Kolumnen_Unerwünschte Nebenwirkungen

Materialkunde

Dr. Trash verordnet: Stöbern Sie Ihre alten Archive durch. Wenn Sie darin nichts finden, das auch heute noch von Interesse und der Zeit voraus ist, dann haben Sie irgendwas falsch gemacht. In diesem Fall verdienen Sie kein Mitleid, aber immerhin die Chance, Versäumtes nachzuholen - mit einer Publikation, für die der Abenteurer Rokko seine Schatulle des extrem-subkulturellen Irrsinns geöffnet hat.    17.02.2017

Da sitzt er also, der alte Doc - und ist vor allem eines: alt. So alt, wie er immer schon war, schon im Kindesalter älter als die Eltern, mit dem Gewicht der Welt auf seinen Schultern, immer knapp an der großen Erkenntnis vorbei. Aber so muß das ja auch sein, und deswegen will er nicht mehr darüber nachdenken, sondern weiterforschen. Oder lieber die Geschichte der (schrägen) Popkultur erkunden.

Er denkt dran, wie er Ende der 70er Jahre im Zuge des Aufruhrs, den Punk in einigen Gehirnen (so auch dem seinen) erzeugte, auf die damals auch auf dem europäischen Festland aufkeimende "Industrial Culture" stieß - angeführt von Bands wie den britischen Throbbing Gristle (hervorgegangen aus einer skandalträchtigen Hardcore-Aktionistengruppe namens COUM Transmissions) und den australischen SPK, die zu ihrer Lärm/Geräuschmusik aufrüttelnde Kriegs- und Propagandacollagen oder Bilder von Mengele-Menschenversuchen zeigten. Sie besangen Serienmörder, aßen live Schafshirne, legten sich seltsame Uniformen zu und waren einfach anders als alles, was die Kulturindustrie in den Jahrzehnten zuvor an "Keep Calm"-Unterhaltung zu bieten gehabt hatte.

Und plötzlich begannen sie alle zu sammeln und Archive anzulegen, die Industrial-Künstler und ihre Fans. Natürlich erweiterte auch der Doc seine bereits bestehenden Kollektionen um Objekte, Tonträger und Literatur aus der "transgressiven" Subkultur, die es auch schon zuvor in kleinen Nischen gegeben hatte, die aber jetzt erst durch Publikationen wie RE/SEARCH und viele kleine Fanzines bekannter wurde.

Es war eine interessante Zeit, denkt der Doc und nickt bedächtig. Aber jetzt kann er sich gleich ein bißchen weniger alt fühlen, weil er merkt, daß die jüngere Generation (oder wenigstens ausgewählte Teile davon) ähnliche Interessen hegt wie er seinerzeit. Clemens Marschall zum Beispiel, den Leser dieser Kolumne als "Rokko" kennen, der seine phantastischen (und phantastisch geschriebenen) Adventures regelmäßig auf den Markt wirft und jetzt ein Buch veröffentlicht hat: Avant-garde from Below: Transgressive Performance (Verlag: Rokkos´s Adventures). Das Buch ist vernünftigerweise gleich in Englisch gehalten, um den potentiellen Leserkreis zu erweitern, und enthält Interviews und Reportagen mit/zu einigen der früheren Antihelden (Monte Cazazza, Mark Pauline, John Aes-Nihil), aber auch zu "Verrückten" wie Joe Coleman, GG Allin und Iggy Pop, die seither bekannt, berüchtigt oder gar berühmt wurden.

Anspieltip: das Interview mit der True-Crime-Autorin Sondra London, die sich vielleicht etwas zu sehr auf ihr Thema (Serial Killers) eingelassen hat. Manchmal wird selbst dem Doc ein wenig unheimlich ...

Dr. Trash

Dr. Trash verordnet

(Illustration © Jörg Vogeltanz)


... erschien in gedruckter Form in der höchst empfehlenswerten österreichischen Literaturzeitschrift "Buchkultur" - für Menschen, die beim Lesen noch nicht die Lippen bewegen müssen - und wird zeitversetzt Web-exklusiv im EVOLVER veröffentlicht.

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Pestgruber

Dr. Trash verordnet: Meiden Sie staatlich finanzierte Kunstprojekte, die eh nur den Zweck haben, Ideologie zu vermitteln oder dem Volk hirnlosen Blödsinn vorzusetzen, den es wie des Kaisers neue Kleider nicht mit Namen nennen darf. Setzen Sie lieber auf die Werke kreativer Menschen, die sich A. für Arbeit nicht zu schade sind und B. ein Herz für Trash haben. Der Doc hat nämlich auch ein Herz für sie.  

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