Kino_Film-Tips April 2018

Leinwandlegenden & Langweiler

Steven Spielberg liefert den ultimativen SF-Blockbuster aus der Retorte. Emily Atef widmet sich Romy Schneider. Dazwischen: Geister, cineastische Ödnis und die üblichen Superhelden. Kurzum: Ihr Kino im April.    12.04.2018

EVOLVER-Redaktion

Ghostland

Filmstart: 5. April

Leserbewertung: (bewerten)

Spukhaus- und Geisterfilme sind ja gerade sehr angesagt. Andererseits sind die meisten dieser Streifen aus letzter Zeit (ich sage nur: Blumhouse) zwar oft recht atmosphärisch, aber eher zurückhaltend, was den gezeigten Grad von Horror, Blut und Beuschel angeht. Das wiederum kann man Regisseur Pascal Laugier nicht vorwerfen; immerhin hat er mit "Martyrs" eines der grausamsten und gewalttätigsten Kinowerke der Welle extremer französischer Horrorfilme geschaffen, dessen Bilder man nie wieder loswird.

In "Ghostland“, seinem - nach "The Tall Man - Angst hat viele Gesichter" - zweiten US-Film, setzt Laugier seine Protagonistinnen auch einem ganz schön grauenerregenden Streß aus. Zu Beginn zieht eine Frau (Mylène Farmer) mit ihren zwei kleinen Töchtern in ein geerbtes Haus, wo sie gleich in der ersten Nacht von Einbrechern à la home invasion terrorisiert werden. Was das heißt, wissen wir Hobby-Psychoanalytiker: lebenslanges Trauma. Als die Schwestern erwachsen sind, verarbeitet die eine (Crystal Reed) den Schrecken als Horrorautorin, während die andere (Anastasia Phillips) unter Wahnvorstellungen leidet und nach wie vor bei der Mama wohnt. Bei einem Familientreffen in dem Haus bricht dann der Irrsinn wieder aus, seltsame Dinge ereignen sich, und Pascal Laugier verleugnet bei den blutigen Szenen gottlob seine Handschrift nicht. Kein zweiter "Martyrs" (so wie übrigens auch dessen Remake nicht), aber mit hervorragenden Bildern und spannenden Szenen ein gut inszeniertes Genrewerk.  (ph)

 


 

Ready Player One

Filmstart: 6. April

Leserbewertung: (bewerten)

"Ready Player One" ist der ultimative Blockbuster: eine Story, die der Dramaturgie jener Computerspiele folgt, in deren Milieu sie auch angesiedelt ist, ein jugendlicher Nerd als Identifikationsfigur, gebündelte Aversionen gegen anonyme Konzerne und dazu jede Menge Zitate aus der (meist amerikanischen) Populärkultur. Es geht, wie sich inzwischen herumgesprochen hat, um eine dystopische Welt in naher Zukunft, in der die Flucht in virtuelle Welten den einzigen Ausweg bietet. Ein junger Spieler muß darin über einen bösen Konkurrenten triumphieren, um das Erbe eines verstorbenen Spieleentwicklers antreten zu können (und verliebt sich, klaro, in eine manga-äugige Mitspielerin, die sich auch in der realen Welt als Partnerin bewährt). Das alles ist tricktechnisch absolut state of the art, von Steven Spielberg temporeich und effektsicher inszeniert und strotzt nur so von Filmzitaten - "King Kong" und "Godzilla", "Alien" und "Zurück in die Zukunft", selbst "Chucky, die Mörderpuppe" haben Kurzauftritte. Eine längere Passage, in der die Protagonisten das Overlook-Hotel aus Kubricks "Shining" besuchen, entwickelt in 3D naturgemäß besonderen Reiz. Und doch: Man spürt die kalte Berechnung hinter dem gigantomanischen Projekt. Hier bleibt nichts dem Zufall überlassen, vom Design der VR bis zum familienfreundlichen Happy End. Und wenn in einer Szene frontaler Nacktheit noch die Brustwarzen der Frau kameratechnisch abgedeckt werden, weiß man, daß auch auf das jugendfreie Rating Rücksicht genommen wurde. "Ready Player One" ist der ultimative Blockbuster. Und genau darin liegt auch sein Problem.  (HL)   

