Kolumnen_Kolumnen, die die Welt nicht braucht #21

Et in Tuscia ego

Ah! Oh! Uh! etc. Solche Laute hört man, geht es um die Toskana. Zu Recht? Ihr geliebter Kolumnist hat keine Mühen gescheut und sich investigativ selbst an den legendären Urlaubsort gepeitscht, um live & embedded zu berichten.    10.06.2010

Meine lieben Leser, ich befinde mich augenblicklich in einem jahrhundertealten Landhaus in der Nähe des Monte Luca und versuche, das hier vermutete Erz der Kreativität zu schürfen und in eine Kolumne zu gießen, ehe der Akku des Notebooks zur Neige geht (Netzteil vergessen!). Ich bin undercover hier, trage schäbige Shorts, ein weites und zugleich zu enges T-Shirt mit bunter Aufschrift und gelegentlich eine Angeberkamera auf der Wampe. Meinem dürftigen Italienisch (prego, pronto, presto sowie pasta und pesto) gebe ich einen texanischen Slang, so halten mich alle für einen reichen Amerikaner, niemand erkennt mich als verarmten, aber EU-zertifizierten Kolumnisten. Es käme ohnehin keiner auf den Gedanken, einfach, weil ich hier weit und breit das einzige Wesen auf zwei Beinen bin. Umso verwunderlicher, daß Mücken im Minutentakt zielsicher mein Weinglas wählen, um sich darin zu ertränken - soviel Schönheit der Natur kann wohl auch depressiv machen.

Andererseits ertrinkt man wohl besser in einem Glas Chianti als in einer Kläranlage. Und in Zeiten der internationalen Finanzkrise sind lauschige Ferienwohnungen in der Toskana geradezu ideal, um mit seinem Notebook mal ganz allein zu sein. Das ganze Gschwerl fliegt heuer nämlich nach Griechenland, in der Hoffnung, die Krise würde dort die - seit Jahren völlig überzogenen - Preise drücken. Nur echte Männer fahren in die Toskana, oder bleiben, wie Sie, im Büro der Rating-Agentur, um noch mal eben schnell ein paar weitere Länder in die Pleite zu raten, oder um heimlich hippe Lifestyle-Beiträge wie diesen hier zu lesen: Kolumnen, die die Welt noch weniger braucht als Ratings.

Informative Reiseberichte machen Lust, wenn man - wie Sie gerade - am Bürostuhl klebt und darauf wartet, daß jene Mittagspause beginnt, in der Sie sehnsüchtig im Web herumsurfen und sich zum Beispiel über die Toskana informieren wollen. Vielleicht glauben Sie daher, Sie müßten mich beneiden, denn Sie sitzen dort in Ihrem verregneten Office-Alltag und warten auf den Herzinfarkt, ich hingegen lebe hier inmitten der oft gepriesenen Schönheit der Toskana auf, entdecke und verwirkliche mich selbst usw. Und doch haben wir viel gemeinsam! Wir starren zum Beispiel soeben beide auf einen blöden Screen. Und Sie haben es dabei sogar noch besser, denn Ihrer ist bestimmt größer.

Und Sie haben Internet. Ich hingegen habe hier nicht mal Mobilnetz. Wie soll ich ohne UMTS, GPRS, LAN & WLAN simsen, bloggen und twittern, wie wunderbar es hier ist? Ich kann nicht mal tweeten, daß ich nicht tweeten kann. Digital gesehen existiere ich kaum mehr, und dieses Landhaus hat nicht mal einen lumpigen Wikipedia-Eintrag. Was aber nichts heißen muß: Ich, immerhin Buchautor und bekannter Erfolgskolumnist, habe auch keinen, sondern nur eine sachlich teilfalsche Fußnote, welche mir eine Anspielung einbrachte, die wohl weniger kryptisch war als gedacht.

 

Nehmen wir mal an, es gäbe eine Art italienisches "Shangri-La", einen Platz, an dem alles perfekt wäre, die Menschen nett & freundlich, das Essen gut & reichlich, der Wein rot & süffig, der Mozzarella weich & sahnig, der Oregano grün & würzig und so weiter & so fort. Nehmen wir ferner an, dieser ferne Ort würde irgendwo zwischen Brobdingnag und Tannhäuser Tor wirklich existieren, wäre also nicht bloß eine Überlieferung oder gar eine Marketing-Phrase. Nehmen wir des weiteren an, daß er weder Internet noch Telefon kennen würde. Was wäre dann?

