Kolumnen_Unerwünschte Nebenwirkungen

Suchkranke

Dr. Trash verordnet: Leben und arbeiten Sie nicht suchmaschinenoptimiert! Sonst sind Sie dazu verurteilt, wie Sisyphos - der auch nie den Mut hatte, den Stein einfach sausen zu lassen - immer dasselbe zu machen, ewig und für alle Zeit Dinge aufzuwärmen, die schon zehntausendmal da waren. Und das will niemand. Lesen Sie lieber was Neues, das ein altes Thema gekonnt variiert.    28.03.2018

 

"Herr Dresch?"

"Trash. Doktor Trash. Sie wünschen?"

"Ich hätte da einen interessanten Vorschlag für Sie."

"Nein, danke, wir kaufen nichts. Auf Nimmerwiederhören."

"Halt! Darum geht´s doch gar nicht! Ich möchte Ihnen einen Job anbieten - auf unserer Öko-Plattform."

"Eine Ölplattform? Das ist nichts für mich. Ich bin wasserscheu, höhenängstlich und hasse Schmutz. Begrü…"

"So hören Sie doch, Herr Doktor! Es geht um eine Öko-Plattform."

"Ach so? Und was soll das sein?"

"Eine Internet-Präsenz ..."

"Ein nichtssagender Begriff jagt den anderen. Wenn Sie nichts Konkretes zu sagen haben, wird das nichts. So wie ich das verstehe, verkaufen Sie also Inhalte übers Netz - für Rotgrün-Gefärbte, Umweltromantiker und schlechtgekleidete Gemüsejunkies. Stimmt das? Und wissen Sie auch, daß solche Leute geizig sind oder von vornherein kein Geld haben?"

"Ja, das wissen wir natürlich, deswegen schenken wir ihnen den Content auch. Artikel darüber, wie man aus Kaffeesatz ..."

"... die Zukunft weissagen kann ..."

"Geh wo! ... wie man aus Kaffeesatz Pflanzendünger macht, aus gebrauchten Papierservietten Windeln für den Ökosäugling und aus Oberschenkelreibungsenergie garantiert atomkraftfreien Strom. Solche Sachen halt."

"Gar nicht so interessant. Bei Ihren Texten scheint es vor allem darum zu gehen, wie man aus potentiell sinnvoll verbrachten Arbeits- und Denkstunden vergeudete Lebenszeit macht. Gschaftlhuberei für Studierenten und andere Leute, die zuviel Zeit haben. Kurz: grober Unfug, der um die sinnlosen Kommentare der deutschsprachigen Vegantifa buhlt. Dazu brauchen Sie mich nicht. Unfug machen andere besser."

"Sie sollen ja auch nichts schreiben, sondern als Redakteur bei uns arbeiten. Die Geschichten, die reinkommen, sind nämlich oft so sagenhaft schlecht."

"Warum? Arbeiten Sie nicht mit Profis zusammen?"

"Naja, also ... nein, eher mit Langzeitarbeitslosen, Hausfrauen und besagten Studenten. Und die meisten von denen lernen es nie, wie wir mittlerweile feststellen mußten."

"Und was zahlen Sie diesen bedauernswerten Kreaturen?"

"10 bis 15 Euro pro Artikel - inklusive Photobeschaffung und Einpflegen in unsere Datenbank."

"Pfui! Schämen Sie sich. Dafür können Sie nicht nur keine Qualität erwarten, sondern auch ein paar Myriaden Jahre im Fegefeuer."

"Ähem. Nun ja. Ursprünglich haben wir ja 100 bis 150 Euro pro Story bezahlt, da waren die Autoren auch besser - aber dann wurde von oben ein norddeutscher Geschäftsführer eingesetzt, und ..."

"Alles klar. Der Auftragskiller aus dem Piefkeland. Der Einsparer. Der Rationalisierer. Hat schon die besten Redaktionen - zu denen ich die Ihre freilich nicht zähle - abserviert und sogar halbwegs interessante Publikationen in unlesbaren Wort- und Bildmüll verwandelt."

 

"Ich darf dazu nichts sagen. Außer eventuell, daß wir Ihnen natürlich mehr bieten würden - so um die 2000 Euro netto."

"Genieren Sie sich schon ordentlich? Ich hoffe es. Ein besser bezahlter Professioneller, mit dem Sie die Ausbeutung einer Horde Halb- und Unbegabter rechtfertigen wollen? Obwohl Sie wissen, daß aus denen nie was werden kann, bei diesem Hungerlohn?"

"Entschuldigung, mir ist da was ins Auge gefallen. Und dieser Schnupfen ..."

"Holen Sie sich ein Taschentuch. Und dann erzählen Sie mir, wie Sie die Themen auswählen für Ihre Eselsplattform."

"Öko!"

"Ein und dasselbe. Also."

"Wir verwenden Google. Wir lassen uns die Begriffe und Phrasen auswerfen, die am häufigsten gesucht und gefunden werden. Danach orientiert sich unsere Themenwahl."

"Na bravo! Sie bedienen sich also an aufgewärmten sogenannten Inhalten und Geschichten, die alle schon x-mal da waren. Und produzieren dann genau dasselbe noch einmal."

"Nicht genau. Unsere Autoren und -innen sollen schon ein bißchen selber nachdenken. Allerdings müssen sie einen bestimmten Prozentsatz an Google-Suchworten in den Text einbauen, damit der im Internet auch gut gefunden wird."

