Kino_Zeiten des Aufruhrs

Vive la révolution!?!

Unter Sam Mendes´ Regie sind Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in der Literaturverfilmung "Revolutionary Road" wieder vereint - als Ehepaar. Das "Dream Team", das viel erwarten läßt, zeigt zwar filmisches Können, ist aber dennoch nicht ganz überzeugend.    15.01.2009

Daß amerikanische Vorstädte nicht der schönste Ort zum Leben sind, davon weiß die Popkultur schon lange zu berichten. Schließlich sind sie das beste Beispiel für die Konventionalität der Gesellschaft, in der Individuen - angesichts der Eintönigkeit des Lebens - kaum glücklich sein können. Natürlich stehen sie eigentlich als Metapher für das (Alltags-)Leben an sich und bieten somit eine gute Basis für Gesellschaftskritik. 1961 erschien Richard Yates´ Roman "Revolutionary Road", der als eines der besten Werke der englischsprachigen Literatur gilt. 47 Jahre später wurde die Geschichte um Frank und April Wheeler nun unter der Regie von Sam Mendes mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet (dem wiedervereinten "Titanic"-Traumpaar) in den Hauptrollen verfilmt.

Wir schreiben das Jahr 1955. Frank und April leben in einem Vorstadthaus in der Revolutionary Road. Morgens fährt Frank zur Arbeit, wo er die Stunden mit monotonen Aufgaben ausfüllt; abends kommt er nach Hause zu seiner Frau, die nach dem gescheiterten Versuch, Schauspielerin zu werden, nur noch Hausfrau ist. Doch eigentlich glauben die beiden nicht an das Leben, das sie führen. Sie halten sich für etwas Besonderes, wollen nicht wie all die Langweiler in den anderen Häusern der Straße sein. Genau an dieser Stelle fangen die Probleme an. Während der Rest der Menschheit mehr oder weniger zufrieden sein fades Dasein fristet, möchten die Wheelers mehr.

Das ist aber leichter gesagt als getan. Schließlich sind die 50er Jahre bestimmt von Geschlechterrollen, Materialismus, Langeweile und Scheinheiligkeit. Doch die Wheelers wollen es versuchen. Sie beschließen, Franks Traum von einem Leben in Paris zu verwirklichen und in Frankreich glücklich zu werden. Daß die Vorfreude auf die besseren Zeiten in Europa nicht lange hält, ist wenig überraschend. Frank wird eine Beförderung angeboten, April wird schwanger, und schon sind die beiden wieder gefangen in ihrer so gar nicht revolutionären Welt voller Schmerz, Angst und Verzweiflung.

 

Damit ist dann eigentlich auch schon alles gesagt. Weitere Wendepunkte gibt es nicht. Ein Streit führt zum nächsten, verletzende Worte, viele Tränen - kurzum, es geht melodramatisch zu. Der Film bietet weder überraschende Momente, noch vermag er zu packen. Schließlich ist schon von Beginn an klar, was kommen wird. Die Geschichte ist nicht neu. Ehepaare, die in Vorstädten in stiller Verzweiflung ihr Dasein fristen und die Schuld an ihrem mißglückten Leben dem Partner oder den Kindern geben, existieren im Filmgeschäft viele.

Sam Mendes selbst ist für einen dieser Beiträge verantwortlich, zeichnet aber dort (die Rede ist von "American Beauty") nicht nur seine Figuren sowie die Handlung weitaus subtiler und tiefgründiger, sondern läßt auch Spielraum für kleine Eigenheiten und viel Ironie. "Revolutionary Road" hingegen ist zwar wunderbar inszeniert - allein die Ausstattung verdient ein großes Lob -, und auch das Drehbuch bietet einige reizvolle Momente, doch trotzdem verliert sich der Film in seiner Geradlinigkeit. Die Figuren sind so klar charakterisiert, daß sie nie überraschen oder enttäuschen. Schon kurz nach Beginn des Streifens scheinen sie Vertraute zu sein, deren Handlungen und Äußerungen man kennt wie die eigene Westentasche. Daß Kate Winslet ihre Rolle derart überzeugend und souverän meistert, hilft da auch nur mehr wenig. Eher ist es DiCaprio, der für Unregelmäßigkeiten sorgt, da seine zwischen jugendlichem Idealismus und verzweifelter Männlichkeit balancierende Figur aufgesetzt wirkt.

Im Grunde bleibt die Thematik über das Ausbrechen aus der einengenden Gesellschaft zwar immer aktuell, aber ein amerikanisches Vorstadtleben der Nachkriegszeit ist halt nicht der beste Hintergrund, um heute noch mit dem Sujet zu punkten. Schnell drängt sich das Wort altmodisch auf, wenn man Frank seine Frau als abnormal bezeichnen hört, weil sie an Abtreibung denkt, oder den Tagesverlauf des Ehepaars betrachtet, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt. Daß die Wheelers als metaphorisches Paar verstanden werden können, das in beliebige Epochen und Länder der modernen westlichen Gesellschaft übertragen werden kann, ist nur ein kleiner Trost.

Leider verraten schon die ersten Minuten des Films, wie er ausgehen wird; und das, was dazwischen liegt, sorgt auch nicht für viel Aufregung. Die Idee, daß die Story angesichts der Tragik zumindest ergreifend sein sollte, geht nicht auf, stattdessen wirken die Probleme und Handlungen der Figuren farblos und scheinen am Ende sogar für sie selbst ohne Bedeutung. In seiner Gesamtheit betrachtet, wirkt der Film vollständig: Weder die Handlung noch die Darsteller, die Inszenierung oder eines der anderen Elemente zeigen eine Form von Abweichung. Wahrscheinlich ist genau das der Grund, daß "Revolutionary Road" ein Gefühl der Trivialität hinterläßt und nicht vollends zu überzeugen vermag. Am Können der Schauspieler (neben der Hauptdarstellerin sind auch Kathy Bates und vor allem Michael Shannon eindeutige Höhepunkte) und an der nostalgischen Inszenierung kann man sich aber allemal erfreuen.

Christa Minkin

Zeiten des Aufruhrs

ØØ 1/2

(Revolutionary Road)

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GB/USA 2008

119 Min.

Regie: Sam Mendes

Darsteller: Kate Winslet, Leonardo DiCaprio, Michael Shannon u. a.

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