Big Boi - Sir Lucious Leftfoot: The Son Of Cico Dusty
Universal
Ist HipHop nicht eigentlich längst von uns gegangen? Nun gut, Totgesagte leben ja bekanntlich länger. Aber oft steckt hinter diesem geflügelten Wort auch ein Zombie - und der tut nur so, als sei er am Leben. Meint zumindest Manfred Prescher. 02.08.2010
Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.
Big Boi ist ein ziemlicher Hüne. Dem möchte man als Normalgebauter eigentlich nicht bei Nacht und Nebel im Ghetto von Savannah/Georgia begegnen (wenn man denn schon unbedingt dort herumstromern muß). Seinen Namen verdankt er überraschenderweise nicht einer mächtig zerstörerischen Atombombe, sondern einer Dampflokomotive. "Big Boy" gilt noch heute als das dickste Ding, das jemals mit Kohlen befeuert auf Schienen unterwegs war. 25 dieser Stahlgiganten wurden zwischen 1925 und 1941 für die Union Pacific Railroad gebaut und bildeten die Modellklasse UP 4000.
Nun gehört, "i" hin, "y" her, der Rapper also ebenfalls zur 4000er-Klasse - und steht zumindest numerisch deutlich über seinem Kompagnon André 3000. Der ist nämlich eigentlich Kopf der formidablen HipHop-Funkateers namens Outkast. Hinter dem schmächtigen Rücken des hochtalentierten Prince of Rap verschwand der Riesenjunge trotz seiner ausufernden Figürlichkeit nahezu vollständig. Wer deshalb wissen will, welchen Einfluß Big Boi auf das Werk von Outkast hat, braucht sich nur die erste Soloplatte "Sir Lucious Leftfoot: The Son Of Chico Dusty" anhören: saubere Rhythms, jede Menge Old-School-Beats und klar strukturierte, straighte Grooves en masse sind auf der CD zu hören. Daß da irgendwo Big Daddy Kane oder Grand Puba hervorklingen, muß nicht weiter verwundern, denn für das Moderne ist bei Outkast André zuständig.
Deshalb klingen bei Big Bois Single-Auskopplung "Shutterbugg" die frühen 80er Jahre an, samt Soul Sonic Force und dem ganzen alten Synthiekram. Man kann dem Rapper deshalb gar keinen Vorwurf machen, da momentan sowieso alle - von Prince bis Kylie, von Madness bis zu den Pet Shop Boys - die Auferstehung des Yuppie-Zeitalters feiern; freilich mit dem kleinen, aber nicht unbedeutenden Unterschied, daß die Genannten damals schon sehr erfolgreich aktiv waren und ziemlich genau wissen, wie sich der gut abgehangene Räucherspeck gewinnbringend verwursten läßt. Als die Buggles mit "Video Killed The Radio Star" die 80er einläuteten und in jedem innovativen Projekt mindestens ein kleines Kraftwerk steckte, war Big Boi nämlich noch ziemlich Stuart Little. Gerade mal vier Jahre alt, hat er Wave, Chicago House und Electro-Rap allerhöchstens am Rande mitgekriegt. Die Ungnade der späten Geburt führt nun dazu, daß er sich alles lauwarm von den einstigen Frontkämpfern berichten lassen muß. Und eine Geschichte wird halt nicht zwangsläufig besser, nur weil sie von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Es ist auch die Crux von Album und Single, daß man das den Stücken ziemlich anhört. Irgendwie umschleicht mich das Gefühl, als habe hier jemand einen modernen TGV (auf gut französisch train à grande vitesse) mit den Metallteilen einer alten Dampflok verkleidet. Nur leider sind ein paar der Anbauteile während der schnellen Fahrt abgefallen und irgendwo am Wegesrand liegengeblieben. Es könnte auch sein, daß hier jemand exhumiert und - igittigitt - mit neuer Haut versehen wurde, die nun in Fetzen herabhängt. So sehen Zombies aus, scha la la la laa ... Das Ergebnis klingt unfertig, krude und auf zeitlose Art unmodern, es manövriert sich an allen Stilen vorbei ins Seitenaus, quasi song à grand tristesse. Gnädigerweise muß man trotzdem feststellen, daß Big Boi vielen anderen Veröffentlichungen aus dem Jahre Zwanzigzehn deutlich überlegen ist. Aber nur, weil der Restmüll noch miefiger ist, sodaß sich selbst ein Dieter von Reibach und Bohlen mit Entsetzen abwenden müßte, ist "Shutterbugg" noch lange kein großer Wurf.