 

 

3 Tage in Quibéron

Filmstart: 13. April

Leserbewertung: (bewerten)

Ein Interview mit einer Schauspielerin ist vielleicht nicht der allerdramatischste Aufhänger für einen Spielfilm. Doch wenn besagte Schauspielerin die legendäre Romy Schneider in der letzten Phase ihrer Karriere ist, gewinnt die Sache schon an Interesse. In der Tat ist "3 Tage in Quiberon" so ziemlich das Eleganteste und Spannendste, was je zum Fall Schneider auf eine Filmleinwand kam. Ausgangspunkt ist ein reales Interview, das "Stern"-Reporter Michael Jürgs 1981 in einem Sanatorium mit dem Weltstar geführt hatte und in dem Schneider viel von ihrer depressiven Persönlichkeit preisgab. Der Star war schon damals schwer alkohol- und tablettensüchtig, doch immer noch von magnetischem Charisma. Ein knappes Jahr und den Unfalltod ihres Sohnes später sollte Romy Schneider nicht mehr am Leben sein.

Der Film, den Emily Atef über dieses Interview gedreht hat, ist spannend von der ersten bis zur letzten Sekunde, in betörenden Schwarzweiß-Cinemascope-Bildern virtuos gefilmt und lebt von seinen rollendeckenden Darstellern. Marie Bäumer sieht Schneider nicht nur frappierend ähnlich, sondern trifft auch deren wienerisch weichen Tonfall bis in die feinste Nuance, Robert Gwisdek gibt einen faszinierenden Kotzbrocken von Journalisten, und Bigit Minichmayr ist als Jugendfreundin Schneiders ohnehin eine Luxusbesetzung. Natürlich hilft es, wenn man Romy Schneider mag oder sich zumindest für sie interessiert, doch kaltlassen wird dieses Porträt einer Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs auch sonst niemanden.  (HL)

 

Avengers: Infinity War

Filmstart: 26. April 2018

Leserbewertung: (bewerten)

Mit den Marvel-Filmen ist das so eine Sache: Alle paar Monate kommt ein neuer ins Kino, datumsmäßig meist geschickt so gelegt, daß er nicht mit der neuesten "Star Wars"-Absonderung aus demselben Konzern konkurrieren muß, und jeder der Superheldenstreifen des Comic-Kinouniversums ist unweigerlich ein optisches Spektakel. Bei manchen war´s das dann auch schon. Während zum Beispiel die "Guardians of the Galaxy"-Streifen oder "Thor: Tag der Entscheidung" ob einiger Szenen im Gedächtnis hängenbleiben, weiß man nach Big-Budget-Blabla wie "Black Panther" schon wenige Minuten nach dem Kinobesuch nicht mehr, was man da eigentlich gesehen hat.

Im Fall der superheldischen Massenveranstaltung "Avengers: Infinity War" steht ähnliches zu befürchten. Schließlich gilt es, möglichst alle Heroen der bisherigen Marvel-Filme vorkommen oder wenigstens durchs Bild gehen zu lassen UND den überhaupt schlimmsten galaktischen Bösewicht (Thanos) zu besiegen UND dabei ein SFX-Spektakel, möglichst mit Großstadtzerstörung, unterzubringen UND es irgendwie zu schaffen, daß normale Menschen der Handlung noch folgen können ... ein schwieriges Unterfangen also. Aber man kann sich darauf verlassen, daß auch damit an den Kinokassen wieder hunderte Millionen Dollar (seit wann zahlen wir eigentlich in Dollar?) erzielt werden und das MCU lustig weitergehen kann. In ein paar Jahrzehnten werden Filmhistoriker über dieses Phänomen wahrscheinlich ebenso den Kopf schütteln wie heute über die Esther-Williams-Schwimm-Musicals.  (ph)

