Kolumnen_Miststück der Woche IV/39 - Leserwunsch #49

Fehlfarben: "Ein Jahr (es geht voran)"

Sie waren die vielleicht wichtigste Band der sogenannten Neuen Deutsche Welle. Vor allem waren sie die mit Abstand beste - sie paßten nicht ins Marketing-Raster und sind noch heute zu klug für diese Welt. Auch deshalb erfüllt Manfred Prescher den Leserwunsch gern.    17.08.2015

Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf - und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, daß du nur noch die Welt retten mußt oder daß Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.

 

 

"Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran ..." Die Zeilen von Fehlfarben texte ich urlaubsbedingt erst mal um in "eine Atempause, Geschichten werden später wieder gemacht". Das soll als Hinweis auf die kleine, einmonatige Pause der Kolumne genügen - also weiter im Text: In den späten siebziger und frühen achtziger Jahren des vor einiger Zeit dahingeschiedenen Jahrhunderts gab es in beinahe jeder deutschen Großstadt künstlerische Keimzellen. In Nürnberg dichteten wir zum Beispiel "Schenk mir eine Tüte Sterne" oder sangen von der Wiedergeburt schrecklicher Gedanken bzw. von düsteren Augen. Anderswo war, auch weil der fränkische Phlegmatiker nicht wirklich mit Nachdruck hinaus in die große, intellektuell gar nicht mal so weite Welt wollte, allerdings viel offensichtlicher was los: In Berlin mit den Einstürzenden Neubauten oder Malaria!, in Hannover mit den von mir sehr verehrten Der Moderne Man oder Wirtschaftswunder, in Hamburg mit Abwärts und Alfred Hilsbergs "Zick Zack"-Label.

Die innovativste Stadt von allen war aber die Heimat Kraftwerks, also Düsseldorf. An der bekanntlich längsten Theke der Welt entstanden neben ZK, aus denen dann Die Toten Hosen wurden, unter anderem DAF, Der Plan, Mittagspause, Materialschlacht und S.Y.P.H. Und aus diesen fünf Formationen wuchsen die Fehlfarben heraus - jene politisch motivierte Band, die kein Mainstream sein wollte, ihm aber vielleicht gerade deshalb so gut tat.

Kartenspieler wissen, was eine Fehlfarbe ist, nämlich jede außer der Trumpffarbe. Mein Stiefopa selig rauchte seinerseits Fehlfarben, das waren Handelsgold-Stumpen, deren Deckblatt verfärbt war. Die stanken fürchterlich und waren sicher preiswert. Das war ja auch gut, als Schmalhans noch Humidor war, aber er behielt die Marotte auch bei, als genug Geld da war. Eine Fehlfarbe ist irgendwie Ausschuß, unbrauchbar und ziemlich wenig wert. Genau diesen durchaus passenden Namen wählten der auf charismatische Art und Weise unbeugsame Soul-Shouter (!) Peter Hein, Frank Fenstermacher, Thomas Schwebel, Michael Kemner, Uwe Bauer und der längst bekannte, "ernsthafte" Künstler Markus Oehlen ("Capri bei Nacht"). Sie gründeten die Fehlfarben angeblich beim gemeinsamen Besuch eines Konzerts von The Teardrop Explodes in London. Ob das stimmt? Auf jeden Fall ist es eine sehr imageträchtige Legende.

 

Bereits Ende 1980 erschien dann das bahnbrechende Album "Monarchie und Alltag", das zum Beispiel mit "Militürk" von DAF und "Paul ist tot" auch Songs enthielt, die man in Düsseldorf längst kannte. Die Single "Ein Jahr (es geht voran)" erreichte Platz 22 der deutschen Hitparade - und wurde gleichzeitig zu einem der Hits der Sponti- und Hausbesetzerszene. Das scheinbar so frohe Motto "Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran" wird vom wütenden Peter Hein absolut nicht positiv interpretiert, der Punksong mit dem sehr funkigen Groove paßte perfekt zwischen die Slogans von Ton Steine Scherben ("Macht kaputt, was euch kaputt macht") oder Slime ("Deutschland muß sterben, damit wir leben können").

Aber wollte speziell Peter Hein, daß seine Statements zu Parolen für Ansteck-Buttons verkommen? Die wenigen Zeilen wie "Spacelabs fallen auf Inseln, Schuld hat der Präsident" oder "Graue B-Film-Helden regieren bald die Welt" wurden, je häufiger der Song auf Anarcho-Demos und als Soundtrack zum Steinewerfen eingesetzt wurde, von ihm auf den Konzerten ganz dylanesk immer weiter ergänzt. In Interviews mißtraute Hein den "linken Spießern" genauso wie der kapitalistischen Unterhaltungsindustrie, die Fehlfarben zum Teil der NDW machte. Und plötzlich war er weg und gründete die kreuzguten Family Five.

Thomas Schwebel machte als Sänger weiter, zwei wunderbare Alben "33 Tagen in Ketten" - mit Zeilen wie "die Kinder heißen Ruth und Routine" oder "Mancher gewinnt, um dann gar nichts mehr zu wagen" und das "politisch elegante" Werk "Glut und Asche" brachten sie noch zusammen. Dann war erst mal Schicht im Schacht. Mittlerweile ist Hein wieder Frontman, und Platten wie "Glücksmaschinen", "Handbuch der Welt" oder das famose Werk "Knietief im Dispo" mit dem Underground-Hit "Club der schönen Mütter" zeigen Fehlfarben immer noch stur, unbeugsam und an der Welt (ver)zweifelnd. Im Video dazu spielt übrigens Charlotte Roche die Hauptrolle und stapft durch eher trockene Gebiete. Ach, und ehe ich es vergesse: Demnächst kommt das neue Album "Über...Menschen" heraus, einen Tourplan gibt es auch schon.

 

 

 

Nach der Sommerpause erfülle ich hier einen besonderen Wunsch. OK, auf seine Art ist jeder einzelne eurer Wünsche so besonders, daß es mir ein inneres Missionsfest ist, sie zu erfüllen. Aber ein Leser entschied sich nicht für einen bestimmten Song, sondern für einen bestimmten Tüpen, einen, den es gar nicht gibt, weil ich ihn für zwei EVOLVER-Features erfunden habe: Disco Stu. Dieses younger ego von mir tanzte für euch und wird das, wenn wieder Geschichten gemacht werden, nochmal tun. Um seinen Bewegungsdrang unter der Glitzerkugel auszuleben, entschied sich Stu für ein Lied, das sicher noch viele im Ohr haben - freilich, ohne die Musiker zu kennen. "Why Did You Do It" heißt der Song. Bis dahin: Liebt euren Nächsten oder eure Nächste und auch euch selbst. Seid fruchtbar und Meerrettich, macht, was ihr wollt, und bleibt, wie ihr seid. Was anderes ist sowieso kaum möglich.

Manfred Prescher

Fehlfarben: "Ein Jahr (es geht voran)"

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Enthalten auf der CD "Monarchie und Alltag" (Welt-Rekord/EMI)

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