Kolumnen_Ausweiskontrolle: Big Brother Awards

Big Brother Awards 2005

Angriffe auf die Privatsphäre sind in Österreich zum Alltag geworden. Die "Big Brother Awards" stellen die schlimmsten Privacy-Terroristen des Landes an den öffentlichen Pranger.    12.10.2005

Es ist kein verflixtes siebentes Jahr, auch wenn die Änderungen signifikant sind. Erstmals verlassen die "Big Brother Awards", die als Auszeichnung für die auffälligsten Privacy-Terroristen des Landes gedacht sind, ihr langjähriges Domizil, das Flex, und übersiedeln ins Theater im Rabenhof. Abseits der Party-People soll damit eine weitere Zielgruppe angesprochen werden; die "Big Brother Awards" sind schließlich nicht nur eine Angelegenheit der abtanzenden Bevölkerung. Neu ist auch die Bühnenshow, die unter der Regie von Hubsi Kramar zur Zeit noch entwickelt wird. Magenta, Christian Strasser und Tanja Golden führen durch die Show, für den musikalischen Rahmen zeichnet wiespaet: MC-HG und MC-Flausch, dot.matrix verantwortlich. Künstlerische Acts werden von Maschek und monochrom bereitgehalten.

 

Experten treffen die Entscheidung. Nicht geändert hat sich die Intention der "Big Brother Awards". Nach wie vor sind sie eine Art Spottpreis, der an ausgewählten Privacy-Terroristen ein Jahr lang haften bleibt. Und Kandidaten gibt es auch heuer mehr als genug - wie beispielsweise die Pläne des Europarats, dauerhaft E-Mail- und Mobilfunk-Verbindungsdaten zu speichern. Nominierungen bleiben nicht nur der aus Künstlern, Fachleuten und Journalisten bestehenden Experten-Jury vorbehalten; ab sofort können auch per Internet Vorschläge für den Publikumspreis abgegeben werden. Das Endergebnis wird im Rahmen der "Big Brother Awards"-Show bekanntgegeben, die heuer auch erstmals live im Radio übertragen wird (auf Orange 94,0 im Raum Wien sowie als Webstream). Über favorisierte Kandidaten sowie über die genaue Zusammensetzung der Jury schweigen sich die Veranstalter (ein Konglomerat mehrerer Vereine wie quintessenz, der Verein zur Förderung Freier Software oder Vibe!at) vorerst noch aus - fest steht nur, daß "Überwacher, Daten-Mineure und Beschneider der Privatsphäre sowie ihre Handlanger in Politik und Wirtschaft das bekommen, was sie verdienen". Und das ist auf jeden Fall ein dauerhafter und weithin sichtbarer Eintrag in den Analen der österreichischen Datenschutz-Geschichte.

 

Sicher ist sicher. "Mehr Überwachung" wird mit Gewalt zum Synonym für "mehr Sicherheit" umdefiniert. "Neusprech" im Orwellschen Sinn und die Basis für noch mehr Kameras und noch mehr Datenbanken, in denen wir gespeichert sind - was uns aber nicht besonders zu stören scheint, an der Lautstärke der Proteste gegen Privacy-Übergriffe gemessen. "Noch vor einem Jahrzehnt gab es massive Proteste gegen die relativ harmlose Datensammlung der Volkszählung", hielten Gunther Tichy und Walter Peissl in ihrem Vortrag "Beeinträchtigung der Privatsphäre in der Informationsgesellschaft" (2001) fest. "Heute wird nicht einmal mehr gegen die problematische Verbindung von Volkszählung und Melderegister-Erhebung durch ein inzwischen privatisiertes Unternehmen - Statistik Austria - protestiert". Der Big Brother werde zunehmend nicht mehr als eine "Überschreitung soziokultureller Privatheits- und Zivilisationsschranken und als Entgrenzung des bislang Privaten empfunden, er wird akzeptiert". Nicht zuletzt dieser Zeiterscheinung sollen die "Big Brother Awards" entgegenwirken.

 

Von England in den Rest der Welt. Die "Big Brother Awards" wurden erstmals 1998 von der Vereinigung Privacy International in England verliehen. Die Veranstaltung stieß auf internationale Resonanz, sodaß Österreich 1999 als zweites Land nachfolgte und lokale Awards verlieh. Heuer wird die gar nicht so begehrte Trophäe bereits in zehn Ländern verliehen (Österreich, Deutschland, Bulgarien, England, Neuseeland, USA und Frankreich). Allerdings: Bislang ließen sich Vertreter von mit einem Award bedachten Behörden und Unternehmen so gut wie nie blicken. Die Trophäen - etwa mit lebenden Kakerlaken gefüllte Skulpturen, abgeschnittene Schweinsohren oder der "klassische" Plumbo - wurden auf dem Postweg zugestellt. Daß Unternehmen "mittlerweile aber auch Anwälte losschicken, wenn sie nominiert werden", meint Erich Möchel, "ist ein Beweis dafür, daß die Awards wirken."

 

Big Brother Awards 2005 - Facts: Die "Big Brother Awards" werden heuer am 25. Oktober zum siebenten Mal verliehen. Die Veranstaltung beginnt um 20:30 Uhr im Wiener Theater im Rabenhof; der Eintritt ist frei, allerdings passen nur knapp 300 Personen in den Saal. Nominierungen können per Internet abgegeben werden, wobei nicht allein der gesetzliche Tatbestand einer Überschreitung des Datenschutzgesetzes ausschlaggebend ist, sondern auch moralische und Trend-Aspekte.

Wichtig: Bei Nominierungen den Tatbestand möglichst exakt beschreiben, da alle Vorwürfe von der Jury der "Big Brother Awards" ausrecherchiert werden (Busineß und Finanzen, Politik, Behörden und Verwaltung, Kommunikation, und "Lebenslanges-Ärgernis-Elisabeth-Gehrer-Preis ..."). Eine Positiv-Kategorie ist für eine/n Preisträger/in vorgesehen, dessen/deren Einsatz gegen den Überwachungsstaat vorbildhaft ist. Nominiert werden können Organisationen (z. B. Behörden, Unternehmen, etc.) genauso wie Einzelpersonen (etwa Politiker/innen) - und zwar ab sofort über die Homepage der "Big Brother Awards".

 

Chris Haderer

CROPfm Big Brother News: Frontberichte aus dem Land des Großen Bruders


Im Radio: alle 14 Tage bei CROPfm (im Raum Steiermark auf 92,6 MHz/Radio Helsinki und als Livestream)

 

Links:

Big Brother Awards 2005


Kandidaten für die heurigen Big Brother Awards können ab sofort per Internet nominiert werden.

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