 

 

Auslöschung

seit 12. März bei Netflix


Eine Warnung noch zum Schluß: Wer lieber Netflix schaut, statt ins Kino zu gehen, hat in letzter Zeit sicher viel Interessantes zu sehen bekommen. Der Science-Fiction-Mystery-Streifen "Auslöschung“ zählt mit Sicherheit nicht dazu. Regisseur Alex Garland - der manchmal zu unterhalten weiß, aber in seinen Arbeiten noch nie etwas Sympathisches vermittelt hat - machte sich an die Verfilmung des SF-Romans von Jeff Vandermeer, der in "literarischen" Fachkreisen zwar Bewunderung genießt, aber sich beim Lesen zieht wie ein Strudelteig. (Und erst der Rest der Trilogie!) Schon die Vorlage spiegelt also den aktuellen Kampf in der SF-Szene zwischen "traditionellen" Autoren und jenen wider, die brav alle Gutmenschenklischees, vom Klimawandel über die Inklusion bis zur Ethno-Anhimmelung, übernehmen. Der Film führt diesen traurigen Trend fort: Fünf Wissenschaftlerinnen, die allesamt aussehen wie höchst frustrierte Frauen (und das trotz Natalie Portman und Jennifer Jason Leigh) werden in das mysteriöse "Area X" entsandt, über dem seit drei Jahren ein "Schimmer" genannter Schild alles verändert, Zeit und Realität durcheinanderbringt etc. pp. Das Hauptprodukt des Schimmers ist allerdings, zumindest auf dem Bildschirm, tödliche Langeweile, die einen dazu bringt, noch im ersten Drittel der Laufzeit unselig zu entschlafen. Sollte Garland dies im Sinne der Bewußtseinsveränderung beabsichtigt haben, dann ist es ihm gelungen. Als Zuseher kommt man mit Valium allerdings wesentlich besser auf diesen Trip.  (ph)

 

Kommentare_

Kommentar verfassen

Kino
Film-Tips Februar 2019

Hereinspaziert, hereinspaziert!

Clint Eastwood zeigt, daß man auch noch im hohen Alter schießen kann. Battle Angle Alita erlebt mit Jahrzehnten Verspätung ihr Realfilmdebüt. Dazu kommen noch zwei Söhne, die ihren Eltern auf ganz unterschiedliche Art Angst einjagen. Alles jetzt im Kino.  

Akzente
Vom Klicken leben

Akzente - Glück im online

Irgendwie müssen wir alle unsere Kosten decken, und Glücksspiel ist bekanntlich eines der wenigen Dinge im Internet, die Gewinn machen. Langsam scheint sich diese Weisheit auch im wirklichen Leben zu bewähren. Entscheiden Sie selbst, ob das gut oder schlecht ist.  

Akzente
Winterurlaub 2018/19

Be seeing you in 2019!

Wir haben uns dieses Jahr bereits still und heimlich in die Winterpause verabschiedet. Das sollte Sie jedoch keinesfalls vom Stöbern in unseren umfangreichen Archiven abhalten.  

Akzente
Castlevania: Lords of Shadow 2

Der Belmont-Clan

Spät, aber doch findet sich auch eine andere Meinung zu diesem Spiel der bewährten "Castlevania"-Reihe bei uns im EVOLVER. Das mag daran liegen, dass Vampire einfach nicht (aus)sterben.  

Kino
Film-Tips Dezember 2018

Unter Drogen, unter Wasser ...

Hans Langsteiner liest Gaspar Noe die Leviten. Peter Hiess taucht mit Aquaman ab. Das alles und mehr im Dezember-Kino. Ho ho ho!  

Kino
Film-Tips November 2018

Vergangenheitsbewältigung

Dario Argentos Hexen tanzen wieder. Peter Dinklage gräbt in seinen Erinnerungen. J. J. Abrams liefert uns finstere Nazi-Experimente, und Markus Schleinzer widmet sich dem Wiener "Hofmohren". Grau und neblig ist das Kino im November ...