Kolumnen_Kolumnen, die die Welt nicht braucht #43

Wie Sie 15 Kilo in 15 Tagen abnehmen

Sport ist Mord - das wußten schon die alten Griechen. Leider haben sie es nicht aufgeschrieben, sodaß der Spruch reine Spekulation ist. Viele schieben ihn daher auch den Römern in die Schuhe, wegen der Arena-Gemetzel. Worauf ich hinauswill: Lesen Sie nun, wie es mir spielend gelang, 15 Kilo in 15 Tagen abzunehmen!    01.12.2014

Ich denke schon seit Jahren, ich sollte mich mal zur Fitneß anmelden. Meine bisherigen Pro-und-kontra-Argumente:

  • sobald ich mehr Geld habe;
  • sobald ich weniger arbeiten muß;
  • sobald ich mehr Lust habe;
  • wenn ich mal Zeit habe;
  • sofern es sich irgendwie von selbst ergibt ...
  • (... und nicht mehr umgehen läßt); UND:
  • sobald intelligentes außerirdisches Leben nachgewiesen wurde.

 

Tag 1: Montag

Endlich! Ich habe mich nach nur fünf Jahren Bedenkzeit und allerlei (gut begründeten) Verzögerungsstrategien soeben im (50 Meter entfernten) Sportstudio angemeldet! Zack! So geht Entscheidung! (Eigenschultertätschel ...)

Warum 50 Meter? So kann ich mit Schwung aus dem Bett fallen und dadurch bereits im Fitneßstudio laden. Und verlaufe ich mich dabei, lande ich eben im Beisl. (Nur ein Scherz, derartige Lokalitäten werden natürlich fürderhin gemieden.)

 

Tag 2: Erste Erfolge!

Die bloße Androhung des Sportstudios ab kommender Woche schlägt sich bereits in dramatischem Eigengewichtsverlust nieder (ca. 20 Gramm). Fühle mich fit wie nie beziehungsweise wie ein Turnschuh und suche im beschwingten Sauseschritt die in meiner Garçonnière reichlich vorhandenen Süßwaren und Schokoladenspeisen zusammen, um diese schurkischen Versuchungen qua letalem Verzehr ein- für allemal aus der Welt zu schaffen. Eine Bürde, die ich gerne auf mich nehme.

Danach die letzte Zigarette, weil mit dem Rauchen wird auch gleich aufgehört.

 

Tag 3: Euphorie durch Endorphine

Bin wegen meiner Anmeldung beim Fitneßstudio immer noch von mir selbst begeistert, ein wahrscheinlich durch sportliche Endorphinausschüttung bedingter (und im übrigen völlig unbegründeter) Wahnzustand, den man irgendwie zu Pulver verarbeiten und verkaufen können müßte (obwohl er einem ja bereits bei TV-Volkstümelmusik-Stars bereits sauber auf die Nerven geht).

Darauf dennoch eine Tschick und einen doppelten Einspänner plus Belohnungskipferl (ein zweites mit Marzipanfüllung). Das einzige, was mich (bald, in Kürze, demnächst) noch von Jason Statham unterscheiden wird, sind 17 Höhenzentimeter Körpergrößenüberlegenheit.

 

Tag 4: Abschließende Orgie

Habe Bestlaune angesichts meines für kommende Woche geplanten olympischen Ego-Relaunches. Davon in Levitation versetzt, schwebe ich in das beste Restaurant meiner bisherigen Wahl und übertreibe einmal kräftig. Jetzt darf ich ja, weil es bald losgeht!

 

Tag 5: Erste Reue

Verfluche wehmütig meine gestrigen Entgleisungen, weil die tückische Waage heute - urplötzlich! - zwei Kilo mehr anzeigt. Vermutlich ein relativistisches Phänomen, das auf ein Dunkle-Materie-Vorkommen unter der Waage zurückgeführt werden könnte, wenn die Wissenschaft schon so weit wäre. Zum Trost vertilge ich die ersten Schokoladen-Nikoläuse der Saison. Danach letzte Zigarette.

 

Tag 6: Vom Versuch, Turnschuhe zu erwerben

Ich will Turnschuhe kaufen. Der Fußmarsch in die Stadt zieht sich hin. Daher diverse Pausen mit Snacks (Käsekrainer, Dominosteine). Komme völlig erschöpft an.

Sportschuhgeschäfte sind moderne Purgatorien, wo sie einen neuerdings auf ein analysierendes Laufband stellen. Auf diesem Qualensimulator "läuft" man dann mit seinen wabbelnden Kilos, inmitten durchtrainierter Running-Irrer, die - merkwürdig grellbunte Synthetikkleidung begrapschend - mitleidig zu einem herüberblicken, während der Computer die eigenen Ungesundheitsdaten an Google übergibt. Ich werde jetzt wohl monatelang Diätpräparatewerbung träumen (und aus allen Kankenkassen fliegen).

