Kino_Film-Tips Juni 2018

Hitzeterror

Kino im Juni - im EVOLVER leider auf Sparflamme. Hitzewelle und andere Unbill legen unsere halbe Filmredaktion lahm. Daher diesmal nur zwei Filmrezensionen, die eine über dunkle Familiengeheimnisse, die andere über (wie so oft) mißlungene deutsche Vergangenheitsbewältigung.

   13.06.2018

EVOLVER-Redaktion

Der Hauptmann

Filmstart: 8. Juni

Leserbewertung: (bewerten)

Kleider machen Leute - einmal anders. Hier geht es nicht um eine lustige Köpenickiade, sondern um eine (ebenfalls historische) blutige Tragödie aus den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs. Ein kleiner deutscher Gefreiter hatte sich damals die Hauptmannsuniform eines toten Offiziers angezogen und überlistete damit Freund und Feind. Um nicht aufzufliegen, mußte der Mann immer verbrecherischere Greueltaten erst mit ansehen, dann selbst befehligen, um schließlich als "Henker von Emsland" traurige Berühmtheit zu erlangen. Diese bizarre Geschichte hat der deutsche Regisseur Robert Schwentke in kristallscharfen Schwarzweißbildern nachinszeniert und damit einen der zwiespältigsten, ja unsympathischsten Filme der letzten Zeit geschaffen. Das harsche Urteil hat mehrere Gründe. Zum einen scheint die Wandlung des getriebenen Gefreiten zur mörderischen Bestie hier nicht im mindesten plausibel. Max Hubacher macht den inneren Zwiespalt des "Hauptmanns" angesichts der von ihm verantworteten Bluttaten so lange differenziert deutlich, daß nie wirklich klar wird, wann und warum er letztlich seinem eigenen Schmäh erliegt. Insgeheim berauscht sich dieser Film an jenen Entsetzlichkeiten, die er zu kritisieren vorgibt - eine Verfilmung von Jonathan Littells "Wohlgesinnten" würde, so sie je zustande käme, wohl ähnlich aussehen (müssen). Dazu kommt das alte Dilemma der Nicht-Nachinszenierbarkeit von KZ-Szenen. Auch hier sieht man geschminkte Komparsen und soll dabei an jene ausgemergelten Gestalten denken, die das Dokumentarmaterial überliefert hat. Claude Lanzmann hatte schon recht: Die Shoah läßt sich nicht bebildern, nur imaginieren. Das galt schon für Spielbergs "Schindlers Liste" und das gilt, mehrere Etagen tiefer, auch hier. Insgesamt ein - wenn auch streckenweise faszinierender - künstlerischer Irrweg.  (HL)    

 

 

Hereditary - Das Vermächtnis

Filmstart: 14. Juni

Leserbewertung: (bewerten)

Dies ist wohl der gehypeteste Horrorfilm des aktuellen Kinosommers, eine Art Spukhausgeschichte der etwas anderen, seriösen Sorte, die seit ihrer Mitternachtspremiere beim Sundance-Festival Furore macht. Man kann den Rummel und die Höchstbewertungen auf der Rotten-Tomatoes-Homepage teilweise nachvollziehen, aber eben nur teilweise. Die Inszenierung des Debütanten (!) Ari Raster ist von jenem getragenen Ernst, der etwa auch der stilistisch verwandten "Ghost Story" letztes Jahr hypnotische Sogwirkung verlieh: Laange durchgehaltene starre Einstellungen, schwere Toncluster auf der Tonspur, ein kontrolliertes, bisweilen ins Hysterische kippendes Spiel vorzüglicher Darsteller. Das schrammt gerade noch an der Grenze zur unfreiwilligen Komik vorbei und beweist in seiner Kompromißlosigkeit sicher Mut zum künstlerischen Risiko. Den Mut läßt die Story selbst leider zum Teil vermissen. Spoiler verbieten sich, aber: Was sich so radikal und innovativ gibt, entpuppt sich letztlich als thematische Mischung aus Vorgängern von "The Haunting" bis "Shining", versetzt mit einem tüchtigen Schuß "Rosemarys Baby". Immer noch spannend, gewiß, aber die Gattung "Horrorfilm für Anspruchsvolle" wurde hier nicht gerade neu erfunden.  (HL)  

 

 

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