, wirkt der Film langatmig - im Grunde möchte man der Zufriedenheit gar nicht glauben. Fast aufgesetzt wirkt es, wenn die Mutter des Bräutigams die Liebe des Paars mit dem Paradies vergleicht. Wenn dann Kym mit Zynismus und emotionalem Schmerz dazwischenfunkt, traurige Erinnerungen wachruft und so einen Streit verursacht, wird die Handlung derart realistisch, daß man den Eindruck gewinnt, ungewollt in eine echte Familienszene hineingeplatzt zu sein - ein Gefühl, das den meisten nicht unbekannt sein dürfte. In solch einer Situation verabschiedet man sich taktvoll oder bleibt sitzen und fühlt sich unwohl, bis alles wieder ruhig ist. In "Rachel Getting Married" bleibt nur letzteres zu tun und dem durchaus lebensnahen Auf und Ab der Handlung weiterhin zu folgen.

Doch trotz des unterschwelligen Gefühls, ins Privatleben anderer Menschen einzudringen (ein Effekt, der sich durch die häufig eingesetzte Handkamera verstärkt), und der Tragik der Konflikte, die langsam an die Oberfläche treten, vermittelt der Film eine überraschende Leichtigkeit. Kym mag zwar eine schwierige Person sein, weckt aber gleichzeitig Mitgefühl und Identifikationsmöglichkeiten. Sie denkt nämlich nicht immer an die Reaktionen der anderen, sondern handelt so, wie es ihr paßt. Dabei ist sie verletzend und zerstörerisch, irrational und unfair, doch eben deshalb auch realistisch.

 

Nach oberflächlichen Unterhaltungsfilmen wie "Plötzlich Prinzessin" oder "Der Teufel trägt Prada" ist es fast schwierig zu glauben, daß die überaus komplizierte und vielseitige Kym von Anne Hathaway dargestellt wird. Die Schauspielerin ist in dieser schwierigen Rolle aber erstaunlich souverän und meistert jede Szene mit Bravour. Obwohl die restliche Besetzung ebenso ein Kompliment verdient, ist es Hathaway, die - genau wie ihre Rolle - als Katalysator für den Film und das Schauspielerensemble fungiert. Sie hält die Handlung und die Figuren zusammen und treibt die Szenen voran, die ohne sie in Langatmigkeit versinken würden. Natürlich tragen Drehbuchautorin Jenny Lumet und Regisseur Jonathan Demme ("The Silence of the Lambs", "The Manchurian Candidate") Mitschuld an der Wirkung von Kyms verbalen Einlagen. Dennoch macht vor allem Hathaways Spiel Lust auf den Film und läßt hoffen, daß sie in Zukunft noch oft ihr Talent so unter Beweis stellen wird.

Lust ist für "Rachel Getting Married" grundsätzlich ein gutes Stichwort, stellt der Streifen doch nicht nur Konflikte und Krisen dar, sondern im Gegensatz dazu auch Glück und Ausgelassenheit. Die multikulturelle Hochzeitsgesellschaft wird mit - im Hollywood-Kino selten anzutreffender - Selbstverständlichkeit gezeigt, ebenso die unkonventionelle Trauung mit bunter Kleidung und rhythmischer Musikbegleitung. Die anschließende Feier, die zeitlich einen großen Teil des Films einnimmt, ist geprägt von Tanz, Lachen, ausgefallenen Outfits und Spaß am Leben.

Jonathan Demme wirft hier einen Blick auf die Menschen, wie sie wirklich sind. Denen geht halt nur selten plötzlich ein Licht auf, das ihr ganzes Leben und die Einstellung dazu ein für allemal verändert (wie man das so oft in Hollywood sieht). Stattdessen kämpfen Süchtige an einem Tag mit sich selbst, während es ihnen am nächsten gut geht, nur um einen weiteren Tag später in eine tiefe Krise zu verfallen. Familien streiten und vertragen sich wieder. Konflikte werden gelöst, um neuen Platz zu machen. Trotz alledem geht das Leben weiter und bietet sowohl Platz für Schmerz und Trauer - als auch für Glück und Lust am Dasein.

Christa Minkin

Rachels Hochzeit

ØØØ 1/2

(Rachel Getting Married)

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USA 2008

113 Min.

Regie: Jonathan Demme

Darsteller: Anne Hathaway, Rosemarie DeWitt, Anisa George u. a.

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