Erst nach diesem Initiationsritus wollen sie einem einen Turnschuh verkaufen. Natürlich einen, mit dem man sich genauso Blasen läuft wie mit dem No-Name-Schuhschund von Amazon. Dabei ratschen sie in einer Tour von Dämpfung und Abrollverhalten, als ginge es um die Zusammenführung von Quantenchromodynamik und Schleifenquantengravitation.

Geht man mit dem Schuh vom letzten Jahr hin und sagt "Der hat gepaßt, den bitte nochmal!", dann lachen sie einen aus, die dürren Pickelgesichter, deren einziges Verdienst es ist, zu wissen, wie man geradeaus läuft.

Daher ergreife ich schreibend die Flucht. Danach zwei Lebekäsesemmeln gegen den Schock. Anschließend letzte Zigarette. Es ist mithin die letzte Verdauungszigarette, da ich ja von nun an keine Nahrung mehr zu mir nehmen werde.

 

Tag 7: Sonntägliche Versuche, Turnschuhe zu erstehen

Verbringe sechs Stunden damit, vergeblich Online-Shops nach einem offenbar komplexem Wunderwerk namens "Turnschuh" abzuklappern. Shops mit "Riesenauswahl" zeigen nach Eingabe meiner Schuhgröße (48) in ihren "intelligenten Filtern" stets: "1 Schuh", und der ist immerzu "derzeit nicht erhältlich".

Ich vernichte aus Zorn eine Packung Mozartkugeln. Und fordere hiermit die Abschaffung des weltweiten Webs - wegen Überflüssigkeit.

 

Tag 7: Sonntagabends

Also morgen doch wieder Stadt und Urban-Offline-Shops vulgo Ladengeschäfte.

Bisher erstand ich ja - stets zu Sonderangebotspreisen - orthopädisch besonders wertlose Sneakers. Sie waren optisch frühzerknitternd, aber subjektiv saubequem. Doch leider machte der Laden zu, in dem es sie gab.

An seiner Stelle öffnete eine weitere Filiale von Insane Runners. Mit noch mehr Wahnsinnigen, die in schwitzoptimierenden Socken über prononciert-lavierendes versus mittenbetont-naturales Running fachsimpeln. Gottlob sind das alles 1,58-Meter-Halblinge, die mir evolutionsbiologisch nicht das Wasser hochreichen können. Wie überhaupt Sport doch der Ausgleichssport der geringvergeistigten Unbeweibten zu sein scheint.

HALT! Falsches Denken. Sport ist - ab morgen! - die Tätigkeit der erfolgreichen Schriftsteller, der kreativen Kolumnisten, der vielverdienenden Journalisten!

Ab jetzt!

Also ab morgen. Wenn es endlich losgeht.

Habe schon im Vorfeld Muskelkater.

Trinke daher ein isotonisches Getränk, vorbeugend. Dazu Protein-Schokoriegel für den Muskelaufbau. Im Anschluß: allerletzte Zigarette.

 

Tag 8: Montag (Einführungstraining)

Das für heute angesetzte Einführungstraining mußte ich um eine Woche verschieben.

Der Grund: Ich arbeite stattdessen kettenrauchend an dieser Sportkolumne, die mein Fitneß-Schicksal als mahnendes Beispiel beschreibt. Bin aber immerhin auf Studentenfutter umgestiegen (statt Wurstbrote nur noch: Nüsse, Rosinen), denn es heißt ja immer, eine Ernährungsumstellung sei viel vernünftiger als jede Diät.

 

Tag 9: Ausreden

Ich erfinde eine Reihe von Ausreden, die ich ab kommender Woche (neuer Termin des Einführungstrainings) benutzen könnte, um mich vor dem Sport zu drücken. Bisherige Favoriten:

  • Ich kann heute nicht. (generisch)
  • Ich kann heute nicht, wegen Migräne. (Mitleidsmasche)
  • Ich kann heute nicht, weil wichtiger Termin mit wichtigen Menschen. (VIP-Tour)
  • Ich kann heute nicht, zu schönes Wetter. (Prioritätsargument)
  • Ich kann heute nicht, gestern zu viel gesoffen/gefressen. (Streichen!; es könnte Häme heraufbeschwören.)
  • Ich kann heute nicht, da mich schlechtes Wetter an der beschwerlichen Reise ins Sportstudio hindert. (Katastrophenszenario)

 

Tag 10: Kickoff-Party

Am Mittwochabend veranstalte ich eine Party, um mein kommendes dynamisch-erfolgreiches Leben zu begrüßen. Alle meine lieben Freunde gratulieren mir warm und herzlich zu meinen Sport- und Diät-Plänen.

