Kolumnen_Miststück der Woche IV/48 - Part II

Mory Kanté: "Yé ké yé ké"

Was eigentlich passiert wäre, wenn nicht der Meteor eingeschlagen hätte und ob wir heute Seite an Seite mit den Happy Dinos leben und sie nicht aus jedem siebten Überraschungsei ziehen müßten, weiß Manfred Prescher nicht. Was zehn Jahre "Miststück der Woche" bedeuten, kann er erst recht nicht sagen.    26.11.2015

Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf - und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, daß du nur noch die Welt retten mußt oder daß Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.

 

Ich ziehe zum Jubiläum keine Bilanz, sondern sage mit einem hoffentlich besonderen Text - zugleich mit den offiziellen Feierlichkeiten - zum Abschied leise "Yé ké yé ké".

Kommt, schenkt mein Glas noch mal ein, mit diesem herrlich süßen "Grapevine" ... Was ich über den Gassenhauer von Marvin Gaye zu sagen hätte, dauert nicht nur eine Zigarette; ich weiß das definitiv, denn ich habe es ausprobiert. Man braucht auch bei anhaltend flottem Eminem-Redefluß mindestens fünf oder sechs Glimmstengel, um den Text in einen gesprochenen Monolog zu verwandeln. Drum ist es besser, daß ihr einfach auf www.kolumnen.de nachlest, was es mit dem Motown-Klassiker auf sich hat.

Ich schlendere derweil ein letztes Mal durch die alte Kinderstube der Kolumne, vor dem geistigen Auge sehe ich noch den Wickeltisch und eine Schachtel mit Windeln, aus denen das "Miststück" aber recht schnell rausgewachsen ist. Besorgte Eltern würden meinen, daß das viel zu schnell war, aber seid unbesorgt, das Ding darf bis jetzt bis zum zehnten Geburtstag in meinem Bett schlafen und sich an meiner Brust einkuscheln. Stubenrein ist es allerdings immer noch nicht, es macht einfach sein Häufchen überall dorthin, wo es gerade steht oder geht. Aber genauso muß es sein. Daß das "Miststück" mittlerweile schon groß ist und es tatsächlich bislang auf rund 350 Ausgaben gebracht hat, verdankt es den Herren Fichtinger und Hiess, die bei der Aufzucht und Hege durchaus auch mal federführend waren. Nun hat Guido Grigat die pädagogische Betreuung übernommen, aber sein Schützling ist ja zur Selbständigkeit erzogen worden, viele Probleme macht er nicht, wenn man mal von den Häufchen absieht.

Als Autor möchte ich mich vom EVOLVER mit einem dreifach donnernden "Yé ké yé ké" verabschieden. Was diese Silben bedeuten, weiß man wahrscheinlich nicht mal in Guinea, von wo aus das von einer Leserin gewünschte Lied anno 1987 ziemlich rasch um den Globus sauste, wieder verschwand, um dann in gefühlt einer Million Remixes wieder aufzutauchen. Party people geben sich mit dem fröhlichen Lied aus Afrika immer wieder die Mory Kanté, der Song funktioniert auf jeder Ü30-Party zwischen St. Öd und Langweiler Förde - und das muß man ihm durchaus zugutehalten.

Der 1950 geborene Kanté hat übrigens eigentlich Balafon gelernt, was ihm zu so einer Art Lionel Hampton aus Guinea macht, denn das Instrument ist wohl mit Vibraphon und Xylophon verwandt. Man kann es durchaus einsetzen, um Menschen zum Tanzen und Springen, Lachen und Singen zu bringen. Das ist dem Künstler auch öfter gelungen: Immerhin elf recht erfolgreiche Alben hat er zwischen 1981 und 2012 aufgenommen, das bekannteste ist "Akwaba Beach" - und das liegt am größten Hit, der bis dato aus Afrika kam, an "Yé ké yé ké". Nur "The Lion Sleeps Tonight" war noch erfolgreicher, aber den Song hat bekanntlich Pete Seeger einem Nigerianer ohne dessen Wissen geklaut, was eine ganz andere, ziemlich traurige Geschichte ist.