Doch genug gemosert für heute. In der kommenden Woche wird die Geschmackspolizei hier eine vorerst letzte offizielle "Pressekonferenz zur Lage der Popkultur" geben - passenderweise geht´s dann um die neue Platte von Interpol. Danach beginnt der große Countdown hin zur Jubiläumsausgabe Nr. 200. Wenn Ihr Zeit und Böcke habt, zählen wir gemeinsam runter. Ich habe dazu - soviel selbstreferentielles Herumstöbern darf allemal sein - ein paar außergewöhnliche Songs ausgesucht, die wohl eh wieder keine Sau kennt, aber erstens sind die EVOLVER-Leser höchstens partiell Schweinderln und zweitens immer daran interessiert, über den Rand ihres privaten Trogs hinauszublicken. Wer jetzt denkt, daß das ja heiter werden könne, hat verdammt recht. Während der Rest der Menschheit auf die Ankunft irgendeines Messias wartet und derweil die Hände in den Schritt legt, lassen wir es uns mit stilvollem Liedgut gutgehen. Denn sehet, bald ist’s vollbracht/Die 200 naht mit aller Macht, in Ewigkeit, amen.

Big Boi - Sir Lucious Leftfoot: The Son Of Cico Dusty
Universal
Ein großer Schritt für den Schreiber, ein kleiner für den Leser: Das "Miststück" wird 200 Kolumnen alt und feiert mit euch einen hoffentlich unterhaltsamen Abschied von EVOLVER. Die "alten" Texte findet ihr auf ewig hier im Archiv – oder im Gesichtsbuch. Dort werden jede Woche fünf Klassiker für euch aufbereitet. Manfred Prescher bedankt sich damit beim geneigten Leser und bei Herrn Felix Austria für die Gastfreundschaft. Und für sechs tolle Jahre.
Es steht geschrieben, daß man keinen anderen GRÖFAZ neben ihm haben kann. Trotzdem holte der Mann mit der dicken Hornbrille den Diktator auf die Stufe mit uns Otto Normalunholden herunter oder - je nach Sichtweise - herauf. Was folgerichtig und sehr unterhaltsam ist, findet Manfred Prescher.
"Yes, you’re once, twice, three times a Miststück, but I lo-o-o-ve you ..." Gäbe es die letzte große Motown-Band heute noch, sänge sie dann das Hohelied auf die drei noch ausstehenden Kolumnen? Manfred Prescher würde sich auf jeden Fall sehr darüber freuen.
Kurz vor der magischen Nummer 200 ist es mal wieder nötig, ein bißchen auf den Putz zu hauen. Bekanntermaßen stinkt Eigenlob zwar, aber das macht nichts, denn Apple wird das iSmell erst im Jahr 2014 im Hype Park vorstellen. Also ist noch genug Zeit für ein Miststück in eigener Sache - meint Manfred Prescher.
Da sage einer, daß das Zeug aus den 40er Jahren nicht nach wie vor cool ist. Schließlich wird Jordans "Ain’t Just Like A Woman" gerade im Spiel "Mafia II" spektakulär verwendet. Und auch wenn - oder weil - es keiner der Konsolen-Paten registriert, der Song paßt zum Game wie das Gesäß auf die Brille. Grund genug, den Mann dahinter im "Miststück"-Countdown zu würdigen, findet Manfred Prescher.
Wie sagte schon meine Oma? "Die Uhr läßt sich zurückdrehen, man muß nur aufpassen, daß man die Zeiger nicht abbricht." Grinderman ist so ein Rückdreh-Projekt - damit will Nick Cave die wilden Zeiten wieder aufleben lassen. Manfred Prescher findet den Jugendwahn des Australiers durchaus gut, die Originale aber besser.
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