Musik_Herbstliche Neuheiten 2016

Quer durch die Musikgeschichte

Es lohnt sich, die aktuellen Tonträgerkataloge nicht nur nach Neuheiten zu durchforsten, sondern auch nach wiederaufgelegten Produktionen. Hier lassen sich echte Schätze finden. Ein Beispiel dafür ist Wagners "Ring" unter Herbert von Karajan, den es jetzt in einer recht preisgünstigen Version gibt.    28.09.2016

Wagners Monsterwerk "Der Ring des Nibelungen" gibt es zwar in vielen Produktionen; in der Plattengeschichte haben sich jedoch nur zwei davon durchgesetzt: zum einen jene mit den Wiener Philharmonikern unter Sir Georg Solti und zum anderen die mit den Berliner Philharmonikern unter Herbert von Karajan. Letztere gibt es jetzt als preisgünstige CD-Version.

Die vorliegende Aufnahme schlägt den Hörer sofort in ihren Bann. Karajan versteht es, die kammermusikalischen Feinheiten Wagners phantastisch hervorzuheben, während er an den pastosen Stellen die Musik so richtig "knallen" läßt. Was hätte das für eine Aufnahme sein können, wenn die Deutsche Grammophon die gleiche Aufnahmetechnik verwendet hätte wie die Decca beim Solti-Ring! Wenn man Karajan und seinen Orchesterklang kennt, weiß man, daß beim Gelb-Label damals nicht das Optimum erreicht wurde. So kommt die Virtuosität des Orchesters absolut nicht zur Geltung. Dafür ist in der Produktion das Sängersensemble einfach Weltklasse. Angefangen von Dietrich Fischer-Dieskau als "Rheingold"-Wotan, über Jon Vickers und Gundula Janowitz als "Walküre"-Wälsungenpaar, bis hin zu Thomas Stewart als hervorragendem Wotan und Jess Thomas als Siegfried im gleichnamigen dritten Teil der Tetralogie. Trotz des "Mangels" in Sachen Tonqualität handelt es sich also um eine Aufnahme mit Kult-Charakter.

 

Für Klavierfreunde absolut hörenswert ist das Gesamtwerk von Arturo Benedetti-Michelangeli bei der Deutschen Grammophon. Hier sind Klavierkonzerte von Mozart und Beethoven sowie Solowerke von Debussy, Schubert etc. zu finden. Der 1920 in Brescia geborene Starpianist war hochsensibel und konnte nur unter gewissen Bedingungen auftreten. Er stellte so hohe Ansprüche an sich, daß er sich sogar selbst viele Gelegenheiten verbaute. So hatte er einmal bei einer Probe des dritten Klavierkonzerts von Beethoven neben dem vom Musikverein in Wien zur Verfügung gestellten Steinway sein eigenes Klavier mit und sprang während der Probe zwischen den nebeneinander stehenden Flügeln hin und her. Wahrscheinlich hörte nur er selbst die Unterschiede; aber wenn er spielte, tat sich ein wahrer Pianisten-Kosmos auf. Solche sphärischen Klänge hört man nur ganz selten im Leben. Den immensen Anspruch des Künstlers an sich selbst unermauert ein gemeinsamer Auftritt mit Carlo Maria Giulini im österreichischen Fernsehen, bei dem beide die kurzfristige Absage von Beethoven-Konzerten mit den Wiener Symphonikern recht umständlich begründeten. 

Zur aktuellen Kulturszene läßt sich mit der phantastischen CD der jungen Schweizerin Regula Mühlemann hier leicht eine Überleitung finden, da Benedetti-Michelangelis Enkel Umberto bei dieser Aufnahme das Basler Kammerorchester dirigiert. Regula Mühlemann hat mit ihrem bezaubernden und tragfähigen Koloratursopran eindeutig das Zeug zu einer Weltkarriere, die sie bei vernünftiger Planung auch leicht erreichen wird. Einfach wunderschön, mit welcher Leichtigkeit sie das hohe E in der "Blondchen"-Arie aus Mozarts "Die Entführung aus dem Serail" erreicht - da hat man schon andere Kaliber straucheln hören. Ihre Koloraturen klingen "silbern", wie man es von einer Weltstimme einfach erwartet. Vielleicht täten manchmal eine noch deutlichere Aussprache und mehr Wortspiel als Feinschliff gut, aber ihre musikalische Interpretation ist erstklassig.

 

Der russische Stardirigent Valery Gergiev ist seit vergangenem Jahr Chef der Münchner Philharmoniker und begann dort sein Wirken mit Gustav Mahlers 2. Symphonie und Anton Bruckners 4. Symphonie. Von beiden Produktionen liegen jetzt Mitschnitte vor, die gemeinsam vom Orchester und Warner produziert wurden, was laut Warner der Grundstein für eine längerdauernde Partnerschaft sein soll.

