Kolumnen_Miststück der Woche IV/38 - Leserwunsch #48

Metallica: "Nothing Else Matters"

Heavy-Metal- und Hardrock-Bands schreiben die besten Balladen. Beispiele dafür gibt es viele, doch dieser Wunsch-Song schwimmt mitten im kollektiven Mainstream-Fluß. Zu Recht - wie Manfred Prescher findet.    10.08.2015

Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf - und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, daß du nur noch die Welt retten mußt oder daß Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.

 

James Hetfield schrieb diesen Song eher zufällig. Aber als er dann den Weg raus aus dem kreativen Adernsystem gefunden hatte, wurde er zu einem Monument. Dabei war sich der Sänger von Metallica gar nicht mal so sicher, ob er das Lied wirklich veröffentlichen sollte. Erstens wurden Rockballaden für manchen Schwermetaller bekanntlich zum Fluch, weil er dann von den Hausfrauen und -männern dieser Welt mit den selbstgefertigten Weichblechnägeln am Kommerzbaum festgedübelt wurde. Die eigenen hartgesottenen Fans schreien zudem dann in der Regel "Sellout" oder - je nach Landessprache und Bergdialekt - etwas ähnlich Meinendes.

Zweitens hat Hetfield in "Nothing Else Matters" sein Herz ausgeschüttet. Er erzählt sehr persönlich von den Gefühlen zu seiner (namentlich nicht genannten) besten Liebespartnerin von allen. Daß der Song doch ein wenig an den ebenfalls sehr guten, freilich etwas älteren Rock-Schmachtfetzen "Dream On" von Aerosmith erinnert, paßt schon gut, wie ich finde. Wahrscheinlich, vermute ich mal keck, hat Hetfield im "Rausch der Liebe" auch einmal solche Songs gehört, was sicher nicht ungewöhnlich ist. Auf jeden Fall schreibt er sehr persönlich, von einem Gefühl, das man jedem Menschen auf dieser Welt wünschen möchte. Es geht um die Liebe zu dieser einen Frau, die Hetfield doch ohne Kitsch und Pathos beschreibt. Und darum, daß es ganz piepegal ist, was die anderen drumherum davon halten mögen.

In Interviews aus den 1990er Jahren erzählt der Frontmann aber auch, daß er Angst hatte, sich mit dem Text angreifbar zu machen. Oder für ein Weichei gehalten zu werden? Die Sorge ist gut nachvollziehbar, weil sich Menschen der engstirnigeren Gattung sowieso über alles das Goscherl zerreißen, was nicht in ihre immergleichen Gedankenstrickmuster paßt. Dabei ist es egal, ob man rechte Pegida-Inhalte zum Glaubensbekenntnis gemacht hat und nachbetet oder sich pseudointellektuell als linker Misanthrop - hier will ich ein einziges Mal das Unwort "Gutmensch" ins gegenteilige "Schlechtmensch" verwandeln - geriert. Ja, die Anarcho-Punker von Slime hatten damals schon erkannt, daß es sie gibt: "Ihr seid nichts als linke Spießer/Ich frag´ mich, was wart ihr früher/Ihr seid nichts als linke Spießer/Ihr habt nichts dazugelernt." Man suhlt sich im Sumpf der eigenen düsteren Weltsicht, gibt sich Sexismus, Rassismus und verschwörerischen Aus- und Abgrenzungsgedanken hin, bis man nicht mehr am Weltenlauf teilnimmt, sich auf bourgeoise Künstler- oder andere sehr konservative Meckerinseln zurückzieht und dort aus Resten der eigenen Gedanken sowie der Panade diverser Schnitzel einen abgelegen-abseitigen Turm baut, Pamphlete schreibt bzw. gegen alles wettert, was keinen Platz in der nebelverhangenen Butze hat. Solche individuellen Kleinststaaten würden dann am liebsten aus der EU oder dem Großstadtgetriebe austreten, was aber gar nicht geht, weil sie da sowieso nicht Mitglied sind.

