Kino_Van Helsing

Monster´s Ball

Transsylvanischer Totalschaden: Stephen "Mumie" Sommers´ Adventure-Horror, programmierter erster Blockbuster der Saison, ist tatsächlich monströs. Monströs mißlungen.    05.05.2004

Selten genug, aber doch immer wieder zum rechten Zeitpunkt, erweisen einem Geist und Körper in unerwartetem Einklang salbende Gnadendienste. Neulich etwa war es wieder soweit: Eine Stunde oder auch etwas länger flackerte auf Leinwand projizierte Geistesqual vor dem Auge des Betrachters auf und ab und hin und her, mochte so gar kein Mitleid haben und schob immer weiter, immerfort noch Fürchterlicheres und Peinigenderes nach. Bis dann endlich ein versteckter Selbstschutzmechanismus Einsehen hatte und den Gequälten mit dem Geschenk des sanften Einschlummerns segnete. Ort des Geschehens: ein Presse-Screening des (vom Filmverleih selbst) prognostizierten Frühsommerstraßenfegers "Van Helsing".

Gewarnt wäre man gewesen und besser wissen hätte man es demnach auch wissen sollen, denn allein schon des Films Disposition schrie zumindest nach einem Regisseur, dem etwas mehr Esprit und Glanz zuzumuten wäre als Stephen Sommers, jenem ordentlichen (sprich: faden) Handwerker, der sich in den Neunzigern anhand seiner beiden "Die Mumie"-Verfilmungen mehr durch solide Abarbeitung denn durch besonders visionäre Neuerfindung des mythischen Allgemeinfundus im ohnehin nicht sonderlich betörenden Themenfeld CGI-Horror-Adventure-Grusel hervortat. Doch gerade anhand dieser gewagten High-End-Neuerweckung des Trash-Konzepts der legendären Monster-Mashes zeigt sich Sommers´ eklatante inszenatorische Beschränktheit umso deutlicher.

So schafft er es unter anderem in über zwei Stunden Laufzeit nicht einmal annähernd, dem Monster- (Dracula, Frankensteins Monster, Wolfman) und Monsterjägerfigurengewirr (in erster Linie Van Helsing, der hier Gabriel statt Abraham heißen und zudem reines Action-Maxerl sein muß) einem nachvollziehbaren und stringenten Handlungskonzept unterzuordnen. Der (unfreiwilligen?) Gabe des Regisseurs, sich meilenweit von jeglichem Filmrhythmus und Zusammenhang entfernt von einer mißlungenen zu einer noch viel verunglückteren Szene weiterzuhangeln, kann in dieser Konsequenz wohl nicht einmal Tarantino das Wasser reichen. Denn der konnte zumindest auf das penetrante ILM-Effektgeprahle, das "Van Helsing" in mehr als verträglichem Maße einbringt, verzichten. Genaugenommen ist jenes aber sogar der Kleister, der dieses kontur- und farblose Patchwork zusammenhalten hätte sollen.

Doch irgendwann im Laufe der seltsamen Liga der Underworld Gentlemen wird selbst der langweiligste Effektebewunderer-Nerd und auch der verklemmteste Gothic-Jünger erkannt haben, daß hier wirklich alles unkaschierbar verpfuscht ist: das teils gnadenlos überforderte Schauspielerteam (Jackman ausgenommen), inklusive Richard Roxburgh, des wohl schlechtesten Dracula-Darstellers aller Zeiten (und das mag was heißen) und der ab nun definitiv auf miese Filme abonnierten Kate Beckinsale; die überdümmlichen, oft in schrecklichem Akzent runtergeleierten Dialoge, die das wirre Nichts an Handlung nicht einmal zu erklären versuchen; oder auch die lächerlichen Eigeneinfälle (Werwölfe hören auf, solche zu sein, wenn Wolken den Mond verdecken). Vom naiven Charme der unzähligen unsterblichen Monster-vs.-Monster-Movies ist hier nichts mehr zu spüren. Es hilft kein Zwinker-zwinker-Ausweg, kein postmodernes Relativieren mehr, nicht der bescheidene Wunsch, nur unterhalten werden zu wollen, nicht die gewählte Eigenflucht in ironisches Amüsement. Nur zeitwilliges Einnicken, das könnte Sie - wie den Autor dieser Zeilen - vor dem Schlimmsten bewahren.

Da man sich auf die erwähnten Körpergnadendienste nicht immer verlassen kann, sei hiermit ausdrücklich gewarnt: dieser Film kann ihrer geistigen Gesundheit schaden!

Christoph Prenner

Van Helsing

Ø 1/2


USA 2004

131 Min.

dt. Fassung und engl. OF

Regie: Stephen Sommers

Darsteller: Hugh Jackman, Kate Beckinsale, Richard Roxburgh u. a.

 

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