Kolumnen_Unerwünschte Nebenwirkungen

Familientragödie

Dr. Trash empfiehlt: Wenden Sie sich dem Verbrechen zu - was anderes bleibt einem heutzutage ja gar nicht über. Vergessen Sie aber banal-zeitgeistige Straftaten wie Wahlbetrug oder "Hass-Postings" (das Unwort des Jahres). Studieren Sie lieber die Taten der klassischen Serienmörder und besinnen Sie sich auf eine Zeit, als der Wahnsinn noch Methode hatte.    17.10.2016

Der Doc hat schon Bücher und Artikel über wahre Verbrechen gehortet, als man den Begriff "True Crime" hierzulande kaum kannte. Ganze Regale voll - schließlich galt es, Kriminalisten und Kriminalautoren bei der Aufklärung bzw. Konstruktion ihrer Fälle hilfreich zur Seite zu stehen. Mit Daten, Fakten und Anekdoten über Serienmord, die Axt im Haus und stark gifthaltige letzte Mahlzeiten.

Heute sind die Archive der Greueltaten im Internet zu Hause, und es gibt keinen Mord, kein Gewaltverbrechen und keine Schrift irrer Massenmörder mehr, die sich nicht online findet. Ob das die Welt besser macht, das weiß der Doc nicht, doch er vermutet, daß manche Informationen besser weiterhin nur einem kleinen Kreis zugänglich gewesen wären ...

Nichtsdestotrotz fühlte sich ein deutscher Zeitschriftenverlag bemüßigt, im Zeitalter der "Wissenshefte" (schon interessant: Je dümmer und ungebildeter die Leute werden, desto mehr Illustrierte mit nutzlosem, aus dem Zusammenhang gerissenem und einseitigem "Wissen" setzt man ihnen vor) eine einschlägige britische Publikation in einer Lizenzausgabe herauszubringen. Sie heißt Real Crime und ist so aufgemacht, wie man sich das vorstellt: sensationsgeile Überschriften ("Die abgetrennten Köpfe von Motorcity", "Killercops", "Amoklauf im Postamt"), grelles Layout und nicht allzu grausliche Photos, damit das Blättchen über dem Ladentisch verkauft werden darf.

Die Coverstory der Premierennummer trägt den Titel "Mörder - Maniac - Manson" und handelt von dem Mann, der das unsägliche Blumenkinder-Zeitalter beendete. Die Autorin ist eine (laut Porträtphoto geschlechtsverwirrte) Dame namens Dr. K. Charlie Oughton, die unter anderem auf "Genderstudien" spezialisiert ist, also eine Nichtwissenschaft mit religiösen Anklängen. Ebenso religiös zitiert sie in ihrer Manson-Abhandlung die krausen Ansichten des damaligen Staatsanwalts Bugliosi und stellt den alten Charlie als genau den Dämon hin, der seit nunmehr fast 50 Jahren für Schlagzeilen herhalten darf. Die neuen Erkenntnisse über den Fall, die Nikolas Schreck in seinem Mammutwerk The Manson File (World Operations; bestellen bei: www.nikolasschreck.eu) preisgibt - nämlich, daß es sich bei den berühmten Morden um gescheiterte Hollywood-Drogendeals handelt - läßt sie dafür völlig weg.

Etwa auf diesem Niveau spielt sich auch der Rest der Zeitschrift ab. Das wäre für Fans durchaus erträglich, wenn die Herausgeber nicht den Fehler gemacht hätten, zur Übersetzung der Beiträge offenbar eine Gratis-Internet-Software heranzuziehen und die Texte dann von einem funktionellen Analphabeten bearbeiten zu lassen. Und das ist ein Verbrechen, das sogar den Doc anwidert.

Dr. Trash

Dr. Trash empfiehlt

(Illustration © Jörg Vogeltanz)


erscheint in gedruckter Form in der höchst empfehlenswerten österreichischen Literaturzeitschrift "Buchkultur" - für Menschen, die beim Lesen noch nicht die Lippen bewegen müssen - und wird zeitversetzt Web-exklusiv im EVOLVER veröffentlicht.

Links:

Karma-Chamäleon

Nikolas Schreck: Porträt


Er war Bluttrinker, Teufelsanbeter, Deathrock-Musiker, bester Freund des berüchtigtsten Mörders der USA, Magier und Schwiegersohn des Gründers der Church of Satan: Nikolas Schreck. Heute lebt der Mann mit dem vielsagenden Pseudonym in Berlin - und ist gläubiger Buddhist.
Eine Inszenierung in zwölf Akten.

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Pestgruber

Dr. Trash verordnet: Meiden Sie staatlich finanzierte Kunstprojekte, die eh nur den Zweck haben, Ideologie zu vermitteln oder dem Volk hirnlosen Blödsinn vorzusetzen, den es wie des Kaisers neue Kleider nicht mit Namen nennen darf. Setzen Sie lieber auf die Werke kreativer Menschen, die sich A. für Arbeit nicht zu schade sind und B. ein Herz für Trash haben. Der Doc hat nämlich auch ein Herz für sie.  

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