Kolumnen_Rez gscheid!

Juden und Alemannen

Wien war immer schon eine Stadt der vielen Völker. Zentrale Kulturgüter wie Küche oder Sprache verdanken das Ortstypische gerade den Beiträgen der Zugezogenen. Manche unter ihnen dürften hier jedoch nie heimisch werden.    11.03.2010

"Languages matter!" wußte die UNESCO, als sie das Jahr 2008 zum "International Year of Languages" erklärte. Wir meinen: Ein Jahr ist längst nicht genug. Unser Sprachexperte Dr. Seicherl widmet sich daher weiterhin dem Österreichischen, genauer gesagt: der proletarisch korrekten Sprache im Alltag. Warum? Das erfahren Sie hier.

 

Wienerisch im Alltag:  Dr. Seicherls gesammelte Lebenshilfe finden Sie hier.

 

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Sehr geehrter Herr Dr. Seicherl !

Als mich - der ich den Dienst an der Waffe verweigerte - die hiesige Bürokratie in ihrer unergründlichen Weisheit meinen "Zuvieldienst" bei der Polizei ableisten ließ, bekam ich von den lieben Kindern, deren Schulweg ich zu sichern hatte, so manches zu hören. Einer der Sprüche lautete: "Abara Kadabara, a Kiebara is ka Hawara". Der Sinn war mir schon klar. Aber was mich interessieren würde: Wo kommen diese Synonyme für "Polizist" und "Freund" her?

Mit Dank und besten Grüßen,
Andreas Krupica

 

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Dr. Seicherl antwortet:

 

Sehr geehrter Herr Krupica,

Sie werden möglicherweise erstaunt sein, zu hören, daß beides aus dem Jiddischen stammt. Nähere Erörterungen und weitere Beispiele finden Sie im folgenden.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. S

PS: Ihr Nachname kommt übrigens, wenn Sie mir diese Abschweifung gestatten, aus dem Tschechischen und bedeutet soviel wie "Grießbrei"; vermutlich im Sinne von "der gerne Grießbrei ißt" (vgl.: Prohaska = Spaziergang/Spaziergänger).

 

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Erläuterungen:

 

Jiddisch ist die Sprache der Aschkenasim, wie die Juden Zentral- und Osteuropas genannt werden (im Unterschied zu den Sephardim der iberischen Halbinsel). Es basiert auf dem Mitteldeutschen und birgt semitische ebenso wie slawische und andere Elemente.
Auch im Wienerischen hat es zahlreiche Spuren hinterlassen. So leitet sich der kibara nicht, wie manchmal erklärt wird, vom mittelhochdeutschen kîben ab (= schimpfen), sondern vom jiddischen kowo (= Bordell); noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Kommissare der Sittenpolizei in Wien Kuberer genannt. Der habara wiederum ist auf das gleichbedeutende chawer zurückzuführen.
Weitere geläufige Beispiele für jenes linguistische Erbe sind (um nur einige wenige anzuführen):


chuzpe: Dreistigkeit (chuzpah)
ezes: Ratschläge (ejzes)
masn: Glück (massel)
rebbach: Gewinn (rewech)
schachan: handeln, feilschen (sachar)
schdus: Unsinn (stuß)
zores: Schwierigkeiten (zore)


Was letzteren Fall betrifft: zore bedeutet eigentlich "Unglück". Da für den Wiener ein solches jedoch niemals allein kommt, kennt er zores nur im Plural. Die scheinbar fatalistisch-misanthropische Grundhaltung ist gleichwohl essentieller Bestandteil des Wiener Humors. Und man braucht nur die Geschichte des Kabaretts zu betrachten, um zu verstehen, warum selbst der örtliche Archetypus schlechthin - der schmäh - jüdischen Ursprungs ist (schemá = Erzählung, Gehörtes).
[Hinweis: Kabarett wird in Österreich getreu dem französischen Ursprung cabaret ausgesprochen. Das "Kabbarätt" - womöglich gar auf der ersten Silbe betont - existiert nur in Deutschland (und klingt dort auch so).]

Anmerkung: Die Beschreibung mies (von: miuss = Abscheu) soll eines der Lieblingsadjektiva von Adolf Hitler gewesen sein. Dr. Wehle schreibt dazu: "Wenn der gewußt hätte, daß er Hebräisch sprach!"

 

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Lieber Herr Doktor Seicherl,

ich arbeite als Ausstellungsbauer im Kunstgalerie-Ableger einer großen Versicherung. Obwohl ich gute Arbeit leiste, nörgelt mein Chef ständig an mir herum. Er ist aus Vorarlberg, und ich verstehe ihn oft nicht. Hätten Sie vielleicht einen schönen Spruch für mich, mit dem ich ihm Manieren beibringen kann?

