Kolumnen_Rez gscheid!

Ausländer

.... fühlen sich zwar traditionell in Wien sehr wohl, haben jedoch manchmal gewisse Schwierigkeiten, sich mit den Eingeborenen zu verständigen. Hier helfen wir - proletarisch korrekt, wie immer. In dieser Ausgabe: Was man für einen Briten und einen Berliner tun kann.    13.11.2008

"Languages matter!" weiß die United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization, kurz: UNESCO. Deshalb hat sie das Jahr 2008 zum internationalen Jahr der Sprachen erklärt.
Unser Sprachexperte Dr. Seicherl erklärt mit und widmet sich dem Österreichischen, genauer gesagt: der proletarisch korrekten Sprache im Alltag. Warum? Das erfahren Sie hier.


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Dear Dr Seicherl,


since my young wife and I moved to Vienna, we have often been subjected to inappropriate advances from local lads when we go out together. Can you tell me a fitting riposte which could be used in this kind of situation?


Yours sincerely
Alistair Quinley

 

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Dr. Seicherl antwortet:

Dear Mr Quinley,


to solve your problem, I’d suggest the use of the following phrase:


Ers laim es carvoonsh conce-hairt! Sespuenes nad, duss ba-ear voss eykne-ged.


The approximate meaning is: "Life´s not all cakes and ale - no way you´ll hook up".


Best wishes
and a pleasant stay in Vienna

Dr. S

 

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Translation/Gebrauchshinweise:

Ein Gentleman in Begleitung seiner - offenbar gutaussehenden - jungen Frau goutiert penetrantes Anbraten natürlich ebensowenig wie die Adressatin. Ihm eine ortsübliche Replik nahezulegen, wäre problematisch (z. B. "Sog amoi, bist komplett gstört - wannst di ned ganz schnö schleichst, kriagst an tschuk, daßd muagn no reast!"); die oben empfohlene Antwort ermöglicht es einem Angesprochenen, sich ohne Gesichtsverlust zurückzuziehen.
Es lebm is ka wunschkonzert - se schpüns ned, daß bei ihr wos eineged: Die Schlußsequenz ist nicht im Wortsinne physisch zu interpretieren. Daß "etwas hineingeht", wird ganz allgemein zur Beschreibung erfolgreicher Interventionen verwendet.

 

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Lieber Herr Dr. Seicherl,

 

vielen Dank für Ihre Sprachkritik, die ich grandios finde. Unaufgefordert schicke ich Ihnen eine Frage, die sich bei meinem letzten Wien-Besuch im Juni ergeben hat: Als Deutscher stehe ich ja ohnehin oft da wie der Ochs vorm Berge, wenn die Eingeborenen mit mir reden. "Ciao baba", "Gestern hab i mi wieder abghaut" und "goschert" kennt man ja. Aber als mich an jenem Abend auf der Mariahilfer Straße ein Penner angerempelt hat und als Sausack und als fetten Senkschädel (?) beschimpft hat, konnte ich nichts entgegnen. Wie sage ich formvollendet auf Österreichisch/Wienerisch:


Sie flegelhafter Rüpel. Ihre Eltern haben wohl an der Vermittlung der Manieren gespart? Unerhört!

 

Danke für die Mithilfe,


B. Denes (Berlin)

 

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Dr. Seicherl antwortet:

Sehr geehrter Herr Denes,


da die von Ihnen zitierten Verbalinjuria keineswegs zum geläufigen Repertoire zählen, handelte es sich bei dem präsumtiven Sandler vermutlich nicht um einen Wiener (was auch das ungehobelte Benehmen erklären könnte).
Einem solchen würde man in der genannten Situation "Schleich di, gschissana!" bescheiden. So Sie es dennoch mit Ihrer Erwiderung versuchen möchten, lautet die Übersetzung näherungsweise:


"Heast gsöchta, vu wos fia an bam homsn di obegschittlt? Ii man ii dram!"


Mit besten Empfehlungen,


Dr. S

 

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Translation/Gebrauchshinweise:

= "Höre, Geselchter - von welch einem Baum hat man dich denn heruntergeschüttelt? Ich vermeine zu träumen!"
Die Anrede gsöchta off kann hier verkürzt werden, da im Folgenden eindeutig auf das als unzureichend qualifizierte evolutionäre Niveau eingegangen wird; ein adäquater Dialektausdruck für "Flegel" oder "Rüpel" existiert nicht, da sich der Wiener stets korrekt zu benehmen weiß.
Sandler, das Peiorativum für Obdachlose, leitet sich im Österreichischen nicht von "schlafen" ab (bdt.: pennen), sondern von "am sand" ( = "am Boden zerstört"; lt. H. C. Artmann ein Begriff aus der Tauromachie).

