Kolumnen_Miststück der Woche II, Pt. 90

Arcade Fire: "The Suburbs"

Halt, mein lieber Manfred Prescher! Wolltest du nicht was über die neue Interpol machen? Hast du letzte Woche immerhin angekündigt. Stimmt, du schlauer Leser. Aber eigentlich gefällt die mir nicht, also gibt’s diesmal was, das "completely different" ist.    09.08.2010

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 

Interpol ist langweilig, die Band genauso wie die Behörde. Sind ja auch schon lange keine Krimis mehr gedreht worden, wo die Über-Polizei irgendwelche Schurken durch die Straßen der Welt hetzt. Einmal von Rio nach Istanbul und dann von Ulan-Bator nach St. Veit an der Glan (was ja, wenn man manchen Leuten Glauben schenken darf, irgendwie faktisch das gleiche ist) - das darf nur noch James Bond. Für die restlichen Aufklärer im Namen der Staatsmacht kommt das nicht in Frage, weil die Bösen heutzutage von ihrem Bürostuhl aus agieren, die Guten übrigens auch. Und das ist so langweilig wie effektiv. Womit wir jetzt wieder bei der neuen Platte der gleichnamigen Kombo wären. Schwamm drüber. Der Hype von gestern ist vorbei.

 

Das Gute an der kanadischen Formation Arcade Fire ist, daß um die gar kein Bohei gemacht wird. Die längst beim Industriemulti angekommenen Indierocker aus Montreal werkeln an einer sich spannungsmäßig langsam, aber stetig steigernden Erfolgsgeschichte, die sicher so gut endet wie der letzte Harry-Potter-Band. Wahrscheinlich auch von den Umsatzzahlen her, denn Arcade Fire haben das Zeug, die nächsten R.E.M. zu werden, was durchaus ein Kompliment ist.

Sänger Win Butler muß ja nicht gleich wie Michael Stipe zum Retter der Menschheit werden wollen. Es genügt, wenn er ab und an ein paar maue Lebensminuten in Glücksbärchimomente umwandelt. Und genau das gelingt mit den 15 ½ Stücken des neuen, dritten Albums "The Suburbs" öfter, als zu erwarten war. Vielleicht liegt es daran, daß sich die achtköpfige Band für das Werk mehr als drei Jahre lang Zeit ließ. Es ist, wie ich immer wieder sage: Gut Ding kann auch mal Weile haben. Mir war trotzdem nach dem Hören des ersten Stücks angst und bange - denn ich dachte nicht, daß jener Titeltrack noch zu toppen sei. Ist er auch nicht, aber die Meßlatte wird von den anderen Liedern auch erreicht.  So macht man den alten Prescher glücklich.

"The Suburbs" ist ein feiner, intelligenter Hit für die geschmackssicheren Kreise. Er ist auf eine so clevere Art kein Mainstream, daß er schon wieder zum Mainstream werden kann - und wird: Win Butler übernimmt nach einem sehr melodiösen Intro die Führung und geleitet uns zu mehr Höhen und Tiefen, als normalerweise in 5:15 Minuten passen. Aber die Stimme zeigt sich in allen Tonlagen sicher, warmherzig und erhaben - ja, so wird man der neue Michael Stipe. "It’s the end of the world as we knew it and I feel fine". Genau so ist es - und "The Suburbs" ist Schuld daran. Da mögen Kritiker noch so sehr spötteln, daß Arcade Fire doch wieder eine Band für den ewigen Studenten in uns allen ist, aber, bei der Heiligen Alma mater der gesegneten Mensakost, das ficht mich nicht wirklich an. Für ein Studium der Weingeistes- und Sexualwissenschaft an der Uni des Lebens ist es sowieso nie zu spät.

 

Nächste Woche werden wir immer noch Arcade Fire hören - und hier mit dem Rückwärtszählen zur Nummer 200 beginnen. 10, 9, 8 - und so weiter. Große Songs warten auf euch und mich, und jeder ist eine Spur größer als "The Suburbs", aber das kann man den Arcade-Leuten nicht vorwerfen. Wir starten mit der 10, mit "I Close My Eyes And Count To Ten", ein Lied, mit dem die göttliche Dusty Springfield (nicht verwandt mit dem Wohnort von Barney Gumble) nicht nur Professor Fitz betörte.

Manfred Prescher

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