Kolumnen_Miststück der Woche IV/36 - Leserwunsch #46

Michael Jackson: "Thriller"

Wo kommen denn plötzlich all die Zombies her? Und warum taucht Brad Pitt nicht auf, wenn man ihn braucht? Der heutige Wunschsong nahm in seinem Video den Untoten-Hype samt "World War Z" vorweg. Oder wärmte ihn wieder auf - findet Manfred Prescher.    27.07.2015

Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf - und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, daß du nur noch die Welt retten mußt oder daß Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.

 

Was ich so alles schreibe ... und welche Resonanz das wohl hervorruft. Kaum zu glauben, wenn ich ehrlich bin. Es sind freilich nicht immer die betroffenen Hunderl, die bellen, das zeigt sich immer und immer wieder. Nebenbei belegt diese aus mehr als 330 Miststücken herauskristallisierte Tatsache, daß Sprichwörter aus des Volkes Munde nicht immer stimmen müssen. Apropos Resonanz: Unmittelbar nach dem tragischen Unfalltod eines Sohnes des hochgeschätzten Nick Cave wurde mir ins Gesichtsbuch gepostet, daß der leicht schwermütige Künstler doch Schuld an der Tragödie trüge, weil er nämlich durch seine düsteren, blutrünstigen Lieder und Bücher in Resonanz mit dem Unglück gegangen sei. Ich hab´ ob dieses tatsächlich hanebüchenen Blödsinns erstmal geschluckt. Laßt mich das mal von der anderen Seite aus betrachten: Ich schreibe beispielsweise seit Jahr und Tag freundliche, frohsinnstriefende Kolumnen. Da müßte ich doch in Dauerresonanz mit dem Glück sein. Aber Pustekuchen, mir geht es auch nicht anders als euch Unglückswürmern da draußen ...

 

Was das nun wieder mit Michael "the artist bedauerlicherweise formerly not known as Prince" Jackson zu tun hat? Doch so einiges: Glaubt man an die Apologeten des Resonanzgeschwurbels, an Rüdiger Dahlke und Co., dann müßte Jackson spätestens mit dem von John "Blues Brothers"/"Animal House" Landis gedrehten "Thriller"-Video schon mal sachte sein sehr seltsames Dahinscheiden und sein Nachleben als ziemlich untoter Pop-Superstar vorausprogrammiert haben. Wenn das stimmte, würde man doch nur noch "Friede, Freude, Käsekuchen" singen. Den ganzen Tag. Ohn´ Unterlaß.

Lassen wir den ganzen Humbug aber einmal beiseite, so bleibt ein wunderbarer Track mit einem bahnbrechenden Kurzspielfilm übrig. "Thriller" stammt bekanntermaßen aus dem gleichnamigen Über-Album, das sich weltweit mehr als 50 Milliarden mal verkauft hat und noch heute mindestens einmal pro Tag und Wohneinheit aus dem Netz gesaugt wird. Es ist eine von insgesamt 58 Singles, die aus dem Werk ausgekoppelt und in Spitzenpositionen der Charts katapultiert wurden: "Beat It", das Weird Al Yankovic kongenial zu "Eat It" umdichtete, "Billie Jean", "P.Y.T." undundund - Jackson und sein Produzent Quincy, (nein, nicht der triefäugige Gerichtsmediziner ist gemeint) Jones haben das perfekte Album hingekriegt. Daß "Jacko" an dem nicht wiederholbaren Erfolg zerbrach, wissen wir, darüber hab ich auch schon mal geschrieben. Jeder andere wäre froh gewesen, wenn er einmal in seinem Insektenleben eine Hit-LP wie etwa "Bad" herausgebracht hätte. Aber Jackson hat das vermeintliche Scheitern ja schon dadurch angelegt, daß er "Thriller" aufnahm und in Resonanz damit ging. Das würde zumindest Karl Dallke sagen. Daß Jackson einfach eine einfach "geniale arme Sau" war, das ist dem Herrn Doktor wahrscheinlich Jacko wie Hoso.