Zu den beschriebenen Anwürfen wäre festzuhalten, daß weder "Sack" noch "Senk..." besonders Wienerisch sind. Ersteres ist eine Abbreviation von "Pfeffersack" (abschätzig für "reicher Händler" - als Gewürze noch teuren Luxus darstellten) - in Österreich ungebräuchlich; es sei denn, in anderem Zusammenhang, wie bei sackerl (bdt.: Tüte) oder sakkl (Sakko). Ähnliches gilt für die Silbe "senk", die man hier allenfalls in nautischem ("schifferlvasenkn"), medizinischem ("senkl" - veraltet: Geschwür) oder motorischem Kontext gebraucht ("rennan wiara gsengte sau"). Und fett definiert einen Zustand fortgeschrittener Trunkenheit; Leibesfülle hingegen wird mit blad beschrieben (von "[auf-]gebläht").
Nebenbei: Hierzulande steht man im Falle der Ratlosigkeit nicht vor einem Berg, sondern vielmehr "wia da ochs vuam tor" (wobei selbiges verschlossen zu imaginieren ist).

Dr. Seicherl

Rez gscheid!

Proletarisch korrekte Sprache im Alltag


Sie haben spezielle Fragen? Sie interessieren sich für die Herkunft einer Phrase? Sie haben keine Ahnung, was Ihnen Ihr unhöflicher Nachbar zu den unmöglichsten Tageszeiten zuruft? Zögern Sie nicht - schreiben Sie Dr. Seicherl unter Dr.Seicherl@gmx.net.

Links:

Kommentare_

Emmerich Schober - 17.11.2008 : 18.54
Sehr geehrter Herr Dr. Seicherl!
Vor kurzem wurde mir in einer halbintimen Situation beschieden, daß daraus keine vollständig intime Situation werden könne, weil "die rote Tant da" sei. Nun kenne ich zwar diese Redewendung und weiß auch, was sie bedeutet - nur hätte ich doch gern was Gscheites darauf zu erwidern gewußt, statt einfach nur verlegen zu stammeln und das Hosentürl wieder zuzumachen. Daher meine Frage an den Experten: Wer ist die "rote Tant"? Wo kommt sie bzw. dieser Ausdruck her?
Mit freundlichem Gruße,
Emmerich Schober
Dr.Seicherl - 21.11.2008 : 23.45
Sehr geehrter Herr Schober,

ich fürchte, Ihnen nicht behilflich sein zu können.
Da Sie schreiben, die Bedeutung der Redewendung zu kennen ("Rote Tante" = Menstruation), scheint linguistischer Rat nicht vonnöten. Über die biologischen Hintergründe des weiblichen Monatszyklus' informieren Sie Ihr Arzt oder Apotheker, und die Erörterung substitutionsgeeigneter Praktiken fällt auch nicht in mein Ressort.
Eine mögliche Erwiderung wäre <mocht nix, mei wäsch woscht eh die mama>. Sie sollten zuvor jedoch bedenken, daß Argumenten wie "Regel" oder "Kopfschmerzen" oft andere Überlegungen zugrundeliegen.
(Anmerkung: im antiken Griechenland war die Göttin der Morgenröte als "Eos rhododaktylos" - die "rosenfingrige Eos" - auch für besagtes Thema zuständig.)

Mit freundlichen Grüßen
Dr.S
Frank - 22.11.2008 : 14.11
Sehr geehrter Herr Dr. Seicherl,
so weit ich weiß, kommt der Begriff Sandler bzw. "am Sand" von den Ziegelein u.a am Rande von Wien. Der "Sandler" hat die Ziegelformen mit Sand bestreut, um ein verkleben des Lehms mit derselben zu verhindern. Diese Arbeiten wurden meist von ungelernten Zuwanderen verrichtet, aber auch von Leuten, die sich auf diesen Fertigkeitslevel "heruntergesoffen" hatten. Wer also "am Sand" war, hat nur noch wenig verdient, der zugewanderte Sandler hat mangels Unterkunft gerne unter Brücken genächtigt.
Mit freundlichen Grüßen
Frank
Piefke, i.p.i. seit 1999

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