Kolumnen_Al Cook im EVOLVER #5

"Der Bus ist abgefahren ..."

Der EVOLVER veröffentlicht die Kolumne, die der heimische Blues-Traditionalist Al Cook jahrelang für eine heimische Website schrieb, auf seinen Seiten neu - nicht nur, damit die Texte nicht verloren gehen, sondern weil sie so gut sind. Diese Folge handelt davon, wie es mit Robert Johnsons "Cross Road Blues" weiterging.    12.10.2018

1936. Der gescheiterte Postkartenmaler aus Braunau eröffnet in Berlin die Olympischen Sommerspiele und muß hilflos zusehen, wie der schwarze Jesse Owens die "überlegene arische Rasse" hinter sich läßt. Indigniert verweigert der "deutscheste aller Deutschen" dem "Nigger" den Handschlag für die Goldmedaille und verläßt blamiert das Stadion.

Ja, sie haben es gelernt, die Schwarzen, wie man den Bluthunden der Klan-Sheriffs entkommt. In jenen Tagen gab es nämlich auch im Süden der USA ein ungeschriebenes Gesetz, das es Farbigen verbot, sich nach Sonnenuntergang noch auf der Straße blicken zu lassen.

 

 

San Antonio, Texas, im November desselben Jahres. Der Großteil von Johnsons Plattenrepertoire ist im Kasten. Er wartet an einer Bushaltestelle, wahrscheinlich an einer Kreuzung, und der Bus kommt nicht oder ist bereits abgefahren. Die Sonne sinkt, Bobby bekommt kalte Schweißperlen auf der Stirn und versucht per Anhalter ins Hotel zu gelangen, wo er während der Aufnahmen untergebracht war. Aber niemand bleibt stehen, weil ihn hier keiner kennt. Im tiefsten Texas wünscht er sich einen Freund - den armen Willie Brown - herbei, der ihm aus dieser Scheiße helfen soll. Resignierend sinkt der scheppernde Robert zu Boden, und in der Tat greift ihn die Highway Patrol auf und wirft ihn in den Karzer. Man zertrümmert seine Gitarre und gibt ihm die Knute. Erst am nächsten Morgen löst ihn der weiße Aufnahmeleiter Don Law aus, und Robert Johnson kann weitermachen.

Tags zuvor hatte er nur eine einzige Nummer aufgenommen, nämlich den "32-20 Blues". Das Leben der Schwarzen war ein permanentes Hasardspiel - und die Pistolenkaliber, über die gesungen wurde, wechselten je nach Interpretation von .44 zu .38 Special.

Was an diesem Tag tatsächlich passiert war, weiß heute keiner mehr. Man sagt, daß Betrunkene die Techniker mit Messern attackiert und die Matrizen mit Billardstöcken zerschlagen haben sollen. Im heute nicht mehr existenten Blue Bonnet Hotel (nicht, wie kolportiert, im Gunter) hatte eine lokale Radiostation eine Etage gemietet, um weiße Country- und mexikanische Tanzmusiker aufzunehmen. Es ist daher höchst unwahrscheinlich, daß Unbefugte Zugang zu den Aufnahmeörtlichkeiten hatten. Wahrscheinlich war man mit der Chuck Wagon Gang, dem Gitarrenduo Andres Berlanga und Francisco Montalvo beschäftigt und hatte für den Gitarrenteufel aus dem Delta nur mehr eine oder zwei Alu-Rohlinge frei.

Als John Hammond sen. Robert Johnson für sein "Spiritual to Swing"-Konzert haben wollte, war Robert schon tot. Don Law witterte da scheinbar Publicity und erzählte die wildesten Schauergeschichten um eine noch irgendwo existierende 30. Nummer, die der Zerstörungswut des Mobs entgangen sein mußte. Offensichtlich stilisierten später halbgebildete Jazz-Journalisten die Legende unfreiwillig zum Mythos hoch - und so wurde der von tausend Teufeln getriebene Robert Johnson zum überirdischen Blues-Idol. Zu seiner Zeit war Johnson nichts als ein postpubertärer Herumtreiber, der sich laut Johnny Shines´ Schilderungen besoff und ein "Hosenpisser" war. Son House bezeichnete ihn als "Monkey Man", also einen, der solange vor den Weibern herumscharwenzelt, bis er bekommt, was er will, und sich dann wortlos aus dem Staub macht (siehe "Walking Blues").

 

Aber zurück zum "Cross Road Blues":

Die Plattenfirmen verlangten damals, daß man wenigstens vier selbstkomponierte Stücke vorweisen mußte, um zu einer Aufnahme zu kommen. Das melodische Repertoire der meisten Bluessänger war auf zwei oder drei Muster beschränkt, die sich nur durch den Textinhalt unterschieden. Im Blues spielt die melodische oder stilistische Vielfalt eine untergeordnete Rolle. Das Instrument hat nur die Funktion eines den Sänger bestätigenden Gesprächspartners. Wie heißt es doch: "He makes his guitar talk." Die superschnellen Gitarrenfuzzis, die glauben, das Griffbrett mit einer Rennbahn verwechseln zu müssen, sind also zumindest in der Bluesmusik auf dem Holzweg - und mein Ausdruck "Monza-Gitarrist" trifft auf diese Leute sicher zu.

 

 

Damals wollte man von Schwarzen nur Blues aufnehmen; womit assoziierte man den Cotton-Picker denn sonst? Also mußte noch eine deftige Bluesnummer her. In dieser Situation mag Robert noch der "Cross Road Blues" eingefallen sein - und so wurde ein sogenannter Studiosong draus. Kein Zeitgenosse kann sich daran erinnern, daß er die Nummer je live gesungen hätte. Roberts Hit war zu der Zeit der "Terraplane Blues"; gut kamen auch die aktuellen Tagesschlager wie "How Long Blues" und ein paar Ragtime-Stücke an, wie z. B. das total aus der Art schlagende "They´re Red Hot" beweist. Wie heute versuchten die Bluessänger schon in jenen Tagen, ihr Publikum zu unterhalten, indem sie sich möglichst an das Vorbild der Stars aus den Großstädten hielten.

Der Gitarrist Lonnie Johnson war ein allseits bewunderter Capo auf seinem Instrument. Robert bezeichnete ihn frech als "Cousin", da er wie sein berühmter Namensvetter klingen wollte. Er nahm zwei Nummern in Lonnies Stil auf, mußte aber dabei seinen aggressiv-schneidenden Gesang an Lonnies selbstmitleidig klingende Stimme anpassen. Das Ergebnis waren zwei etwas jämmerlich geratene Imitationen, nämlich "Malted Milk" und "Drunken Hearted Man". Robert konnte tun, was er wollte - Schwarz und Weiß liebten seinen "Terraplane Blues" einfach am meisten.

Wie es mit der Odysee des Teufelsmärchens an der Kreuzung weiterging, das werde ich euch in der nächsten Folge erzählen.

 

Euer Al Cook

(The White King Of Black Blues)

Al Cook

Al Cook im EVOLVER


Unverfälscht, traditionsbewußt und weitab vom Kommerz-, Radio- und Social-Media-Mainstream: So wie Al Cook Musik macht, schreibt er auch - und zwar exklusiv im EVOLVER. Lesen Sie hier seine sehr persönliche Einführung in die Welt des authentischen Blues-Genres und seiner Position im populärkulturellen Musikgeschehen.

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