Dusty Springfield: The Very Best Of Dusty
Universal
Es ist wie in Cape Canaveral - damals, als Louis (oder Lance?) Armstrong Richtung Mond aufgebrochen ist. Von nun an wird zurückgezählt. Wer dann die Null sein muß, wird Manfred Prescher erst im letzten Moment entscheiden. 16.08.2010
Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.
Das 200. Miststück rückt mit Riesenschritten immer näher - ich bin schon gespannt, mit welchen Präsenten mich die Redaktion von EVOLVER anläßlich dieses doch ziemlich einzigartigen Ereignisses bedenken wird. Ich freue mich natürlich auch über nette Mails oder Hinweise auf besonders coole, geniale Songs, die meinem geneigten Triefauge bislang entgangen sind. Und weil noch nicht mal der Tod umsonst ist, beschenke ich euch alle da draußen in den weiten Galaxien des Internetzes mit einem Countdown der etwas anderen Art. Ich zähle mit musikalischen Lieblingsstücken rückwarts bis zum Grande Finale, das dann einer besonderen Figur gewidmet sein wird: dem Mann, der die Coolness von Lee van Cleef mit dem Drive des jungen Brando und der journalistischen Verve mindestens des großen Kisch, wenn nicht gar des noch größeren Pulitzer in einer Melange vereinigt, die es nur einmal geben kann.
Wer weiß, wen ich meine, schickt eine Mail an EVOLVER. Unter allen richtigen Einsendungen verlose ich eine Privatkopie der Disc mit den Songs aus diesem Countdown. Da hätte selbst Louis Armstrong seine Freude dran. Ihr erinnert euch an den? Der hat seinerzeit mit seinem roten Taschentücherl vom Mond zu uns runtergewunken: "Ein großer Schritt für die Menschheit, ein kleiner für mich, ach, what a wonderful world liegt da im Blickfeld. Wenn das nicht die gute alte Erde ist, freß ich einen Besen und sing dann mit vollem Mund." Daß der kleine Mann seither jede Nacht aus dem Radio herauskrächzt und so die Trucker auf Spur hält, ist genauso bekannt wie seine 700 Tour-de-France-Siege, die er im fortgeschrittenen Alter einfuhr.
Da hätte es doch leicht zu einer musikalischen Zusammenarbeit mit Englands größter Soul-Diva Dusty Springfield kommen können, ja müssen. Die beiden Entertainer hätten mindestens so gut zusammengepaßt wie Ella und Louis a couple of years ago. Ich schließe also die Augen, zähle bis zehn - aber Dusty ist immer noch allein unterwegs. Kurz bevor Armstrong mit "We Have All The Time In The World" das Ende von Emma Peel als Ehefrau von James Bond einläutete, hatte "die Springfield" mit der anrührendsten Hymne jenseits von Motown einen Riesenhit. "I close my eyes and count to ten/And when I open them you’re still here" singt sie in der elegantestmöglichen Art von Verzweiflung. Denn eigentlich ist der Abschied, die Trennung schon schmerzhaft vollzogen - weshalb das Lied genausogut zum Tod der einzigen Frau paßt, die 007 (hier gespielt von George Lazenby) je vor den Traualtar geführt hat. Und darum fügt sich der Song auch perfekt in einen harten Krimi wie "True Romance" aus der Serie "Für alle Fälle Fitz" ein: Darin pflastern weibliche Leichen die Wege des Psychologen - und Dusty singt dazu.
Ein paar Musik-Deuter und notorische Erklärer versuchen uns zu erzählen, daß das elegante Dramolett der 1939 in West Hampstead geborenen und zu früh (vor ihrem 60. Geburtstag) verstorbenen Ausnahmesängerin auch das Ende des Summer of Love soundtechnisch brillant einläutete. Das ist Quatsch, weil niemand sowas mit weiser Voraussicht macht. Schließlich steckt jeder bis zum Hals im Zeitgeiststrom und ist voll und ganz damit beschäftigt, nicht darin unterzugehen. Dieses Lied ist einfach "nur" wunderschön, wie viele andere Songs der Springfield - vom weltbekannten "Son Of A Preacher Man" über "Anyone Who Had A Heart" oder "Losing You" bis zu "No Stranger Am I", der B-Seite von "I Close My Eyes And Count To Ten".
