Kolumnen_Kolumnen, die die Welt nicht braucht #31

Wie man aus Geld Scheiße macht

Wie funktioniert sie eigentlich, die Wertschöpfung an den Wertpapierbörsen? Ihr Kolumnist hat keine Ahnung - aber trotzdem einen ganzen Tag mitgemacht, weil er darauf spekulierte, daß das irgendwen interessieren würde.    18.08.2011

Im Eckfernseher der Kneipe kicken sich die üblichen Verdächtigen mühevoll in irgendein Finale, ohne daß Stammtischler noch hinschauen würden. Schartige Fingernägel von Bauarbeitern und Verkehrsflächenhygienikern huschen über kleingedruckte Zahlenkolonnen im Wirtschaftsteil von NZZ und FT. Ab und zu murmeln sie Change des Momentus oder Trendkanäle und Emerging Markets. Sie betatschen die Touchscreens smarter Phones, wischen interaktiv-dynamische Charts von links nach rechts und zurück und brabbeln zwischendurch Wortfetzen wie Bullen und Bären, Puts und Calls, Ratings und Bonds und natürlich kontrazyklische Volatilität. Anders gesagt: Heute entwickeln sich selbst Bahnhofskneipen, therapeutische Antistreß-Malkurse und Wartezimmer sozialistischer Homöopathen zu Vorzimmern der raubtierkapitalistischen Wallstreet-Hölle. Ihr Kolumnist hat einen Tag für Sie mitgemacht.

 

10 Uhr

Eine Börsenweisheit sagt: "Aufspringen erst, wenn der Zug Fahrt aufgenommen hat!" Daher beobachte ich zuerst. Dann kaufe ich um etwa 10 Uhr 2.500 Wertpapiere des vielversprechenden Unternehmens SCOTT BRADLEY INC. zum Preis von 40 Euro. Ergo habe ich soeben 100.000 Euro investiert. Mein gesamtes Geld! Besser gesagt: Das gesamte Geld, das die Bank mir zu leihen bereit war ...

Warum diese Aktie?

Offen gesagt: Ich weiß es nicht.

Aber offenbar kaufen alle Börsianer sie: Seit 9 Uhr ist ihr Wert von 20 auf 40 Euro gestiegen. Die Trendkanäle sind eindeutig, heißt es irgendwo. Aber woher wußten eigentlich die anderen, die um 9 Uhr für 20 Euro SCOTT-BRADLEY-INC.-Aktien kauften, daß das Papier an Wert gewinnen würde? Auch da bin ich überfragt. Gerüchtweise gibt es da "so eine Telefonnummer", die Tips gibt. Vielleicht stammen die von einem Insider, vielleicht auch nur von Madame Voyante, einer Wahrsagerin mit Kristallkugel.

Wer weiß das schon?

Ist ohnehin egal.

Wenn nur genügend Leute glauben, daß heute alle die BRADLEY-Aktie kaufen werden, lohnt es sich bereits, die Aktie zu kaufen, denn alle werden das tun. Eine satte Wertsteigerung ist an der Börse quasi unvermeidlich. Dank self-fulfilling prophecy ist die Aktie bereits 42 Euro wert. Ich habe schon 5.000 Euro verdient. Ich bin ein Tycoon! Heißa!

Inzwischen sitze ich vor drei Glotzen. Links CNN, rechts BloombergTV. In der Mitte Wall Street mit Michael Douglas. Die Ticker rasen von rechts nach links.

Haben Sie sich übrigens je gefragt, wer in der Lage ist, drei parallel durchs Bild scrollenden Tickern geistig zu folgen, während die blonde Nachrichtensprecherin durch Kunststofflippen wichtige News rund um "Brangelina" verkündet? Ich auch nicht. Aber die Frage stellt sich nicht mehr, wenn man sich nur genügend Input ins Hirnkasterl preßt: Das Internet-Radio in der Küche quäkt aktuelle Kurse, meine RSS-Reader saugen das Web leer, mein iPad schaufelt Charts auf den Screen, mein Notebook rattert geschäftstüchtig. Ich bin sowas von up to date. Echtzeit, fast.