 

Meiner bescheidenen Erdkundekenntnis nach gibt es gar keinen Akwaba Beach, mir ist zumindest keiner bekannt - aber ich weiß, daß mir mein Freund Mutaka vor einiger Zeit erzählt hat, daß drunten in Ghana eine Fruchtbarkeitsgöttin namens Akuaba verehrt wird. Von der gibt es Püppchen in allen Größen, aber jede hat doch eine ziemlich seltsame Figur, was den Kleiderkauf erschweren würde. Zylindrisch oder dreieckig ist die Lady, der Kopf meist rund wie der Vollmond, nach dem er wohl auch gestaltet ist.

Irgendwie paßt die Göttin auch zu Kanté und seinem Song, denn der erzählt in recht dürren Worten davon, daß ein Typ eine Frau anbetet. Und im Zweifelsfall sogar einen Neustart mit ihr wagen würde. Mehr steckt zumindest nicht dahinter, und weil man, wie es so schön heißt, ja auch nicht drin steckt, wissen wir nicht, ob die beiden ein Paar geblieben sind und ob die heilige Akuaba tatsächlich beim Familienplanen geholfen hat.

Das geht uns natürlich rein überhaupt nichts an, deshalb verlassen wir diese leicht anzügliche Ebene wieder. Ich zwäng´ mich in meinen Konfirmationsanzug, den ich extra für feierliche Anlässe wie dieses Jubiläum aufgehoben habe, frag´ noch mal kurz meine Therapeutin, warum das "Miststück" einfach nicht stubenrein werden will und ob ein kindliches Trauma dafür verantwortlich ist und ... Ach Moment, wenn ich schon im Anzug meiner evangelischen Christwerdung stecke, muß ich noch loswerden, daß ich jüngst meinen - freilich unabsichtlich geführten - Privatreligionskrieg verloren habe. Beim Rückwärtsausparken fuhr ich einem Holzkreuz entgegen und vergaß, daß der gute Jesus ja wegen Allgäuer Schneemassen und Bergregengüssen ein Dach über dem geschundenen Haupt hat. Dieses fuhr mit Schmackes in die Rückscheibe meines Autos, die dann wie so manche Illusion in unzählige Granulatstücke zerbarst. Dem Sohn des Herrn und seiner hölzernen Bleibe ist nichts passiert. Was er mir damit sagen wollte? Keine Ahnung, er hätte es mir aber gern billiger und verständlicher verklickern können.

 

 

 

Doch zurück zu Kanté: In zehn Jahren "Miststück der Woche" hatten wir schon alles mögliche, eine Isländerin und eine Ukrainerin zum Beispiel, diverse Österreicher oder David Bowie, der ja bekanntlich vom Himmel fiel. Und unter euren Wünschen, die ich seit der Ausgabe Numero 291 erfülle, waren so illustre Menschen wie der "decomposing composer" (Monty Python) Johann Sebastian Bach, Helene Fischer oder Metallica - aber Mory Kanté ist tatsächlich der erste afrikanische Künstler, dem hier die Ehre erwiesen wird, Teil der Kolumne zu werden. Ihr könnt das überprüfen und das alte Zeug auf EVOLVER.at jederzeit nachlesen oder euch das E-Book mit den ersten 200 Kolumnen runterladen.

Die neuen Texte erscheinen bei www.kolumnen.de, dorthin werde ich mich jetzt verkrümeln. Vorher stoße ich noch kräftig mit Jürgen Fichtinger und Peter Hiess an, sag danke, Servus und Baba. Ein "Bussi Baby" gibt´s für jeden von euch für tolle Jahre und reichlich Support. Den Konfirmationsanzug werfe ich in den Container der Heilsarmee. Um es mit Element Of Crime zu sagen. Zur Feier von 20 Jahren "Miststück der Woche" komme ich sowieso im Ramones-T-Shirt.

 

 


Manfred Prescher

Mory Kanté: "Yé ké yé ké"

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Enthalten u. a. auf der CD "Best of" (Barclay/Universal Music)

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