Kolumnen_Unerwünschte Nebenwirkungen

Blödbürger

Dr. Trash empfiehlt: Reißen Sie sich von der Illusion los, daß die Welt vom bösen Bürgertum regiert wird. Daran glauben heute nur mehr unwürdig gealterte Bobo-Literaten und die Feuilletonista in den staatlich gelenkten Mainstream-Medien. Der Rest der Menschheit hat die neuen Kleinbürger längst als die schlimmere Gefahr erkannt - und wendet sich in Scharen von ihnen ab.    22.01.2016

Nein, diesmal kann ich nichts empfehlen - vielmehr muß ich von etwas abraten. Schuld daran sind wieder einmal nur die Verlagsvorschauen, durch deren gedruckte und immer öfter digitale Seiten (ja, die Buchbranche ist im Sparmodus angelangt) der halbprofessionelle Leser sich zweimal jährlich durcharbeitet, weil er wissen möchte, was ihn im nächsten Halbjahr erwartet und was davon er haben will.

Das meiste, soviel sei zugegeben, will er nicht, der Doktor dieser Zeilen. Wozu auch? Es sind sowieso immer dieselben Aufarbeitungen banaler Privattraumata, langweiligen Beziehungs- und Liebesgeschichten, Familiendramen und Erinnerungsschmöker ... und wer den Doc kennt, der weiß längst, daß ihn dieser Schmarrn nicht interessiert. Diesmal aber ist ihm beim Überblättern der Ödnisprospekte etwas besonders sauer aufgestoßen: Da wird der neue Roman einer Autorin angepriesen, die sich ihre Lorbeeren als brav-staatstragende Journalistin verdient hat und deshalb kurz vor den Wechseljahren noch in die literarische Szene einsteigen darf, um verlogene Bestsellerlisten zu erklimmen und bei Preisverleihungen von der Jury, in der sie vor einem Jahr noch selber gesessen ist, das Dreifach Güldene Ehrenband der Deutschsprachigen Selbstbelüger zu kriegen. Der Verlagstexter fabuliert dazu, daß es in ihrem mit ausgiebigem Gähnen erwarteten Werk auf gar meisterliche und keinesfalls schon zehntausendmal dagewesene Weise um die "brüchige bürgerliche Gesellschaft" geht.

Ja, um Gottes willen - ehrlich? Die bürgerliche Gesellschaft ist brüchig? Ja, ist sowas vorstellbar? Und überhaupt: Ist es denn zu glauben, daß es die bürgerliche Gesellschaft tatsächlich noch gibt, mit all ihrer Repression und ihrem Kleingeist, gegen den die Autorin und ihre VorläuferinnenInnen seit gut 50 Jahren ankämpfen? Oder ist es nicht vielmehr so, daß diese verhaßte Autorität nur mehr in den Köpfen der Schreiberlinge, ihrer Verleger und Geldgeber existiert, um ein Feindbild zu haben, ein Potemkisches Dorf, gegen dessen Fassaden man nach wie vor wettert, mit all dem vorgeschriebenen Feminismus, Linksliberalismus und Blödismus, der halt in so einem kleinen Schriftstellerhirn steckt - während draußen die wirkliche Welt aus ganz anderen Gründen den Bach hinuntergeht?

OK, ich verrate Ihnen die Auflösung: Natürlich ist es ein billiges Ablenkungsmanöver, das die neuen Kleinbürger noch ein paar Jahre davor schützen soll, daß die aus den Ghettos ihre Brunnenmarkt-Boboville-Eigentumswohnungen stürmen und sich rächen. Und weil ihnen der Doc die Schonfrist ganz und gar nicht gönnt, verrät er jetzt auch nicht, wie die Autorin und ihr Machwerk heißen. Weil: Jeder Nichtleser zählt!

Peter Hiess

Dr. Trash empfiehlt

(Illustration © Jörg Vogeltanz)


erscheint in gedruckter Form in der höchst empfehlenswerten österreichischen Literaturzeitschrift "Buchkultur" - für Menschen, die beim Lesen noch nicht die Lippen bewegen müssen - und wird zeitversetzt Web-exklusiv im EVOLVER veröffentlicht.

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Ferdinand Undank - 26.01.2016 : 19.28
Wer Eier hat- auch in Form von ganzen Stöcken, lässt sich nicht knechten!

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