Akzente_Ein Bild und seine Geschichte #2

Die coole Einstiegsdroge

Stefan Becht macht sich schon wieder Gedanken. Im Mittelpunkt der zweiten Ausgabe von "Ein Bild und seine Geschichte" steht Edward Steichens Ablichtung des Stummfilmstars Gloria Swanson.    25.04.2016

Wie jede gute Geschichte beginnt auch diese mit einem Mythos: Am Ende eines Tages mit aufreibenden Photoaufnahmen im Jahr 1924 warf der Lichtbildner Edward Steichen dem Stummfilmstar Gloria Swanson einen Seidenschal zu. Instinktiv soll die Schauspielerin gewußt haben, wie sie mit diesem Schal hantieren sollte. Entstanden ist, was wir hier sehen.

 

Aber warum nur, dürfen wir fragen, lichtete der gelernte Lithograph, der Maler und ausgewiesene Kunstphotograph Steichen die Diva Swanson für die amerikanische Zeitschrift "Vanity Fair" ab? Wie weiter kolportiert wird, soll sein Freund und Förderer Alfred Stieglitz, ebenfalls Photograph, Galerist und Kunstsammler, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben, als er 1923 erfuhr, Steichen habe sich dem Kommerziellen, der Werbe-, Porträt- und Modephotographie, zugewandt.

Als Steichen dann 1938, nach 15 Jahren, den Zeitschriften "Vogue" und "Vanity Fair" Adieu sagte, hatte er unzählige Modestrecken produziert und war der bestbezahlte Photograph seiner Zeit. Durch seinen eigenwilligen Stil, seine phantasievollen Inszenierungen und seine - vorsichtig gesagt - Anleihen bei der modernen Kunst und beim Film gelangen ihm ikonenhafte Bilder, die eine ganze Generation von Modephotographen beeinflußten. Hinzu kamen mehr als 1000 Porträts, hauptsächlich für "Vantiy Fair" ins Bild gebannt. Darunter auch das aus von Gloria Swanson, wie sie - die oft porträtierte - noch nie vorher abgelichtet worden war: rätsel- bis Raubtierhaft, geheimnisvoll und verführerisch, direkt im Blick und doch ganz cool.

Das im Original 42 x 34 cm große, schwarz-weiße Bild, ein Silbergelatine-Abzug, ziert die englische Ausgabe des Buches "Fotografie. Die ganze Geschichte". 30 Autoren, vornehmlich aus England und den USA, haben es unter der Leitung von Juliet Hacking erarbeitet.

In und mit mehr als 1000 Abbildungen und in kenntnisreichen, jedoch unprofessoralen Geschichten wird das Werden, Wesen und Wirken der nun fast 190jährigen Lichtbildkunst erzählt. Photographische Strömungen, Epochen, avantgardistische Richtungen, technische Entwicklungen, Bildaufbau, besondere Photographen - es kommt alles zum Zug, chronologisch sortiert. Die Einstiegsdroge für Menschen, die sehen lernen wollen: Lesen Sie, schauen Sie, lesen Sie schauend!

Für Edward Steichen, der später durch seine legendäre Ausstellung "The Family of Man" für das MOMA zum "Patriarchen der Photographie" wurde, gab es 1923 einen ganz unmythischen Grund, kommerziell zu arbeiten: Nach einer kostspieligen Scheidung im Jahr zuvor brauchte der gute Mann ganz einfach das Geld.

 

Juliet Hacking, Fotografie. Die ganze Geschichte, 576 Seiten, 25 x 17,2 cm, mehr als 1000 Abb., € 34,95, ISBN 978-3-8321-9461-1, Dumont-Buchverlag, Köln.

Die Originalfassung erschien im Verlag Random House.

Stefan Becht

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