Schöne Grüße,
Chritoph Oberhauser

 

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Dr. Seicherl antwortet:

 

Sehr geehrter Herr Oberhauser,

es tut mir aufrichtig leid, doch gegen Ihr Problem ist im Wienerischen kein Kraut gewachsen. Ihr Vorgesetzter entstammt einer Volksgruppe, deren Mentalität der hiesigen so fremd ist, daß selbst Beschimpfungen nur "Perlen vor die Säue" wären (Mt.7,6). Humorlosen Menschen ist auch mit Charme nicht beizukommen. Im Interesse Ihres Seelenheils kann ich Ihnen nur raten, sich einen anderen Arbeitgeber zu suchen. Ihr Abschiedsgruß mag dann

moch di wöd schena und heng di auf

lauten oder ähnlich; es steht jedoch zu erwarten, daß besagter Herr selbst das nicht verstehen wird.

 

Mit freundlichen Grüßen
und herzlicher Anteilnahme
Dr. S

 

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Anmerkungen:

 

Schon sprachlich haben die Bewohner des westlichsten Bundeslandes kaum etwas mit dem Rest Österreichs gemeinsam. Ihre Mundart zählt als einzige zu den alemannischen Dialekten, wie sie ähnlich auch in Teilen der Schweiz oder Baden-Württembergs verwendet werden.
Seit mehr als 800 Jahren verweigern sich die Alemannen beispielsweise der neuhochdeutschen Diphthongierung, einem Lautwechsel, der im Gebiet des heutigen Kärnten und der Steiermark seinen Ausgang nahm und Langvokale wie î und û zu Zwielauten entwickelte ("ei"/"au"). Auch mit anderen komplexen Modernismen steht man im "Ländle" noch auf Kriegsfuß, etwa dem Imperfekt. Heißt es bei uns i woa, formulieren Vorarlberger i bin gsii - eine Marotte, die ihnen den Spitznamen xiberga eingetragen hat.


Zur Sprachbarriere gesellt sich die Geisteshaltung jener, die vermeintlich vor dem Arlberg wohnen und mit dem Rest dahinter nur deshalb zu tun haben, weil die Schweiz 1919 dankend auf den Anschluß des "Kanton Übrig" verzichtete. Nicht allein semantisch gibt man sich konservativ: In der streng katholischen ÖVP-Hochburg sind Kindergärten selten (die Mutter soll am Herd stehen), österreichische Bundespolitiker unerwünscht (man weigerte sich erfolgreich, ein Bodenseeschiff auf den Namen "Karl Renner" zu taufen) und Bordelle offiziell verboten (wenngleich man mit den Eidgenossen gute Geschäfte macht, die wegen der niedrigeren Preise zur Unterhaltung herüberkommen).
So stellen denn die Lichter der verhaßten Hauptstadt für viele eine Verlockung dar; heimisch werden die Aussiedler hier allerdings nie. Es ergeht ihnen wie manch anderen Traditionalisten, etwa aus dem islamischen Raum: sie konsumieren die Freiheiten und schmähen im Herzen die babylonische Dekadenz. Seltsamerweise findet man Vorarlberger in Wien häufig im Dunstkreis von Kunst und Kultur, wo sie es - als zumeist geschmeidige Diener ihrer Herren - zu Bereichsleitern von Ausstellungshäusern, Museumsdirektoren oder Chefredakteuren von Stadtzeitungen gebracht haben.
Dem gemeinen Wiener jedoch bleiben sie fremd - weniger, weil für ihn Phrasen wie i han gseet, i han gseaha oder i han ghaa genausogut Thai sein könnten (wien.: i hob gsogt/i hob gseng/i hob ghobt). Es ist mehr das offenbar "ländlerisch"-spezifische Unvermögen, mit feinsinnigem, doppelbödigem Witz zurechtzukommen, welches hierorts für Befremden sorgt. Wo selbst Schweizer zur Selbstironie fähig sind, wirken Vorarlberger ähnlich verklemmt wie Deutsche - und wer schmähstad ist, hat in Wien ausgschissn.


[Nachsatz: Selbstverständlich gibt es, wie überall, auch hier rühmliche Ausnahmen. Wer etwa freiwillig für den EVOLVER arbeitet, beweist schon allein damit eine gehörige Portion Humor.]

Dr. Seicherl

Rez gscheid!

Proletarisch korrekte Sprache im Alltag


Sie haben spezielle Fragen? Sie interessieren sich für die Herkunft einer Phrase? Sie rätseln darüber, was Ihnen Ihr bodenständiger Nachbar letztens zurief?

Zögern Sie nicht -  wenden Sie sich vertrauensvoll an Dr. Seicherl!

Schreiben Sie ihm unter Dr.Seicherl@gmx.net, oder verfassen Sie einfach einen Kommentar.

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