"Und wenn ein oder eine InnenInnen eine eigene oder - man traut es sich kaum zu sagen - neue Idee hat?"

"Dann müssen wir die ablehnen. Was bei Google nicht massenhaft vorkommt, gibt es nicht."

 

"Nehmen Sie Antidepressiva? Gehen Sie zweimal wöchentlich beichten, um mit dem Gewissensdruck fertigzuwerden? Sie müssen sich ja fühlen wie Judas, nachdem er unseren lieben Herrgott verraten hat. Das alles hat mit Journalismus nicht mehr das Geringste zu tun, sondern eher mit dem Untergang der westlichen Zivilisation. So wie diese Öko-Deppen generell, mit ihrem Klimawandel, CO2-Fußabdruck und ihren viermal recycleten Gehirnen. Im Westen nichts Neues. Kein Wunder, daß es mit den ehemals hochentwickelten Ländern zu Ende geht!"

"Aber wieso denn? Sie übertreiben, Herr Doktor, wirklich! Es wird doch überall aufgewärmt. Schauen Sie sich doch Hollywood an - nichts als Remakes, Fortsetzungen und Wiederbelebungen. Alles ohne neue Ideen. Und das gilt auch für die anderen Medien, vom Fernsehen über Bücher bis zu den Zeitungen."

"Und schuld daran sind Sie! Obwohl ja eigentlich Buchhalter und Kreaturen wie Ihr Piefke-Geschäftsführer hinter der Misere stecken. Aber Sie und Ihre Kollegen in aller Welt ziehen dieses Verarmungsprogramm gewissenlos durch. Nur Befehle befolgt, wie, Obergefreiter?!"

 

Leises Schluchzen aus der Leitung.


"Außerdem sind nicht alle Remakes, Reboots und Reimaginings von vornherein abzulehnen - im Gegensatz zu Ihrer Ödnis-Plattform. Da Sie sich hier in eine Literaturkolumne verirrt haben, möchte ich Ihnen einen lehrreichen Hinweis auf einen gelungenen Neustart geben. Obwohl 'Neustart' vielleicht übertrieben ist, weil es Perry Rhodan NEO nun ja auch schon etwa 170 Bände lang gibt ..."

"Perry Rhodan? Ich verzweifle am Leben, am Universum und am ganzen Rest - und Sie kommen mir mit Romanheften daher?"

"Taschenbüchern à 160 Seiten, der Herr. Der zuständige Verlag weiß genau, daß einfältige Menschen wie Sie unter Vorurteilen leiden. Deshalb ließ er seinen Weltraumhelden im neuen Format einen zweiten Anlauf ins All unternehmen."

"Aber die Realität hat doch diesen ganzen Schmafu längst überholt."

"Ihre Realität vielleicht - aber die führt auch direkt in den Abgrund. Rhodan hingegen strebt zum Mond, hinaus in die Galaxis und ganz allgemein zu Höherem. Allerdings landet die NEO-Version nicht 1971 auf unserem Trabanten, um dort Außerirdischen zu begegnen, sondern erst 2036."

"Also einfach ein Update? Und da machen Sie mir Vorwürfe?! Wir tun ja hier nichts anderes."

"Den Unterschied möchte ich Klavier spielen können. NEO hält sich beispielsweise nicht annähernd so lange mit Einzelheiten auf wie das Original, sondern faßt die Ereignisse aus sagen wir 100 Romanheftbänden in Zyklen von 10 bis 12 neuen Büchlein zusammen. Da ist man gleich einmal mit der neuen Menschheit auf dem Mars oder im Kuipergürtel, in anderen Sonnensystemen oder der nächsten Sterneninsel. Kenner der Serie werden mit vielen Handlungselementen und Hauptpersonen vertraut sein, freuen sich aber über die gelungenen Variationen bekannter Themen und über neue, zum Teil sehr witzige und exzentrische Protagonisten. Und für Neulinge gibt es eben jetzt auch eine Chance, in das PR-Universum einzusteigen. Spät, aber doch."

"Und was wollen Sie mir damit sagen?"

"Schreiben Sie auch Science Fiction. Denken Sie sich was aus, was keiner bei Google sucht, und fabulieren Sie darüber. Fürchten Sie nichts - absurder als Ihr Ökoplattfuß kann das Ergebnis gar nicht sein."

"Aber wovon soll ich denn leben?"

"Vom Staat, genauso wie Ihr jetziges Leser und -innenpublikum. Ist schließlich immer noch besser, als für den Feind zu arbeiten. Vielleicht haben Sie Erfolg und kommen eventuell sogar bei Perry Rhodan unter ..."

"Ich werde darüber nachdenken."

"Gut so, Abwechslung schadet nie. Wohin darf ich meine Honorarnote schicken?"

"Wie bitte? Welche Honorarnote? Wofür?!"

"Lebens- und Berufsberatung. Nach dem bewährten Motto: Was nichts kostet, ist nichts wert. Das könnten Sie übrigens auch auf Ihre Schnorrerplattform anwenden und die gleich zusperren.“

"Ich ... ähm."

"Meine Geldeintreiber werden sich bei Ihnen melden. Danke für das Gespräch."

Dr. Trash

Dr. Trash verordnet

(Illustration © Jörg Vogeltanz)


... erschien in gedruckter Form in der höchst empfehlenswerten österreichischen Literaturzeitschrift "Buchkultur" - und wird Web-exklusiv im EVOLVER weitergeführt.

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