 

11 Uhr

Die Spannung steigt. Der Kurs auch. 45 Euro, 46 Euro, die Viertelstunden vergehen, 47, 48 (wow!), 46 (oh Schreck!), 44 (oh Gott!), dann wieder 46, (gottseidank!) 48, 49 (yeah!), 50 Euro (haha!) ...

Experten und Profis tauchen in bunten Talkshows auf und erklären mit gewichtiger Miene, diese Aktie wäre sichtlich der Tagestip überhaupt. Irgendein Notenbankchef habe heiter gegluckst, heißt es außerdem.

Der Kurs steigt daraufhin weiter.

Ich zaudere. Denn wenn der Tip mit meiner Aktie nun schon im Fernsehen kommt, denke ich mir, kann er nichts mehr wert sein. Jetzt aussteigen, 25.000 Euro Gewinn mitnehmen?

Lieber nicht. Es könnte ja noch mehr Gewinn abwerfen. Denn der Kurs steigt und steigt weiter. Ein Zeichen, auch für höhere Nachfrage. Und die bedeutet: höhere Preise. Mehr für weniger! Noch mehr für noch weniger!

Mein Hoffnungsträger, die SCOTT-BRADLEY-INC.-Aktie, zieht weiter an. "Der Zug fährt los", wie wir Experten sagen. Die Lokomotive nimmt Fahrt auf. Wir schalten in den nächsten Gang. Der Airwolf zündet den Nachbrenner. Die Enterprise geht auf Warp.

Kein Wunder. Der Notebankchef hat gegluckst. Der weiß Bescheid.

 

13 Uhr

Weitere Zeit vergeht, doch da: 57, 57, es geht nichts vorwärts, 57 Euro also. Da ist kein Drive mehr drin. Diese Zitrone ist ausgepreßt. Stagnation nennt man das heute. Gemeint ist, daß das Wachstum stillsteht. Man brettert quasi mit 320 km/h über die Autobahn, die Turbine wummert am Anschlag, doch die Karre wird nicht mehr schneller. Jetzt bloß nicht nervös werden, bloß nicht darüber nachdenken ...

 

15 Uhr

Da: Auf der Aktionärsversammlung kündigt SCOTT BRADLEY INC. an, Mitarbeiter zu entlassen! Endlich! Nun ist zwar bald keiner mehr da, der die Arbeit machen und etwas produzieren könnte. Aber das Unternehmen ist jetzt "effizienter". Ergo: Der Kurs fliegt! 58! 59! Und schließlich 60 Euro! Und steigt! Und steigt!

By the way gefragt: Warum muß man eigentlich Aktien kaufen?

Ganz einfach: Aktien steigen, wenn Unternehmen Mitarbeiter entlassen. Das weiß jeder. Auch wenn Unternehmen fusionieren, steigen die Aktien. Wegen der Synergieeffekte. Durch die man Personal einsparen kann.

Diese logische Entwicklung wird letztlich dazu führen, daß es irgendwann nur noch ein einziges Unternehmen geben wird, das dann alle Mitarbeiter entläßt. Dann haben wir alle zwar mangels Jobs kein Einkommen mehr - aber kein Problem, weil dann stinken wir sowieso vor lauter Geld, dank unserer höchstnotierten Aktien. (Das leuchtet doch ein, oder?)

 


17.30 Uhr

Zurück zur Börse: Es ist 17 Uhr 30. Die Aktie steht bei 80 Euro. Halten? Oder für 200.000 Euro verkaufen (und somit 100.000 Euro Schnitt machen)? - Meine Knie schlottern, denn gleich könnte der Kurs wieder einbrechen! Vor allem, weil gerade bekannt wurde, daß ... ein wichtiger EVOLVER-Kolumnist sich zum Thema SCOTT BRADLEY INC. ... die Nase gekratzt hat! Oh Gott! Die Nase! Wie geht es jetzt weiter mit der SCOTT BRADLEY INC.?