Genau! Wir würden nichts von diesem Ort wissen!

Es wäre folglich für Sie "da draußen" so, als gäbe es diesen Ort gar nicht.

Ein solches Avalon könnte man suchmaschinenoptimieren, wie man wollte, Google fände es trotzdem nicht. Denn in Wirklichkeit ist nicht "der Cyberspace" ein "anderer Ort", den man nur mit digitalen Krücken besuchen kann. Nein! Seit alles vom Virtuellen durchdrungen und getaggt ist und jeder sein Cyberspace-Deck in Form eines iPhone, Android oder Blackberry mit sich herumträgt, ist in Wahrheit der "Offlinespace" jener "andere Ort", der nur mit Hilfsmitteln betreten werden kann. In diesem Fall mit dem Auto, und auch das nur schwer und über verschlungene Umwege.

 

("Kein WLAN in Reichweite", sagt mein Notebook. Und dafür das viele Geld ...)

"Offlinespace" ist allerdings ein dümmlicher Begriff für diesen "anderen Ort", eine Vokabel, die sich schwerlich durchsetzen wird, noch dazu ein Anglizismus wie "Showmaster" oder "Handy". Wie wär´s mit Offerland? Matrix Unloaded? Toskanität? Unplugglichkeit? Nonnectivity? Espace pas d´enligne? (Ich erbitte Ihre deutlich besseren Vorschläge als hämefreie Kommentare!) 

Für die Toskana bedeuten die bisherigen Erwägungen und meine Feldforschungen vor Ort ganz konkret: sie ist nicht das beschriebene Paradies. Denn da vorne auf dem Hügel - mit einer so atemberaubenden Aussicht ins Tal, daß sie so einen keuchend zurückläßt, als habe man gerade zwei Schachteln Muratti weggedampft - hat zumindest mein Siemens-Wandertelefon etwas Netz (ein Strich von fünf oder so). Es reicht mir jedenfalls, um meinen potentiellen Auftraggebern in der Heimat zu sagen, wohin sie sich ihren ach so dringenden Auftrag stecken können. "Ich habe Wichtigeres zu tun, als die Wellness-Wirkungslügen eures neuen Joghurt-Drinks zu texten!" schreie ich in den Äther, aber die Gegenseite hört nur Störungen, und so wird niemand je erfahren, wie gering ich von einigen Kunden denke (zu denen *Sie* selbstverständlich *nicht* gehören).

 

Nun aber zwei Wahrheiten über den Toskana-Aufenthalt als Inspirationsquelle für Kreative:

 

1. Wird die Toskana womöglich romantisierend überschätzt?

Ja. Auch hier fliegen einem keine gebratenen Brieftauben in den Mund, und die süßen Trauben hängen zwar hoch, werden aber demnächst gekeltert. Trotzdem ist es in der Tat ganz beschaulich, aber nur, wenn man nicht andauernd auf sein Notebook-Display glotzen muß. Aber das wird ja bald ein Ende haben, weil der Akku wirklich nicht mehr lange durchhält.

2. Wird man in der Toskana instantan kreativ?

Nein, das kann ich leider nicht bestätigen. Beispiel: Die bisherige Kolumne ist so fade wie das Weißbrot hier, was aber auch daran liegen kann, daß die Toskanier (Toskanesen?) beim Backen das Salz weglassen. Und meine normale Arbeitsmethode, nämlich meine Bibel in der Ausgabe von 1430 dreimal zufällig aufzuschlagen und mit dem Finger hineinzuzeigen, die so ermittelten Wörter zu bingen (neusprech für googlen) und aus den Fundstellen eine Kolumne zu stricken, kann ich hier mangels Funknetz vergessen.


