Kolumnen_Miststück der Woche IV/28b - Leserwunsch #38

Herbert Grönemeyer: "Der Weg"

Wie geht man denn mit so einem Leserwunsch um? Manfred Prescher meint, daß es sich auf jeden Fall eher verbietet, in der Gag-Trommel zu rühren. Aber allzu tränensuselig soll es auch nicht werden, weil schon das Lied recht unkitschig daherkommt.    27.05.2015

Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf - und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, daß du nur noch die Welt retten mußt oder daß Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.

 

Vier Jahre, bevor Herbert Grönemeyer - der übrigens nicht in Bochum, sondern in Göttingen geboren wurde - sein erfolgreichstes Album "Mensch" herausbrachte, war er mit "Bleibt alles anders" in den Charts. Danach war zwar tatsächlich vieles anders, doch es blieb auch nichts so, wie es war. Innerhalb weniger Tage starben nämlich unter tragischen Bedingungen Herberts geliebte Frau und einer seiner Brüder. Der Sänger zog sich mit Kind und vermutlich ohne Kegel - wer denkt in der Trauer schon an "Sport, Spiel, Spannung" - endgültig nach "London Town" (Wings) zurück und schaltete ab.

Die Aufarbeitung seiner Verluste brauchte Zeit. Speziell die 20 Jahre, die Grönemeyer mit seiner Frau Anna zusammen war, ließen den Künstler "Höllenqualen" leiden. Als Anna im Dezember 1998 starb, hätte er eigentlich seine "Bleibt alles anders"-Tournee fortsetzen sollen - aber alles wurde verschoben. Erst recht die kreativen Momente. Sie wurden auf Eis gelegt, und es hat sich vermutlich eine Zeit lang so angefühlt, als blieben zukünftige Ideen für immer im tiefgefrorenem Wasser eingesperrt. Doch es kam anders, allerdings erst nach langer Zeit. Ob die verstrich, weil Grönemeyer zunächst sprachlos war und dann nicht die richtigen Worte fand? Oder ob er gezögert hat, die doch sehr intime CD "Mensch" zu veröffentlichen? Gut möglich. Doch schließlich hat er es getan.

Das Album wurde nicht nur seine erfolgreichste Platte überhaupt, sondern ist auch das meistverkaufte Werk in deutscher Sprache. Und die erste Single, die den Reigen der - wirklich im positiven Sinne "Verarbeitungssongs - eröffnete, war das Titellied. Samt der Zeile "momentan ist richtig", die bei mir fälschlicherweise immer wieder als "momentan ist Frühstück" im Gehörgang ankommt. Was der Eisbär im dazugehörigen Video soll? Geschenkt. "Blick zurück", "Lache, wenn es nicht zum Weinen ist" oder "Der Weg" zeigten, daß es wirklich möglich ist, einfühlsam und ohne übertriebenes Pathos von Schmerz, Verlust und Leere zu singen.

Aber nicht nur das: Speziell mit "Der Weg", das praktisch zum vierten Todestag von Anna als Single ausgekoppelt wurde, schuf Grönemeyer ein echtes Kunststück von Format. Wer ihn bis dahin nicht ernst genommen hatte, konnte sich nun an hoher lyrischer Kunst erbauen. Der Song schafft es, eine ungeheure Intensität zu erzeugen, und das in zweierlei Hinsicht: Erstens wird Grönemeyers ehrliche Trauer offen, unverstellt und ohne jedes Anbiedern erkennbar, und zweitens vermittelt er gleichzeitig eine positive, ja gelöste Grundstimmung. Er freut sich über die vielen glücklichen Tage, die er mit dieser Frau haben durfte. Daß man ihm das abkauft, ist die große Kunst - und die hat dazu geführt, daß sich selbst das sprichwörtliche geschnittene Brot seinerzeit nicht besser verkaufte. Daß das Album "Mensch" und dieses Lied mitten ins Siechtum der Musikindustrie hinein erschienen, macht das Ganze noch bemerkenswerter. Zumal die Menschen tatsächlich mal für etwas Außergewöhnliches, etwas, das Herbert Grönemeyer vorher und auch danach nicht mehr hinbekam, ihr Geld auf die Ladentische blätterten oder über die Kreditkartenschlitze steckten. Ich bin wahrlich kein Fan dieses Mannes - und bei Liedern wie "Was soll das?" konnte ich die Frage nur 1:1 erwidern -, aber "Mensch" und speziell "Der Weg" sind unfaßbar, unglaublich und erreichen mich immer noch, wenn ich mich drauf einlasse.

 

 

Es entstehen Bilder im Kopf; die beste Liebespartnerin von allen erlebt das Wechselbad der Gefühle genauso wie ich, wenn Grönemeyer auf dem Segelboot herumschippert wie vor gar nicht so langer Zeit der einsame und dafür leider Oscar-los gebliebene Redford in "All Is Lost". Hat Herbert alles verloren? Nein, er hat die Erinnerung an Räume, die Anna mit Sonne durchflutet hat, es war einfach ein Stück vom Himmel, daß es sie gab. Und das, obwohl oder weil man sich die Wahrheit "so gut es ging verlogen" hat, es war ein Stück vom Himmel, daß es sie gab. Ich weiß nicht, ob ich, falls mich das Schicksal ähnlich treffen sollte, ähnlich liebevoll-stimmige Worte finden werde, aber ich weiß, daß es eine Person gibt, bei der ich mich für "ihre sanftmütige Güte", "ihren unbändigen Stolz" und "das gemeinsame Anschieben, Antreiben" auf ähnliche Weise bedanken wollen würde.

Nächste Woche wird es an dieser Stelle wieder etwas lustiger, denn dann geht es hier um Georg Ringsgwandl und sein "Feng Shui Liadl". Das paßt mir dann sicher in eben jenes - und ich freu´ mich drauf, diesen Text mit euch zu sharen, was das Zeug hält. Bis dahin, schert´s euch dahin, wo das Leben schön ist, und erfreut euch am Miteinander, am Lieben und Loslassen, am Sonnenschein, der eure ansonsten kargen Nobelbutzen durchflutet.

 

 

 

Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

Manfred Prescher

Herbert Grönemeyer: "Der Weg"

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Enthalten auf der CD "Mensch" (Grönland/EMI)

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