Maestro Gergiev wurde bis dato ja immer nur mit dem russischen Kernrepertoire assoziert. Mit diesen Aufnahmen blamiert er jetzt viele ahnungslose Kritiker. Er interpretiert die deutschen Romantiker, als hätte er noch nie etwas anderes getan. Mit seinen "Flatterfingern" motiviert er die Musiker bis hin zum letzten Pult. Klanglich versteht er unter Romantik nicht "breiig" und "verwaschen", sondern läßt vielmehr mit einem fast aggressiven Klang aufhorchen, wobei die lyrischen Passagen trotzdem echt lyrisch sind. Auf jeden Fall machen beide Neuproduktionen Lust auf weit mehr.

Für die Stimmfetischisten unter den Hörern gibt es eine neue Scheibe namens "Verismo" mit Anna Netrebko sowie eine Arienkompilation mit Juan Diego Florez. Netrebkos Aufnahme leitet der superbe Maestro Sir Antonio Pappano; auch Netrebkos Ehemann darf bei ein paar Nummern mitsingen. Der CD ist auch eine DVD mit drei Nummern beigepackt, die das typische Netrebko-Syndrom belegt: Wenn man hinschaut, muß man ihr exzellentes Spiel am Konzertpodium bewundern; wendet sich der Blick aber nur kurz ab, so merkt man, daß alle Arien gleich klingen. So fehlen bei der großen "Butterfly"-Arie das Traurig-Mädchenhafte und bei Madeleines Arie aus "Andrea Chenier" das Trotzig-Heldenhafte. Gerade bei den Verismo-Arien und Szenen wird die ihr so eigene vokale Monotonie zum Hemmschuh. Da ihre Stimme trotzdem Weltklasse hat, wird die CD sicher hohe Verkaufszahlen einspielen. Die wären beim Peruaner Florez allerdings viel eher angebracht, da die hier aufgenommenen Nummern sein großes Können, seine einzigartige Stimme und seine große Vielseitigkeit belegen. Ein wertvolles Tondokument.

Ob die Neuaufnahme von Verdis "Aida" unter dem Event-Dirigenten Zubin Mehta Dokumentcharakter hat, wird die Zeit zeigen. Tatsache ist, daß Andrea Bocelli sicher ein gern gesehener Gast bei diversen Shows, Galaabenden usw. ist; daß er ein rollendeckener Radames ist, kann man aber beim besten Willen nicht behaupten. Die Partie ist sowieso eine der schwierigsten - und so, wie sich der Sänger schon bei der Auftrittsarie "Dolce Aida" plagt, ist das keine gute Visitenkarte. Obwohl Mehta ein hervorragendes Ensemble zur Verfügung hat (Ambrogio Maestri als Amonasro und Carlo Colombara als Ramphis), ist ihm mehr als eine brave und fehlerfreie Aufnahme leider nicht gelungen.

Herbert Hiess

Der Ring des Nibelungen

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Gesamtaufnahme

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Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen

 

div. Solisten

Chor der Deutschen Oper Berlin

 

Berliner Philharmoniker/Herbert von Karajan

 

Deutsche Grammophon/Universal (D 2016)

Links:

Michelangeli: Sämtliche Aufnahmen für DG

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Gesamtaufnahme

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Arturo Benedetti-Michelangeli, Klavier

 

div. Orchester und Dirigenten

 

Deutsche Grammophon/Universal (D 2016)

Links:

Mozart: Arias

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Recital

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Wolfgang Amadeus Mozart: div. Arien

 

Regula Mühlemann, Sopran

Kammerorchester Basel/Umberto Benedetti-Michelangli

 

Sony Music (D 2016)

Links:

Verismo

ØØØ 1/2

Recital

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Arien und Szenen

 

Anna Netrebko,  Sopran

Orchestra dell´Accademia Nazionale di Santa Cecilia/Antonio Pappano

 

Deutsche Grammophon/Universal (D 2016)

Links:

The Ultimate Collection

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Recital

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div. Arien

 

Juan Diego Florez, Tenor

 

div. Orchester und Dirigenten

 

Decca/Universal (D 2016)

Links:

Bruckner: Symphony Nr. 4 "Romantic"

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Konzert

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Anton Bruckner: Symphonie Nr. 4 in Es-Dur "Romantische"

 

Münchner Philharmoniker/Valery Gergiev

 

Münchner Philharmoniker/Warner (D 2016)

Links:

"Resurrection"

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Symphonie

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Gustav Mahler: Symphonie Nr. 2 in c-moll "Auferstehung"

 

Anne Schwanewilms, Sopran

Olga Borodina, Alt

 

Philharmonischer Chor München

Münchner Philharmoniker/Valery Gergiev

 

Münchner Philharmoniker/Warner (D 2016)

Links:

Aida

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Gesamtaufnahme

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Giuseppe Verdi: Aida

 

Solisten: Kristin Lewis, Veronica Simeoni, Andrea Bocelli, Carlo Colombara, Ambrogio Maestri u. a.

 

Orchestra e coro del Maggio Musicale Fiorentino/Zubin Mehta

 

Decca/Universal (D 2016)

Links:

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