Mit einem Wort: Toskanischelandhäuserlähmendiekreativität. Es gibt hier einfach nicht genug Ausgangsmaterial für Cut-&-Paste-Phrasendrescher wie mich. Alle Dinge, die auf dem Tisch neben dem Mobil-PC stehen - Melone, Mandorle, Mozzarella, Montepulciano - haben kein Etikett, weil sie frisch erworben wurden, bei einem Giancarlo oder so ähnlich in einem Ort namens Gaiole. Merke: Ein toskanischer Hügel samt Landhaus ist bar jeden inspirierenden Textes, solange nicht ein Kolumnist davor sitzt und Wörter in sein Notebook klappert. Zu dem mageren Elaborat, das Sie hier lesen, inspirierte mich als notdürftige Textquelle die verblichene Aufschrift des WC-Reinigers.

 

Seufz. Ah. Oh. Uh. Etc. Alles ist so wahnsinnig perfekt, es könnte glatt computergeneriert sein. Gegen die weiche Wiese um mich herum wirken selbst die neuen Hochflor-Teppiche hart und ungemütlich. Hinter mir steht ein wunderbar altes Gemäuer, da vorne stehen noch mehr davon - man kann sich an diesem alten Stein kaum sattsehen. Zugegeben, der Wald da drüben könnte mal wieder gefegt werden. Aber sonst? Die Idylle trügt hier ausnahmsweise nicht. Ich werde später die mitgebrachten Digitalkameras mit Wald, Wiesen und Gemäuern (andere Motive gibt es hier wenig) vollknipsen und zufilmen. Dann uploaden bei Panoramio und Flickr, schon ist´s vorbei mit der Nonnectivity und Sie können sich diesen Ort in Virtual Tuscany oder LandHausView in 3D ansehen und brauchen Ihr Büro nicht zu verlassen. Das Glück kommt zu Ihnen, wenn Sie nur Internet haben (und sobald ich eine WLAN-Funkzelle erwische)!

Was Sie dann sehen würden: Die Hügel im Tal vor dem Landhaus harmonisieren derart gut miteinander, daß selbst Richard Dawkins einräumen müßte, daß eventuell Gott sie geschaffen haben könnte. Die Sonne leuchtet die Landschaft optimal aus und wechselt dabei ununterbrochen den Standort - ich gebe zu, daß ich dergleichen von den Energie- und Motivations-Sparlampen der Bürodecken nicht gewöhnt bin. Und ob morgens, mittags oder abends: Das Lichtspiel und die Schatten sehen stets wie gemalt aus - welcher Screensaver oder Egoshooter kann da mithalten? Die Klangkulisse besteht aus der Abwesenheit von Verkehrsgeräuschen; im Hintergrund, ja, da ist etwas Vogelzwitschern wie aus meinem Lichtwecker Philips Wake-up Light zu hören, und zugegeben, man hört einige Kuckucks oder Uhus sowie die im Wind rauschenden Blätter der saftig grünen Bäume, einem Ambient-Noise-Audio-Plugin nicht unähnlich. Es ist hier so verdammt ruhig, daß der Notebook-Lüfter das einzige verbliebene Geräusch wäre, donnerte nicht ab und zu ein Insekt von der Größe eines fliegenden Piranhas mit bedrohlichem Brummen an mir vorbei in Richtung Mohnfelder - und würde das Notebook nicht gelegentlich piepen, um auf das bevorstehende Versagen der Akkukraft hinzuweisen.

Das alles ist herrlich, wunderbar, phantastisch, erholsam - aber leider so inspirierend wie ein Zweig Rosmarin. Die Toskana ist einfach zu schön: In den verschlafenen Nestern hier kann man sich bloß erholen, aber nicht arbeiten. Nonnectivity = NoActivity. Seien Sie also froh, daß Sie in Ihrem Büro sitzen und es regnet. Bei Ihnen geht wenigstens was vorwärts - hier dagegen, hier gibt es nur sonnendurchflutete Ruhe und Beschaulichkeit und preiswerten Wein direkt von der Fattoria; ehrlich, da kann man sich bestenfalls in einen Stuhl setzen und tagelang ins Tal glotzen. Oh mein Gott, das werde ich dann jetzt wohl oder übel tun müssen, denn mehr als diese eine Kolumne gibt der Akku nicht m3h+$"§%&/()=CARRIER LOST

 

La rebus:

Welcher Kunstepoche gehört das gezeigte Werk "Wer soll diese Karre nur wieder aus dem Dreck ziehen?" garantiert nicht an?

Andreas Winterer

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