 

 

Nein, es ist gut, daß Hetfield seine Liebe zugänglich und auf sehr einfühlsame Art und Weise nachvollziehbar gemacht hat. Die Frage, ob es einen weiteren Lovesong überhaupt braucht, muß man sich nicht stellen. Denn zum einen ist "Nothing Else Matters", zumindest in der ursprünglichen, orchesterlosen Version, ein verdammt geniales Lied, und zum anderen soll man niemandem vorschreiben, was er wem sagen möchte. Außerdem: Es werden jedes Jahr unzählige und viel schlechtere, viel sentimentalere, unechtere Liebesballaden geschrieben und auf den Markt gebracht. Das Risiko, von Dumpfbacken abgelehnt zu werden, haben Metallica ignoriert, später noch öfter als mit dieser Ballade, die selbst bei Hells Angels feuchte Tränenschlieren auf der Lederjacke zu hinterlassen versteht. Aber mit dem Album "St. Anger" oder erst recht mit "Lulu", der Kollaboration mit Lou Reed, zogen sie sich den Zorn der konservativen Fan-Mehrheit zum. Aber "Nothing Else Matters".

 

 

Auch diese Kolumne hat immer wieder mal eine Breitseite abgekriegt. Das Gute ist aber, und da geht es mir sicher ähnlich wie dem Hetfield, daß ich immer das geschrieben habe, was ich wollte, was ich dachte und was mir durch die Denkmurmel kullerte. Darüber kann man diskutieren oder einen tiefschwarzen Bottich voll Spott auskippen - das, was ich hier vom Stapel ließ, war 338 mal meine ureigenste Meinung zu Gott, der Welt, einzelnen Songs und gesellschaftlichen Gegebenheiten, zu nötigem männlichem Feminismus genauso wie zum unnötigen Xavier Naidoo. Auch ich habe immer wieder mal versucht, mit allgemein verständlichen, nicht zu persönlichen Worten das Hohelied der Liebe zu singen. Es waren und sind meine Gefühle, ehrlichen Überzeugungen und es ist mein Schabernack, den ich hier veranstalte - "Nothing Else Matters", nichts anderes zählt. Für die eigene Überzeugung wird man zwar öfter mal an den Pranger gestellt und öffentlich angepieselt, aber für mich ist das besser als im eigenen Turm zu enden wie weiland Saruman.

 

 

 

Nächste Woche steht im "Miststück" natürlich ein weiterer Wunsch-Song im Mittelpunkt des Geschehens: "Ein Jahr (es geht voran)" von Peter Hein und den Fehlfarben, der für mich besten Band, der das Weltignorantentum den Stempel "Neue Deutsche Welle" aufgedrückt hat. Bis dahin: Nehmt Kieselerde für straffere Haut und festere Nägel und denkt nach, damit das Hirn im Training bleibt. Und wenn ihr Liebeskummer habt: "Nothing Else Matters" von Metallica hilft. Das ist seit 1991 garantiert und zigmillionenfach erprobt. Hardrocker schreiben nun mal die besten Balladen.

 


Manfred Prescher

Metallica: "Nothing Else Matters"

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Enthalten auf dem schwarzen Album (Vertigo/Universal)

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Kommentare_

Kommentar verfassen
carmen - 10.08.2015 : 09.01
Danke für die Musik...
ein letzter Leser - 11.08.2015 : 09.33
Gratuliere, gefügigster Liebespartner von allen - Sie haben gerade ein neues Genre erfunden: "Beleidigte Hetero-Schwuchtel schlägt wild um sich".
ULLA - 15.08.2015 : 17.24
ICH bin entsetzt über den voran gegangenen Kommentar...
Manfred, wo bist DU gelandet?
Manfred - 20.09.2015 : 20.26
Meine beste Liebespartnerin bekennt sich zu ihrer Vorliebe für Heteroschwuchteln, deswegen ist sie ja die beste... :-). Und Ulla, ich bin schon umgezogen, Miststück bedankt sich bei Evolver für zehn Jahre, darauf trink ich ein Achterl...

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