Kolumnen_Ausweiskontrolle

The All American Big Data Online Election Show

Big Data und Social Media halten zusammen wie Pech und Schwefel. Ihnen verdankt Barack Obama seine zweite US-Präsidentschaft.    16.06.2013

Das hat schon was: In Wien sitzt Teddy Goff, Leiter der Online-Kampagne von Barack Obama, auf Einladung von IBM im Gartenpalais Liechtenstein und redet über Big Data. Das sind jene Milliarden Spuren, die jeder im Internet hinterläßt, bei Datenreisen von Amazon bis YouPorn. Sie sind wie DNS an einem CSI-Tatort: Irgendwas findet man immer, und wenn es Engelsflügel sind. Ein dummer Zufall, daß ein paar Milliarden Kubikmeter Wasser weiter gerade Edward Snowden über PRISM zu reden beginnt - dieses perfide Datensammelsystem des US-Geheimdiensts NSA, das solche massiven Datenmengen hortet und auswertet. Mit an Bord des NSA-Vehikels sollen die üblichen Verdächtigen der Internet-Superliga sein, von Larry Brin bis zum offenbar in jedem Datenleck unvermeidbaren Mark Zuckerberg. Die globale Dementimaschine läuft bereits mit sich selbst um die Wette. Interessant, wie schnell Leute, die sich in Europa kein bißchen um Datenschutzgesetze scheren, hinter den sieben Bergen zu medialen Datenschutzhelden werden. Datenweitergabe? Wir doch nicht!

Nach einem ersten Sturm der Empörung beginnt die Enttarnung von PRISM nun langsam Wirkung zu zeigen (auch wenn Matt Smith vermutlich nicht wegen britischer Projektinteressen als Doctor Who zurückgetreten ist). Interessant ist in diesem Zusammenhang allerdings die Publizität des Begriffs "Big Data", der seit etwa einem Jahr um die Rechenzentren schleicht und auf Marketing-Ebene das verniedlicht, was Behörden und Geheimdienste offenbar mit ungebrochener Freude längst praktizieren. Laut IBM-Chef Ginni Rometty ist durch Big Data die Zeit der Zielgruppe vorbei; stattdessen geht es jetzt um den persönlich adressierten Menschen, gläsern in wirklich jeder Hinsicht, vom freiwilligen Facebook-Profil bis zu seinen im Web aufgerufenen Landkarten - ergänzt durch E-Mails, Kreditkartenabrechnungen und andere aus den Untiefen des globalen Dorfs gefischte Puzzlesteine. Zu denen gehören letztlich auch automatisiert aufgezeichnete Daten, etwa von Smart-Meters oder Sensoren, die gar nicht mehr mit Menschen, sondern mit anderen Maschinen kommunizieren. Was das für unser Leben bedeuten wird, läßt sich momentan noch gar nicht abschätzen. Technologie und der Einsatz intelligenter Analysemethoden erlauben Unternehmen auch das zu sehen, was nicht unbedingt auf der Hand liegt. Dinge also, die Teddy Goff und sein Team beim Social-Media-Duell Obama vs. Romney offenbar gesehen haben ...
"Es ist uns gelungen, Wähler erstmals als Individuen anzusprechen", sagt Goff. "Im klassischen Kunden- oder Wähler-Marketing ging es bisher um den Durchschnittskunden beziehungsweise Durchschnittsbürger. Vor allem die schnelle Entwicklung von Big Data und Social Networks hat jedoch eine Vielzahl von Anhaltspunkten über die einzelnen Personen generiert. Mit den zur Verfügung stehenden Wählerdaten haben wir jeden Abend 66.000 Simulationen durchgeführt. So konnten wir im voraus berechnen, wer einen der heißumkämpften 'battleground states' gewinnen wird. Diese Daten haben wir dann in Echtzeit dafür verwendet, um das Marketingbudget in einer perfekten Social-Media-Kampagne zu verwenden, oder auch, um Wahlhelfer entsprechend richtig einzusetzen." Im Video "The All American Big Data Online Election", das Sie etwas weiter unten finden, redet Mr. Goff darüber, wie er Obama zu einer zweiten Amtszeit als US-Präsident verhalf. Während der Kampagnenleiter einerseits zu Recht stolz auf seine Arbeit im Neuland sein kann (zumindest, was das Analytische angeht), drängt sich dennoch eine Frage auf, die vor längerer Zeit schon so ähnlich vom Philosophen und Medientheoretiker Marshall McLuhan gestellt wurde: Wer hat nun eigentlich die vorige US-Wahl gewonnen? Die "Message", sprich Barack Obama, oder das "Medium", sprich Facebook & Company?
Spätestens wenn Mark Zuckerberg in nicht ganz vier Jahren als nächster US-Präsident von der Mattscheibe lächelt, werden wir es genau wissen.

 

 

 

The All American Big Data Online Election Show. Im Video spricht Teddy Goff im Rahmen der Pressekonferenz zur "IBM BusinessConnect"-Tagung über seinen Online-Wahlkampf für Barack Obama im Jahr 2012. Aufgezeichnet am 6. Juni 2013 im Wiener Gartenpalais Liechtenstein.

Chris Haderer

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