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The Artist | Kino

Schweigen ist Gold

In seinem jüngsten Film hat sich der französische Regisseur Michel Hazanavicius der Stummfilmära gewidmet, einer der interessantesten und auch bedeutendsten Epochen der Filmgeschichte. Dabei ist sein "The Artist" nicht nur ein Zeitkolorit des Wandels vom Stumm- zum Tonfilm im Speziellen, sondern zugleich noch eine liebevolle Hommage an das Kino im allgemeinen.

Zweifellos hielt die Stummfilmära einen großen Trumpf für die Schauspieler und Schauspielerinnen bereit: Ihre Herkunft war egal. Ob Deutscher oder Ungarin, es spielte keine Rolle, ob die Darsteller Englisch mit Akzent sprachen oder die Sprache überhaupt beherrschten. Das Publikum hörte sie ja nicht und störte sich folglich nicht daran.

Mit Beginn der Tonfilmära im Jahr 1927 änderte sich das jedoch. Einst populäre Stars wie die Ungarin Vilma Bánky wurden nach wenigen Versuchen aufgrund ihres Akzents abgesägt. Selbst der US-amerikanische Star Norma Talmadge schaffte nicht den Sprung zu den "talkies", angeblich wegen ihres starken Brooklyn-Akzents.

 

Talmadge war im übrigen die Vorlage für Billy Wilders Meisterwerk "Sunset Boulevard", in welchem Gloria Swanson einen gefallenen und sich selbst zugrunde richtenden Filmstar spielte. Und in gewisser Weise dient Wilders Film zumindest thematisch Hazanavicius als Vorbild, ereilt den Stummfilm-Heroen George Valentine (Jean Dujardin) schließlich dasselbe Schicksal.

Beliebt und bewundert wird Valentine, von Medien wie Fans umgarnt. Als ihn sein Produzent (John Goodman) 1929 dazu drängt, auf Tonfilm umzusatteln, winkt der Star lachend ab. Da er den Weg des Studios nicht mitgehen will, wird Valentine ausgebootet. Kurzerhand dreht er daraufhin seinen eigenen Film - als Drehbuchautor, Produzent, Regisseur und Darsteller in Personalunion.

 

Er sei keine Marionette, sondern ein Künstler, verkündet er. Wie sich jedoch bald herausstellt, hat er die Wünsche des Publikums unterschätzt. Schließlich kamen damals - Mitte der 1920er - die "talkies" auf, weil die Zuschauerzahlen stagnierten. Stummfilme gehörten einer anderen Zeit an; und Valentine in ebendiese.

Was sein Niedergang ist, bildet den Startschuß für andere. Darunter auch Peppy Miller (Bérénice Bejo), der Valentine eher per Zufall den Einstieg ins Busineß ermöglicht hat und die nach einigen Nebenrollen zum neuen Aushängeschild des Studios avanciert. So startet ihr Hauptrollen- und Tondebüt parallel mit Valentines letztem Film - pure Ironie.

 

Fortan stehen sich ihre Karrieren diametral gegenüber. Während Peppy die Rolle übernimmt, die Valentine zuvor ausgefüllt hat, muß dieser sein Vermögen veräußern und in ein kleineres Haus ziehen. Als er nach seinem Besitz auch noch seinen Chauffeur und Mädchen-für-alles (James Cromwell) aufgibt, bleibt ihm nur noch sein treuer Filmhund.

Auch hier zeigen sich wieder Parallelen zu Wilder, wenn Hazanavicius dessen "The Lost Weekend" zitiert, als sich Valentine im Suff zu verlieren beginnt. Inzwischen ist er der einzige, der seine Filme anschaut - projiziert an die eigenen vier Wände seines Hauses. Ein Relikt einer alten und besseren Zeit. "Du warst dumm und du warst stolz", kommt er schließlich zur späten Einsicht.

 

Zur Verdeutlichung von Valentines Zerrissenheit bedient sich Hazanavicius zudem einer ausgewählten Bildsprache - hier im wortwörtlichen Sinne. Während eines Streits mit seiner Lebensgefährtin Doris (Penelope Ann Miller) fragt diese Valentine, warum er nicht bereit sei, zu sprechen. Was sich sowohl auf den von ihm schweigend hingenommenen Streit wie seine sture Karriereentscheidung münzen läßt.

Zugleich ist die Entscheidung des französichen Regisseurs, einen Film über Stummfilme auch als solchen zu inszenieren, nicht nur Hommage, sondern auch Mittel zum Zweck.

 

Bemerkenswert ist eine Szene, in der Valentine glaubt, seine Stimme verloren zu haben, während seine Umgebung Tonalität erhält. Kongenial wird die Angst vor dem Ton durch dessen bloße Anwesenheit repräsentiert. Mit den Schwarzweißbildern in 1.37:1 - zwischen 1931 und 1953 das primäre Bildformat in Hollywood - gewinnt "The Artist" so an Atmosphäre.

Dennoch ist der Film nicht so sehr eine Geschichte über den Wandel im Kino Mitte der 20er, sondern vielmehr eine verhinderte Liebesgeschichte zwischen Valentine und Miller, die zu Beginn durch seine Liaison mit einer anderen und später durch die Verkehrung ihrer Karrieren in Schach gehalten wird.

 

Dies funktioniert trotz gelegentlicher Längen im Mittelteil und Schluß erstaunlich gut, was sich nicht zuletzt auch dem überzeugenden Spiel von Dujardin (in Cannes als bester Darsteller prämiert) und Bejo verdankt, die bereits unter Hazanavicius' Regie in "OSS 117: Der Spion, der sich liebte" zusammenarbeiteten.

Wenn die Schlußszene erklärt, warum Valentine womöglich den Wechsel zum Ton scheute, schließt der Film wieder an seinen historischen Kontext an. Zwar mag das Sprichwort "Reden ist Silber, Schweigen ist G old" zum Ende der Stummfilmära nicht gestimmt haben, für "The Artist" gilt dennoch: "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte."

 

 

        

 


Florian Lieb

The Artist

BEWERTUNG: ØØØØ

Frankreich 2011

100 Min.

 

Regie: Michel Hazanavicius

Darsteller: Jean Dujardin, Bérénice Bejo, James Cromwell u. a.

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