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Die Freß-Challenge

Wenn’s um den Körper geht, gibt’s nur eine Formel: G+G=G. Soll heißen: Die Gene und die gesunde Ernährung machen das Gewicht. "The Biggest Loser" verlagert jedoch den Schwerpunkt und ernennt die Disziplin zur obersten Disziplin. Ein Fehler?    30.04.2012

Ich brauch’ keine Formel, ich hab’ das vierte G: Glück. Und Sport hab’ ich auch, regelmäßig, aber in Maßen, also manchmal, öfters selten. Dafür rauche ich mehr, das gleicht sich wieder aus. Trotzdem freu’ ich mich wie ein Schneekönig, wenn die Drillsergeantin Christine Theiss den übergewichtigen Kandidaten bei "The Biggest Loser" ordentlich in den Arsch tritt.

Als Kickboxerin kann sie das und noch mehr: enttäuscht schauen, zum Beispiel. Wenn einer nur 0,5 Prozent seines Körpergewichts verloren hat, dann schaut sie ganz stark enttäuscht.

 

Wie das passieren kann, ist mir allerdings ein Rätsel. Bei einem respektablen Startgewicht von 200 Kilo und subjektiven 100 Stunden Sport am Tag sollte eigentlich was weitergehen. Oder runter.

Bei 12mal 120 Stiegen rauf, bei 16 Grad im Pool nach einem Schatz tauchen, bei 200 herzlich geschrienen "Geht scho’, du schaffst das!!" pro Tag - da sollte eigentlich viel weitergehen. Und wer mit dem Flying Fox 300 Meter über der Tiefe hängt, braucht nicht mehr schwitzen, da erledigt das Adrenalin die Arbeit.

Und trotzdem: Immer, wenn ich mich einschalte - Chips rechts, Cola links - seh’ ich immer noch zuviel von den Kandidaten und zuwenig vom Hintergrund. Fettpolster füllen das Bild, wo eigentlich schon Skelette thronen sollten. Und die Waage zeigt es: nur 0,30 Kilo verloren, in einer Woche voll hartem Drill und sportlicher Dauerbelastung. Wie geht das?

 

Bitte, ich weiß es! Darf ich’s sagen? Es liegt an der gemeinen Freß-Challenge. Und die geht so: Ein Kandidat sitzt vor einem Haufen Zeug, das jeder gute Ernährungswissenschaftler als Atommüll einstuft. Der Kandidat darf essen. Er muß sogar, wenn er die Herausforderung gewinnen will. Er muß sogar mehr essen als die Kandidaten vor ihm, die genau vor demselben Haufen gesessen sind.

Jetzt muß sich der Kandidat fragen: Wieviel Atommüll haben die anderen geschluckt? Und kann ich das noch toppen? Zu gewinnen gibt es eine Videobotschaft von zu Hause. Oder Immunität, was heißt, daß er diese Woche nicht rausfliegt, egal, was die Waage anzeigt.

Und jetzt setze man einmal einen Menschen vor so einen Berg aus bunten Zuckerln. Einen Menschen, der eh schon sein ganzes Leben im Clinch liegt mit den Kalorien. Einen Menschen, der nur eine Schwedenbombe weit vom Herzinfarkt entfernt ist und sich zu Hause täglich Beton in die Arterien spritzt. Was macht so ein Mensch naturgemäß? Genau: Er raunzt, weil es ihm nicht schmeckt. Er findet es widerlich, weil die Kamera dabei ist. Aber essen tut er trotzdem.

 

Der Widerspruch macht den Erfolg dieser Sendung aus. Wir wollen dicke Menschen leiden sehen. Wir wollen ihnen dabei zusehen, wie sie sich den Berg raufquälen, wie sie einen LKW ziehen, wie sie Baumstämme werfen. Wir wollen sie psychisch fertigmachen und sie mit ihren Sünden konfrontieren. Wir wollen ihr Gewicht in Form von Schweinespeck sehen, das in Kübeln vor sich hingammelt. Und wir wollen die Bladen sehen, wie sie diese Kübel kilometerweit schleppen und dann zusammenbrechen.

Aber wehe, da nimmt wer ab! Dann setzen wir ihn vor eine hübsch angerichtete Tafel voll Schoki und zwingen ihn zu einer Entscheidung, die er schon vor Jahren getroffen hat. Und am Ende der Woche geben wir einer Kickboxerin recht, wenn sie enttäuscht schaut - wieder nur 0,50 Prozent des Körpergewichts verloren. Warum nur, warum?

Nina Munk

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