Akzente_Wozzeck

Der Hauch des Todes

Nein, diesmal geht es nicht um James Bond. Die Rede ist vielmehr von einem der schwärzesten Sujets der Musikgeschichte: Georg Büchners Drama "Woyzeck" in der Vertonung von Alban Berg. Was die Wiener Festwochen 2010 im Theater an der Wien daraus gemacht haben, lesen Sie hier.    26.05.2010

2010 ist wieder so ein "Schnapszahlenjahr" - da wird der 125. Geburts- und zugleich 75. Todestag von Alban Berg begangen. Leider hält man es meist nur zu solchen Anlässen für nötig, des genialen Wiener Komponisten zu gedenken. Dabei stecken in seinen beiden großen Musikdramen "Wozzeck" und "Lulu" wohl genauso viele ewiggültige Perspektiven wie etwa in Goethes "Faust".

Nun ist im Rahmen der Wiener Festwochen eine herausragende Neuproduktion gelungen: das Team Stéphane Braunschweig (Regie) und Daniel Harding (Dirigent) kreierte eine Produktion, die fast an die Spitzenaufführung des Teams Dresen/Abbado heranreichte. Braunschweig, auch für die Bühne verantwortlich, verzichtete auf alle plakativen Effekte und Bilder; die ganze Inszenierung lebte allein von der Personenführung und den einzigartigen Lichteffekten.

 

Von Anfang an wurde Wozzeck als morbide, von Ängsten geplagte Kreatur dargestellt, gequält von ihren Mitmenschen. Die Dramaturgie führte solcherart konsequent durch die 15 Szenen, bis am Schluß zwingend der Freitod als einzige Lösung für die Hauptfigur blieb. Gut auch, daß die Oper in einem Zug aufgeführt wurde; eine Pause hätte nur die Atmosphäre zerstört. (Leider wurde man an einem Abend nach dem fatalen Schluß allzuschnell aus dem Drama gerissen, als ein spätpubertierender Brüllaffe das restliche Publikum - drei Sekunden nach dem letzten Ton - mit gellendem "Bravo"-Geschrei beglückte.)

Dennoch: Bravorufe (wenn auch lieber dezent und zu rechten Zeit) waren nicht nur für die Regie angebracht, sondern auch für die Solisten und das großartige Mahler Chamber Orchestra. Daniel Harding als Dirigent ist wohl Geschmackssache; diesmal zeigte er jedenfalls eine mehr als beachtliche Leistung. Er wirkt zwar immer noch wie eine Kopie seines Mentors Claudio Abbado, aber beim jetzigen "Wozzeck" merkte man bereits eigene Persönlichkeit. Das Orchester setzte die überaus komplexe Partitur mit einem Luxusklang um, der die Wiener Philharmoniker vor Neid erblassen lassen würde.

Alban Bergs Partitur ist eine durchdachte Sammlung von Pasacaglien, Inventionen und Fugen - und natürlich Zitaten. Da hört man einmal ganz subtil den "Rosenkavalier"-Walzer, dort wird ein Volkslied zitiert, und plötzlich (so in der zweiten Szene des zweiten Aktes) spielen die Posaunen - mit Dämpfer - eine dreistimmige Fuge zum Gesang. Harding achtete auf jedes dieser Details und ließ sie genial durch das Orchester umsetzen.

Ebenso beeindruckend präsentierten sich die Sänger, die Bergs grenzüberschreitende Komponiertechnik für die Vokalisten perfekt realisierten. Angela Denokes "Marie" war mindestens so großartig wie jene von Hildegard Behrens oder Dunja Vejzovic. Der Wiener Georg Nigl stand dem mit seinem Wozzeck um nichts nach. Was die anderen Sänger betrifft, gebührt auf jeden Fall Andreas Conrad als Hauptmann höchste Bewunderung: Kaum ein Tenor hat diese Extrempartie je so perfekt gesungen und gespielt wie er.

 Diese Festwochenproduktion 2010 darf getrost als Geniestreich bezeichnet werden - sowohl szenisch als auch musikalisch.

Herbert Hiess

Alban Berg - Wozzeck

ØØØØØ

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Regie: Stéphane Braunschweig

Solisten:
Angela Denoke, Georg Nigl, Andreas Conrad, Heinz Zednik, Volker  Vogel, Wolfgang Bankl, u.a.

Arnold Schoenberg Chor
Mahler Chamber Orchestra/Daniel Harding

Premiere im Theater an der Wien:
15. Mai 2010
Reprisen:
17. und 19. Mai 2010

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