Musik_Klassik-Neuerscheinungen Frühjahr 2018

"Guter alter Ludwig van"

Im Frühling sprießen nicht nur die Pflanzen und die Hormone, sondern auch die Neuerscheinungslisten der diversen Plattenfirmen. Der Tonträgermarkt blüht wieder - und viele der aktuellen Veröffentlichungen sind gut bis hervorragend. Wir lassen aber auch die weniger überzeugenden nicht aus.    05.04.2018

Ludwig van Beethoven ist - wie es scheint - nach wie vor das Liebkind der Klassikproduzenten; kein Komponist wird so oft auf Ton- und Bildträgern verewigt wie er. Viele von Beethovens Symphonien haben schon Hitparadencharakter, und das macht es für die Interpreten schwer, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Einer davon ist der Amsterdamer Geiger und Dirigent Jaap van Zweden, der mit den New Yorker Philharmonikern anscheinend gerade dabei ist, einen neuen Beethoven-Zyklus einzuspielen. Soeben ist die CD mit der 5. und 7. Symphonie erschienen. Das Orchester spielt "pseudo-historisch informiert", aber das heißt leider nur, daß beide Symphonien langweilig im Breitwand-Sound erklingen - da helfen auch die manchmal quietschenden Hörner nichts. Der Beginn der siebenten Symphonie verdirbt einem dann überhaupt die Lust aufs Weiterhören. Wo die A-Dur-Akkorde prägnant klingen sollen, hört man hier nur einen aufgeweichten, unschönen Einsatz. Fazit: leider nicht wirklich berauschend.

Da ist die Fortsetzung des Jordan-Beethoven-Zyklus aus Wien schon weit interessanter. Auch wenn Philippe Jordan die große Genialität so mancher Beethoven-Interpreten nicht erreicht, kann sich seine Aufnahme der 4. und 5. Symphonie durchaus hören lassen.

Eine wirklich wunderbare Neuerscheinung ist allerdings die neue CD mit dem Titel "Late Beethoven". Der junge Israeli Ishay Shaer spielt darauf die Sonate Nr. 30 in E-Dur (op. 109) und zwei Gruppen von Bagatellen (op. 119 und op. 126). Shaer zeigt für diese musikalisch außerordentlich schwierigen Werke eine beeindruckende Musikalität und Reife. Mit seinen knapp 35 Jahren interpretiert er sie auf eine Art, wie sie Pianisten ansonsten erst gegen Ende ihres musikalischen Lebens demonstrieren. Unbedingte Empfehlung!

 

Symphonisches Repertoire gibt es neu von den befreundeten Komponisten Robert Schumann und Johannes Brahms. Schumanns Symphonien wurden unter Michael Tilson Thomas mit dem San Francisco Symphony Orchestra und Brahms´ Werke mit dem Scottish Chamber Orchestra unter Robin Ticciati eingespielt. Obwohl beide Aufnahmen hervorragend sind (abgesehen von einer heruntergeleierten vierten Schumann unter Tilson-Thomas), könnten sie nicht unterschiedlicher sein. Die Amerikaner spielen Schumann im Cinemascope-Luxus-Sound und klingen dabei - bis auf die Vierte eben - einfach großartig. Aber auch die Brahms-Symphonien unter Ticciati sind gelungen. Das Scottish Chamber Orchestra hat schon unter Sir Charles Mackerras bewiesen, was es kann; auch in dieser Produktion bewahrt es seinen guten Ruf. Bei ihm klingt Brahms ebenso interessant wie schroff - und trotzdem hört man hier die großen musikalischen Linien.

Auch Anton Bruckner kommt bei Neuaufnahmen immer wieder zum Zuge. Der bejubelte Workaholic Andris Nelsons darf derzeit mit "seinem" Leipziger Gewandhausorchester das Gesamtwerk des Komponisten einspielen. Nach der unlängst erschienenen dritten Symphonie kam nun auch die vierte auf dem Markt - und bewies, wie bedeutungslos Nelsons´ Bruckner-Interpretationen eigentlich sind. Sie sind zwar schön und sauber gespielt, aber dennoch nichtssagend. Demnächst soll ja die siebente Symphonie erscheinen; auch dieses Werk wird hierorts garantiert Erwähnung finden.

Gustav Mahler ist immer ein Hit in den CD-Charts. Nun hat der Bayerische Rundfunk in einer schönen Box das Gesamtwerk des Komponisten unter den Dirigenten Bernard Haitink, Daniel Harding und Mariss Jansons veröffentlicht. Die achte Symphonie war eine BMG-Einspielung unter Sir Colin Davis und vervollständigt die sehr begehrte Mahler-Box.

 

Leonard Bernstein würde 2018 seinen 100. Geburtstag feiern. Sein einstiges Stammlabel Deutsche Grammophon brachte daher sein Riesen-Opus "Mass" mit dem hochtalentierten Yannick Nézet-Séguin und dem Philadelphia Orchestra heraus. Es ist ein überaus interessantes Werk, das viele Musikstile vereinigt - von Mediationen über Rumba- und Jazzrhythmen bis hin zu gewaltigen Chorszenen. Den Solisten wird hier tatsächlich alles abverlangt, was nur möglich ist. Bernstein verschonte die Sänger ganz und gar nicht: sie müssen ihre Stimmen in alle Extremlagen manövrieren, was ihnen auf dieser Aufnahme auch bestens gelingt. Damit ist "Mass" eine schöne Gelegenheit, auch als Hörer das Bernstein-Jubiläumsjahr zu beginnen.