Woraus ich schließe, daß sie mich bisher heimlich für unsportlich und fett hielten, weswegen ich dieses Lumpenpack morgen bei Facebook ent-frienden werde.

 

Tag 11: Medientraining

Zur medialen Vorbereitung sehe ich mir Formel 1 im Fernsehen an. Auch Motorsport hält vielleicht fit.

Letzte Zigaretten. Dazu strenge Diät aus Kohlenhydraten, Fett, Alkohol. Der Trick: Auf diese Weise kommt der sportelnde Diätschlag kommende Woche für den Körper noch überraschender und somit wirkungsvoller.

Ich nenne es Eigenstoffwechsel-Hacking und plane ein Buch dazu. Wie Sie den ganzen fetten und süßen Mist fressen können, den Sie sonst auch fressen, und trotzdem in sechs Wochen schlank und schön werden. Melde hiermit Titelschutz an.

Allerletzte Zigaretten.

 

Tag 12: Hilft Sportschokolade?

Heute etwas Forschung. Stelle mich auf die Waage. Esse danach zur intrinsischen Vorbereitung eine 100-Gramm-Tafel Ritter Sport. Stelle mich danach erneut auf die Waage. Ergebnis: Ich wiege 100 Gramm mehr.

Ich kontaktiere Wissenschaftler auf der Suche nach einer Antwort auf folgende Frage: Warum kann man diesen Vorgang nicht einfach umkehren, also einfach zehn Tafeln Ritter Sport nicht essen - und danach ein Kilogramm weniger wiegen?

Sie legen stets auf. Das bestätigt, was ich schon lange vermute: Die Schulwissenschaft hat keine Antworten. Ich wiederhole die Frage mit Homöopathen. Sie geben mir Zuckerkügelchen. Was bestätigt, was ich schon lange vermute: daß Süßigkeiten gesund sind.

 

Tag 13: Weitere Experimente

Ich lese zur mentalen Vorbereitung diverse Sportzeitschriften, stelle mich danach auf die Waage. Keine Korrelation erkennbar. Bezweifle grübelnd, ob Sport wirklich sinnvoll ist. Darauf eine Denkrette. (Dies ist ein Kofferwort aus zum Denken notwendige und Zigarette, das ich hiermit in den Sprachgebrauch einführe. Bitte unterstützen Sie mich dabei und verwenden Sie es in Ihrem Alltag!)

 

Tag 14: An jedem verdammten Sonntag

Starke Schmerzen, wahrscheinlich ein schwerwiegender Infekt. Ebola? Verdammt, das ist so gemein, wo ich doch morgen sportiv loslegen wollte ... immerhin: Rauchen geht noch.

Doch ins Sportstudio kann ich so nicht. Ich würde unverantwortlich all die anderen anstecken. Oder selbst noch kränker werden. Allein der Gedanke daran, daß praktisch alles in diesen Sporthallen von muffigem Schweißdampf benetzt ist ... dazu diese Fieberträume eines alles durchdringenden Fußpilzes, der den Boden in schwammiges Gallert verwandelt ...

Weitere Fieberträume: Statt Talkshows, wo ausgehungerte Anwärter auf Hautkrebs wieder mal den blassen Übergewichtigen erklären, wie auch sie mager & braun werden können, sehe ich Talkshows, in denen unsportliche Intellektuelle den Sportlern erklären, welche Bücher sie lesen mal lesen könnten, um weniger dümmlich zu wirken.

 

Tag 15: Montag

Heute wäre dieses Einführungstraining gewesen, aber ich mußte ja diese Kolumne schreiben - ergo sind Sie schuld! Und wie Sie 15 Kilo in 15 Tagen abnehmen können, das weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich wäre die beste Diätmethode, sich von einem irren Serienmörder entführen und in einen Keller sperren zu lassen, in dem sich außer einer Wasserpfütze nichts befindet. Doch wer will sowas schon?

 

--

Das Bilderrätsel:

Wird diese Phänomen noch schlimmer werden?

Andreas Winterer

Kommentare_

Kommentar verfassen
carmen - 06.12.2014 : 19.16
Tipp von mir zum abnehmen: FdH...
Der Kolumnist - 07.12.2014 : 12.07
Steht wahrscheinlich für "Fitnesstrainiere dich Hungrig!" und funktioniert bestimmt!

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