Kolumnen_Depeschen aus der Provinz/Episode 2

Wienwoche? Nein, danke!

"Won´t you tell me - where have all the Gscherten gone?" Nach Wien natürlich. Deswegen will man ja raus aufs Land.    12.03.2018

Letztens hatte ich in Wien zu tun.

So ist das leider, wenn man in der Provinz wohnt: Für ein paar Erledigungen muß man dann halt doch die einzige Großstadt Österreichs aufsuchen. (Deshalb habe ich auch nie Kärntner Bekannte verstanden, die zu mir sagten: "I foah lei noch Wien ausse!" Darauf konnte ich nur entgegnen: "Nein, du fahrst nach Wien eine. Ausse fahrt ma zu dir!")

Wo war ich? Ach ja, in Wien. Drinnen. An einem heißen Frühsommertag im Ringwagen, zu einem Fahrkartenpreis, mit dem man früher einen halben Tag Hochschaubahn hätte finanzieren können. Im wie immer ungelüfteten Waggon eine Klasse Schulkinder aus der tiefsten Steiermark, die fröhlich bellten und dafür von ihrer Begleitlehrerin angebrüllt wurden: "JETZT SEIDS DOCH ENDLICH EIN BISSL LEISER, DA SIND JA NOCH ANDERE LEUTE IN DER STRASSENBAHN!" Ihre Stimme ließ die Fensterscheiben erzittern und besagte andere Leute aus den Ohren bluten. Und ich dachte bei mir: Wienwoche. Die schlimmste Erfindung seit der Atombombe.

Schon in jungen Jahren rief ich stets Gott oder sonstwen da oben an und klagte: "Bitte, um Himmelswillen, bringt´s doch die nicht alle nach Wien und zeigt´s ihnen was! Die wollen ja dann irgendwann da her!" Und recht hatte ich, wie so oft. Während wir Hauptstadtschüler zu "Schullandwochen" irgendwo in die Einöde verschickt wurden und uns daraufhin feierlich schworen, niemals wieder die Heimat der Gscherten aufzusuchen, kamen und kommen die Gscherten massenweise nach Wien. Zum Arbeiten, Foaaaatgehn und vor allem zum Studieren. Gasthäuser, Kulturinstitutionen und Redaktionen sind voll von ihnen.

Manchmal, als ich noch nicht dort wohnte, wo ich jetzt wohne, kam ich mir in meinem Bekanntenkreis vor wie der einzige Wiener. (Jetzt bin ich der einzige.) Schon vor 30 Jahren saßen in den Szenelokalen obergscheite Vorarlberger, die den Umliegenden – glauben Sie mir, es waren Umliegende, wenigstens ab einer gewissen Uhrzeit – in ihrem sinnlosen Dialekt erklärten, daß in Wien absolut nichts los sei und daß man nach New York müsse. "Geh bitte, schleicht´s euch", sagte ich damals zu denen. "Ich geb´ euch einen Hunderter für den Flug." Und ja, sie flogen, versagten und kehrten mit eingezogenen Schweifen ins Ländle zurück. Oder nach Wien, wo für Versager aus den Bundesländern immer Platz ist. Nun treffen sie sich alle paar Tage am Westbahnhof, diese Überbleibsel von den Wienwochen der vergangenen Jahrzehnte, und starten als nützliche Idioten (nein, ich weiß auch nicht, wozu sie nützlich sind), eine Demo mit schlechten Parolen und einem gscherten DJ, der sich originell "Almdudler" nennt.

Begreifen Sie jetzt, warum es da draußen in der Provinz so angenehm ist? Weil die alle nicht mehr da sind. Und weil sie auch nicht mehr zurückzukommen brauchen. Ihre Eltern wollen sie nämlich nicht mehr - und ich schon gar nicht.

Peter Hiess

Depeschen aus der Provinz


Peter Hiess lebte mehrere Jahrzehnte in Wien. Dann entschloß er sich, in die Provinz zu übersiedeln. Wie sich das anfühlte, erfahren Sie hier.

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