Das Lied wurde übrigens ein paar Mal nett aufgenommen, unter anderem von Paul "Wherever I Lay My Hat" Young und Abbas Frida. Aber nur Marc Almond (im Duett mit Sarah Cracknell von St. Etienne) bekam es ähnlich schön hin wie Dusty. Das liegt daran, daß Marc ihr Bruder im melancholischen Geiste ist: beide lieben die große Geste im kleinen Song und das theatralisch Überhöhte speziell beim Scheitern von Beziehungen.
Um eine eher erotische Art, jemanden loszuwerden, geht es nächste Woche: Dann werde ich hier über den Leiber/Stoller-Hit "Love Potion No. 9" schreiben.

Dusty Springfield: The Very Best Of Dusty
Universal
Ein großer Schritt für den Schreiber, ein kleiner für den Leser: Das "Miststück" wird 200 Kolumnen alt und feiert mit euch einen hoffentlich unterhaltsamen Abschied von EVOLVER. Die "alten" Texte findet ihr auf ewig hier im Archiv – oder im Gesichtsbuch. Dort werden jede Woche fünf Klassiker für euch aufbereitet. Manfred Prescher bedankt sich damit beim geneigten Leser und bei Herrn Felix Austria für die Gastfreundschaft. Und für sechs tolle Jahre.
Es steht geschrieben, daß man keinen anderen GRÖFAZ neben ihm haben kann. Trotzdem holte der Mann mit der dicken Hornbrille den Diktator auf die Stufe mit uns Otto Normalunholden herunter oder - je nach Sichtweise - herauf. Was folgerichtig und sehr unterhaltsam ist, findet Manfred Prescher.
"Yes, you’re once, twice, three times a Miststück, but I lo-o-o-ve you ..." Gäbe es die letzte große Motown-Band heute noch, sänge sie dann das Hohelied auf die drei noch ausstehenden Kolumnen? Manfred Prescher würde sich auf jeden Fall sehr darüber freuen.
Kurz vor der magischen Nummer 200 ist es mal wieder nötig, ein bißchen auf den Putz zu hauen. Bekanntermaßen stinkt Eigenlob zwar, aber das macht nichts, denn Apple wird das iSmell erst im Jahr 2014 im Hype Park vorstellen. Also ist noch genug Zeit für ein Miststück in eigener Sache - meint Manfred Prescher.
Da sage einer, daß das Zeug aus den 40er Jahren nicht nach wie vor cool ist. Schließlich wird Jordans "Ain’t Just Like A Woman" gerade im Spiel "Mafia II" spektakulär verwendet. Und auch wenn - oder weil - es keiner der Konsolen-Paten registriert, der Song paßt zum Game wie das Gesäß auf die Brille. Grund genug, den Mann dahinter im "Miststück"-Countdown zu würdigen, findet Manfred Prescher.
Wie sagte schon meine Oma? "Die Uhr läßt sich zurückdrehen, man muß nur aufpassen, daß man die Zeiger nicht abbricht." Grinderman ist so ein Rückdreh-Projekt - damit will Nick Cave die wilden Zeiten wieder aufleben lassen. Manfred Prescher findet den Jugendwahn des Australiers durchaus gut, die Originale aber besser.
Kommentare_
Kommentar verfassenCoole Sache. Ich les das Miststück (unregelmäßig) gern, aber eher nicht die über Eintagsfliegen. Dusty Springfield ist eine Schau, auf Clovers freu ich mich schon. Weiter so!
Hallo Evolver,
bin durch Zufall wieder mal hier gelandet. Für den Text über Dusty Springfield herzlichen Dank. Aber stimmt das mit dem Ende des Summer of Love?