Eine interessante Entdeckung ist die neue Schostakowitsch-CD unter Paavo Järvi mit dem Estonian Festival Orchestra. Mit den ausgezeichneten Musikern bringt der Dirigent die 6. Symphonie in h-moll und die "Sinfonietta" zum Klingen. Auch wenn Järvis Interpretation nicht besonders tiefgehend ist, kann man den Tonträger auf alle Fälle empfehlen.

Die "Evergreen-Aufnahmen" der Plattenlabels erscheinen in letzter Zeit zunehmend auf CD und Blu-ray-Discs. Letztere kann man auf modernen DVD/Blu-ray-Anlagen hervorragend abspielen und erzielt schon mit einer guten Hi-Fi-Anlage beste Qualität. Die Decca hat innerhalb kürzester Zeit die Beethoven-Klavierkonzerte mit dem Chicago Symphony Orchestra unter Sir Georg Solti und dem Starpianisten Wladimir Aschkenasi herausgebracht.

Auch bei den Wagner-Opern mit den Wiener Philharmonikern unter Solti, die mittlerweile zum musikalischen Weltkulturerbe gehören, ist der Plattenkonzern nicht zögerlich. "Tristan und Isolde" mit der göttlichen Birgit Nilsson und "Parsifal" mit René Kollo sind in solchen Packages erschienen: typische Decca-Qualität aus den Wiener Sofiensälen. Was die Aufnahmetechniker in den 60er und 70er Jahren zusammengebracht haben, läßt sich heute einfach nicht mehr wiederholen.

Da könnte man richtig nostalgisch werden ...

Herbert Hiess

Ludwig van Beethoven - Symphonien Nr. 5 und Nr. 7

ØØ 1/2

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Symphonien Nr. 5 in c-moll und Nr. 7 in A-Dur

 

New York Philharmonic Orchestra/Jaap van Zweden

 

Deutsche Grammophon/Universal (D 2018)

Links:

Ludwig van Beethoven - Symphonien Nr. 4 und 5

ØØØØ 1/2

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Symphonien Nr. 4 in B-Dur und Nr. 5 in c-moll

 

Wiener Symphoniker/Philippe Jordan

 

Sony Classical (D 2018)

Links:

Ishay Shaer - Late Beethoven

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Spätwerke von Ludwig van Beethoven:

Klaviersonate Nr. 30 in E-Dur op. 109

Sechs Bagatellen op. 126

Elf Bagatellen op. 119

 

Ishay Shaer, Klavier

 

Orchid Classics (GB 2018)

Links:

Robert Schumann: Symphonies Nr. 1-4

ØØØØ 1/2

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Robert Schumann: Symphonien Nr. 1-4 (komplett)

 

San Francisco Symphony Orchestra/Michael Tilson-Thomas

 

SFS Media (USA 2018)

Links:

Brahms: The Symphonies

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Johannes Brahms: Symphonien (komplett)

 

Scottish Chamber Orchestra/Robin Ticciati

 

Linn Records (GB 2018)

Links:

Anton Bruckner - Symphonie Nr. 4 in Es-Dur

ØØ 1/2

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Anton Bruckner: Symphonie Nr. 4 in Es-Dur

Richard Wagner: Vorspiel zur Oper "Lohengrin"

 

Gewandhausorchester Leipzig/Andris Nelsons

 

Deutsche Grammophon/Universal (D 2018)

Links:

Gustav Mahler - Symphonien 1 - 9

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div. Solisten

 

Chor des Bayerischen Rundfunks

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks/Sir Colin Davis, Daniel Harding, Bernard Haitink, Mariss Jansons, Yannick Nézet-Séguin

 

BR-Label (D 2018)

Links:

Leonard Bernstein - Mass

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div. Chöre und Solisten

 

The Philadelphia Orchestra/Yannick Nézet-Séguin

 

Deutsche Grammophon/Universal (D 2018)

Links:

Dmitri Schostakowitsch - Symphonie Nr. 6 in h-moll etc.

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Symphonie Nr. 6 in h-moll op. 54

Sinfoniette op. 110

 

Estonian Festival Orchestra/Paavo Järvi

 

Alpha Classics (F 2018)

Links:

Ludwig van Beethoven - Klavierkonzerte

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Blu-ray-Edition

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Ludwig van Beethoven: Klavierkonzerte 1-5

 

Vladimir Ashkenazy, Klavier

Chicago Symphony Orchestra/Sir Georg Solti

 

Decca/Universal (D 2018)

Links:

Richard Wagner - Tristan und Isolde

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Blu-ray-Edition

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Birgit Nilsson, Wolfgang Windgassen u. a.

 

Wiener Staatsopernchor

Wiener Philharmoniker/Sir Georg Solti

 

Decca/Universal (D 2018)

Links:

Richard Wagner - Parsifal

ØØØØØ

Blu-ray-Edition

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Solisten: René Kollo, Christa Ludwig u. a.

 

Wiener Staatsopernchor

Wiener Philharmoniker/Sir Georg Solti

 

Decca/Universal (D 2018)

Links:

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