Kino_Ricky - Wunder geschehen

Fly, baby, fly!

In seinem schwer zu fassenden neuen Film erzählt François Ozon von einer stinknormalen Familie, deren jüngstes Mitglied fliegen kann wie ein Vogel.    14.08.2009

François Ozon ist ein vielseitiger Regisseur - eine Behauptung, die er mit seinem neuen Streifen "Ricky" eindeutig untermauert. Ozons Filmographie besteht aus Filmen wie "Tropfen auf heiße Steine", "Unter dem Sand" oder "8 Frauen", in denen er sich ganz unterschiedlichen Themen widmet und diese auf seine eigene Art darbringt. Der schwer verdauliche "Ricky" offenbart seine Thematik aber nicht so einfach, wie das in früheren Werken Ozons üblich ist. Erzählt der Film von Tod und Trauer oder den Schwierigkeiten des Alltags? Widmet er sich familiären Beziehungen und berichtet von Liebe und Zuneigung?

Solche Fragen lassen sich nicht kurz und bündig beantworten, da "Ricky" keine Möglichkeit zu einer schnellen Interpretation bietet. Fast schon verstörend wirkt die Art, wie Ozon seine phantastische Geschichte mit erstaunlichem Realismus darzustellen weiß. Schließlich erzählt das Kino nicht alle Tage von fliegenden Babys und gleichzeitig von einer stinknormalen Familie mit den ewig gleichen Problemen. Ozon vermag die beiden konträren Stränge jedoch zu einer interessanten und außergewöhnlichen Story zu verbinden.

Dabei beginnt alles im grauen, langweiligen Alltag. Schnell wird klar, wer in dieser Familie die Verantwortung trägt. Ein siebenjähriges Mädchen weckt die Mutter auf; es ist Zeit für Schule und Arbeit. Die Erwachsene jedoch ist mißmutig, hat keine Lust aufzustehen. Trotzdem wird geduscht und gefrühstückt, man putzt sich die Zähne und verläßt das Haus. Die Tochter wird in der Schule abgesetzt, die Mutter fährt zur Arbeit. Dort scheint alles trister Alltag zu sein. Die Fabrik ist dieselbe, die Kollegen sind immer gleich. Doch da erscheint auf einmal eine neue Gruppe Mitarbeiter, die gerade zur Einschulung an Katies (Alexandra Lamy) Arbeitsplatz vorbeigehen - und schon ist es um die Frau geschehen: Der Spanier Paco (Sergi Lopez) verdreht ihr den Kopf. Bald wird die alleinerziehende Mutter schwanger, der Neue zieht zu ihr, und in der nächsten Einstellung wird er auch schon ins Krankenhaus gerufen, weil das Kind unterwegs ist.

Doch das unschuldige Wesen scheint nicht gerade Glück in die Familie zu bringen. Die Tochter Lisa (Mélusine Mayance) schaut grundsätzlich traurig und verzweifelt drein und kann sich nicht zwischen Liebe, Eifersucht, Angst und Mißtrauen entscheiden. Paco geht lieber einen trinken, und auch für die Mutter ist Verantwortung eine schwierige Angelegenheit. Schon gibt es den ersten Streit. Als Katie dann Blutergüsse am Rücken des kleinen Ricky entdeckt und Paco beschuldigt, verläßt dieser die Familie.

 

Soweit scheint also alles seinen typischen Verlauf zu nehmen, doch da bringt François Ozon eine neue Wendung in den Film. Die Blutergüsse erweisen sich nämlich als Vorboten für Flügel, die dem Baby auf dem Rücken wachsen. Schon bald kann Ricky im Zimmer herumfliegen und Mutter und Schwester damit aus der Fassung bringen. Daß Flügel am Rücken eines menschlichen Kindes früher oder später für Ärger sorgen müssen, ist vorprogrammiert.

Doch bei Ozon laufen die Dinge immer etwas anders. Die eigentlich phantastische Wendung bettet sich ganz selbstverständlich in die Normalität des Films ein. Weder Katie noch ihre Tochter scheinen die Flügel besonders merkwürdig zu finden. Ein wenig beunruhigt sind sie zwar schon, doch sie brauchen nicht viel Zeit, um die neue Entwicklung zu verdauen. Liebevoll kümmern sich die beiden um das Baby und scheinen irgendwie glücklich zu sein. Doch noch ist nicht alles erzählt - und Ozon wartet bis zum Ende mit weiteren Geschehnissen auf, die die Interpretation immer komplizierter machen.

Schwer verdaulich ist sein Werk gerade deshalb. Da sind nicht etwa die Ereignisse zu tragisch oder die Erzählweise belastend - "Ricky" ist einfach schwer zu fassen, gleichzeitig aber gerade deswegen interessant. Ozon zeigt sehr bestimmt die verschiedenen Komplikationen, die sich im Lauf des Lebens ergeben können. Die Siebenjährige, deren Gesichtsausdruck stets perfekt die Situation beschreibt, scheint völlig allein über alles zu wachen; nur in kurzen Augenblicken erlaubt ihr der Regisseur aus ihrem zu früh entwickelten Erwachsensein herauszutreten. Hingegen ist die Mutter aus ihrer pubertären Phase noch nicht ganz heraußen, sondern verliert sich zwischen Verantwortung und Lust am Leben. Arbeiten macht ihr keinen Spaß, da bringt sie lieber ohne Vorwarnung einen Mann mit nach Hause.

Auch Paco ist ein Fall für sich. Er will lieben und Vater sein, kommt mit Alltagstrott und Beziehungsproblemen aber gar nicht zurecht. So leben die drei nun ihr Leben, so gut es geht, bis plötzlich etwas Unvorstellbares geschieht und alles verändert. Wie genau das passiert und warum Babys mit Flügeln therapeutisch wirken können, das zeigt François Ozon auf beeindruckende Weise in seinem sehenswerten Film.

Christa Minkin

Ricky - Wunder geschehen

ØØØ 1/2

(Ricky)

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F/I 2009

90 Min.

Regie: François Ozon

Darsteller: Alexandra Lamy, Sergi Lopez, Mélusine Mayance u. a.

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