 

Geschrieben hat "Thriller" übrigens Rod Temperton, den ihr wahrscheinlich gar nicht kennt, weil der immer nur im Hintergrund herumturnt. Er war aber unter anderem auch als Autor für George Benson & Hedges, Anita Baker, Mariah Carey, Donna Summer, nicht aber für Johnny Winter tätig.

Ursprünglich, so wird kolportiert, hätte das Lied wohl "Starlight Love" heißen sollen. Aber was hätte man bei dem Titel dann mit all den kunstvoll dahingeschminkten Zombies anfangen sollen? Sie zurück ans Glockenseil hängen? Und womit wäre Jackson dann in Resonanz gegangen? Mit einem UFO, das ihn auf einen anderen Planeten entführt, wo man ihn dann zwingt, "Heal The World" zu singen oder bei USA For Africa den Ton anzugeben?

Michael Jackson, das ist amtlich, hat uns auf jeden Fall so viele schöne Songs hinterlassen, daß man damit prima in Resonanz gehen, das Tanzbein schwingen oder einfach staunen kann. Weil: Genial ist "Thriller" schon. Das Album samt seinem Titelstück waren der größtmögliche Geschmackskonsens. Es litt zu keiner Zeit darunter, daß Kröti und Blödi darauf standen - die Hipster aller Generationen dürfen bzw. sollten es gut finden.

Gerade eben lese ich, daß der Milliardär Warren Buffett der deutschen Schlagernudel Helene Fischer 100 Millionen Dollar vermachen will, wenn sie mit dem Singen aufhört. Auf den ersten Blick kann man 100 Millionen Bucks natürlich viel offensichtlicher für Weltfrieden, gegen Klimakatastrophe und Barbarei ausgeben. Aber wenn man es mal im sonnigen Tageslicht betrachtet und auf dem schwitzigen Unterarm hin und her rollt, dann wird die Geste doch plötzlich politisch relevant. Ganz nebenbei beginnt man das Resonanzgesetz der Blödheit zu begreifen - und ahnt, daß Buffett tatsächlich mit seiner Gabe an den Weltfrieden denkt. Denn Helene Fischer ist ein biochemischer Kampfstoff, der weite Teile der deutschsprechenden Menschheit in den Niedergang gezwungen hat, "Gedankenlos durch die Umnachtung" eben. Die blonde Neutronenbombe läßt die Körper der Leute unversehrt, sie tapern wie Zombies durch die Gegend. Und das, meine lieben Leser, ist irgendwie sehr grausam. Oder wie schon der große Indianerhäuptling Stinkesocke sagte: "Wenn der letzte Ton von Michael Jackson für immer verklungen ist, werdet ihr merken, daß Helene Fischer mit Musik nichts zu tun hat."

 

 

 

Nächste Woche werde ich an dieser Stelle einen weiteren Wunsch erfüllen - ich schreibe dann über den Mann, der Depeche Mode erfand und sich mit Ferkel Sharkey und Alison Moyet zusammentat, um Synthiepop zu generieren. Es geht um Vince Clarke und "Only You", das so rührend artifiziell ist, daß es schon wieder aufrichtig dahertönt. Es stammt aus demselben Jahr wie "Thriller" - und die dazugehörige LP "Upstairs At Eric´s" ist auch recht schön, aber beileibe kein Monumentalwerk wie die Scheibe von St. Michael. Bis es soweit ist, wünsche ich euch, daß ihr nicht auf falsche Propheten hereinfallt, euch um eure Mitmenschen sorgt und das Leben genießt. Dann ist es auch wurschtegal, ob ihr damit in Resonanz geht.

Manfred Prescher

Michael Jackson: "Thriller"

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Enthalten auf der gleichnamigen CD (Epic/Sony Music)

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