Es hagelt Schlagzeilen aus den Newsfeeds: "SCOTT BRADLEY INC. mangelt es an Kursphantasie", 55 Euro, CNN, "Bradley am Ende?", 50 Euro, BloombergTV, "Ye Shareholder who entered here, abandon all hope", 45 Euro, Financial Times, "Notenbankchef gluckst nicht mehr", 40 Euro, KRONE, "Fliegende Mutanten-Piranhas attackieren dreiäugigen US-Börsianer". Und so weiter.

"Nicht in ein fallendes Messer greifen!" sagt eine alte Börsenweisheit. Das klingt ja irgendwo einleuchtend. Aber was bedeutet es? Hastig blättere ich zehn Reich-durch-Aktien-Bücher durch ...

Ah, das: verkaufen! Verkaufen! Verkaufen! 39 Euro. Los, den Banker anrufen! Den Banker! Anrufen! – Was? Besetzt? (37 Euro) Was ist da wieder, die App reagiert einfach nicht ... (35 Euro) noch mal telefonisch ... es tutet ... (32 Euro) ich versuche die Website, drücke noch einmal Wahlwiederholung, (27 Euro) Wahlwiederholung, Wahlwiederholung, App neu starten, Website reloaden 17.45 Uhr ... wieso rührt sich da nix ... das ist doch ...

 


17.55 Uhr

Ich wähle, tippe, touche, klicke wie verrückt. (25 Euro) Schweißbäche gurgeln wie isländische Geysire aus meinen Achselhöhlen hervor ... und da! Ja! Ich habe Glück und es klappt und kann die SCOTT-BRADLEY-Aktie bei 20 Euro abstoßen! Haha! Gerade noch rechtzeitig! Sollen sich doch andere mit dem miesen Drecks-"Wert"-Papier den Arsch wischen! Hurra! - Darauf einen Gin. Bombay Sapphire, das Leben ist ja hart genug ...

Gratulation: Ich habe heute aus 100.000 Euro satte ... 50.000 Euro weniger gemacht. Gott sei Dank ist das kein echtes Geld. Sondern es sind nur meine neuen Schulden bei der Bank.

Die Schmierfinken bei den Zeitungen immer: Angeblich wurden "50.000 Euro" durch mich "vernichtet". Aber das ist Blödsinn: Das Geld liegt jetzt bloß bei denen, die mir die Aktien für 100.000 verkauft hatten und sie mir vorhin für die Hälfte wieder abgekauft haben. Nichts wurde vernichtet. "In Krisenzeiten wechselt das Geld von zittrigen in feste Hände", schrieb Kostolany. Glaube ich. Gehört zu haben. Irgendwo.

Wäre ich eine Bank, könnte ich nun behaupten, ich sei systemisch relevant, und daß die Steuerzahler doch bitte für meine 50.000 Euro aufkommen sollten. Wäre ich ein Staat, würde ich meine 50.000 Euro Schulden an die Europäische Zentralbank oder eine andere Bad Bank verkaufen und wäre wieder flüssig.

Doch leider bin ich nur ein einfacher Kolumnist und Spekulant. Und wohne parterre. Ich kann noch nicht einmal aus dem Fenster springen.

 

(Die Cover stammen übrigens von oreillymaker.com)

 

--

Das Bilderrätsel:

"Was ist weitaus wertbeständiger als Aktien?"

Andreas Winterer

Kommentare_

Kommentar verfassen
Martin Compart - 21.08.2011 : 19.50
Grandios! Ich hab mich auf dem Boden gewälzt. Blendend geschrieben!
Der Kolumnist - 22.08.2011 : 09.10
Solch Lob aus solchem Mund? Eine Ehre, für die ich sofort einen Piccolo guillotinieren werde. (Danke!)
Nina Munk - 22.08.2011 : 14.42
Schlichtweg genial! Ich gehe sofort hin und verkaufe, dann kann ich endlich wieder ruhig schlafen.
Gerhard - 22.08.2011 : 14.47
:D PERFEKT! Danke dafür! :)
André Bertholomew Kostolany - 23.08.2011 : 09.06
Sehr schön.

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